Bayern, Hoeneß und Bergbau: Lektürestunde im Seniorenheim

Von: Holger Bubel
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Hat ein besonderes Angebot für die Seniorinnen und Senioren von Haus St. Josef in Busch: Klaus Versin (M.) liest aus der Tageszeitung vor und kommentiert auch das Geschehen. Besonders interessiert die Bewohner der Lokalteil. Daraus erfahren sie, was in der Stadt geschieht, in der sie leben. Foto: Holger Bubel

Alsdorf. Bei manchen Meldungen, die Klaus Versin vorliest, ist die Fassungslosigkeit riesengroß. Auch die Weisheit des Alters schützt offenbar nicht davor, die alltäglichen Schrecken des Lebens als gegeben und gelassen hinzunehmen – Alter stumpft nicht ab, macht nicht gleichgültig.

Die rund 20 Bewohner des St. Josef Hauses in Alsdorf – es sind überwiegend Seniorinnen, die sich im Gemeinschaftsraum eingefunden haben, nur ein Mann ist dabei – hören den Worten des 56-jährigen Sozialpädagogen aufmerksam zu, wenn er aus der Aachener Lokalzeitung vorliest. Das tut er jeden Morgen etwa eine halbe Stunde lang, freitags aber fällt die Lektürezeit länger aus, dann werden manche Themen ausführlicher besprochen, Emotionen besonders geweckt oder Erinnerungen heraufbeschworen.

„Bei den Artikeln, die ich vorlese und auch kommentiere, nehme ich keine Rücksicht darauf, ob es gute oder schlechte Nachrichten sind. Es sind Dinge, die die ganze Gesellschaft bewegen“, macht Versin klar, dass diese Veranstaltung – längst ein Ritual in dem Buscher Seniorenwohnheim – keine Märchenstunde ist. „Obgleich, die europäischen Königshäuser mit ihren Vermählungen, Inthronisierungen oder anstehende Geburten natürlich interessante Stoffe für die älteren Damen sind.“

An diesem Tag gibt es aber nichts zu berichten über Prinzessin Kate und deren Schwangerschaft, statt weicher Themen liest Klaus Versin schwere Kost vor: über den NSU-Prozess, die eingestürzte Textilfabrik in Bangladesch mit über 500 Toten, die Hungersnot in Somalia, von dem Fünfjährigen, der in den USA eine Zweijährige mit seinem eigenen Gewehr erschossen hat oder von dem verurteilten US-Bürger in Nordkorea, dem 15 Jahre Arbeitslager drohen.

„Das bedeutet vielleicht 15 Jahre in einem Bergwerk unter Tage, ständig ohne Tageslicht. Die meisten überleben das nicht“, erklärt Versin und schlägt eine Brücke zu den Zuhörerinnen: „Mancher Ihrer Ehemänner war im Bergbau beschäftigt, unter Tage. Erinnern Sie sich? Keiner weiß das Licht, die Sonne und das Vogelgezwitscher so zu schätzen wie ein Bergmann.“

Die älteren Damen nicken, manche lächeln, andere machen den Anschein, melancholischer, wehmütiger Erinnerungen nachzuhängen. Doch dieser Zustand hält nicht lange an. Denn auch Fröhliches bietet das Leben, von dem die Zeitung täglich berichtet: Wer wird Champions League-Sieger? Mit nur zwei Gegenstimmen ist sich die Runde sicher: Bayern. Und was ist mit Hoeneß? Einigkeit: Große Verdienste für den Verein, aber ein Foulspiel an der Gesellschaft.

Im Lokalteil ist das kommende Alsdorfer Stadtgespräch rund um den Sport Thema. Die Damen erinnern sich, ermuntert von Versin, an die vielen Vereine, die es in Alsdorf gibt und immer schon gab. Da hat jede ihren Verein, in dem der Mann Fußball, Handball oder anderes gespielt hat.

Thema ist auch Alemannia Aachen: Was geschieht mit dem Stadion, wenn bei den Öchern das Licht ausgeht? Angeregt von Hubert Kahlen– in St. Josef als Ehrenamtler sozusagen „Mädchen für alles“ –, der vorschlägt, die Sitze rauszureißen und eine Radrennbahn aus dem Stadion zu machen, lässt die Zuhörerinnen wieder in Erinnerungen schwelgen: an die 20er Jahre, als zwischen Kellersberg I und dem Weiher im Sand alter Kiesgruben eine Zement-Radrennbahn entstanden war: „Ich erinnere mich vage, dort mit meinem Vater gewesen zu sein“, erzählt die 83-jährige Maria Schmitz. Erst kurz in St. Josef beheimatet, gehört sie schon zum Stammpublikum der Zeitungsrunde. Auch die Kundgebung der IG BCE am 1. Mai an der Burg wird diskutiert: Nur 250 Teilnehmer waren dort? „Früher“, erinnert sich eine Bewohnerin, „waren wir alle in der Gewerkschaft. Das gehörte sich einfach so als Arbeiter.“

Nach einer Stunde sind die Damen – und der eine Herr – gut informiert über das Welt- und lokale Geschehen. „Wir leben ja mitten in dieser Gesellschaft. Da muss man doch wissen, was geschieht. Auch wenn es schlimm ist. Das war es früher doch auch“, sagt die 93-jährige Anna Heese. Trude Feiter, 84 Jahre alt, ergänzt: „Die Politik in Alsdorf verfolge ich sehr aufmerksam. Wichtig sind mir auch die ergänzenden Informationen dazu.“ Und Elfriede Töller (77) spricht aus, was wohl auch alle zur Teilnahme bewegt: „Es ist eine gute Gelegenheit, die Kontakte im Haus zu pflegen und neue Bewohner kennen zu lernen.“

Hier leistet der Lokalteil der Zeitung einen besonders wichtigen Beitrag: wegen seines unmittelbaren Bezugs zu den Menschen und Dingen, die bewegen – und berühren.

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