Baesweiler - Baumschönheiten mit dem „Boah-Effekt“

Baumschönheiten mit dem „Boah-Effekt“

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:
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Alles im Blick: Von der Hebebühne aus hantiert Udo Thorwesten in luftiger Höhe. Foto: Stefan Schaum
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Der Bergahorn vorm Settericher Rathaus ist trotz „Schönheitsfehler“ in der Krone ein Naturdenkmal. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler. Leicht hat der stramme Kerl es nicht gehabt. „Der war ‘ne richtig arme Sau“, sagt Udo Thorwesten und deutet hoch zur Krone des Bergahorns vor dem Settericher Rathaus. In der Mitte wächst schon lang nichts mehr, das windschiefe Ende des Stamms ragt astlos empor.

„Der Baum hat leider erst vor gut 20 Jahren bei der Umgestaltung des Rathausplatzes einen schützenden Abgrenzungsring aus Metall bekommen“, sagt Thorwesten, Mitarbeiter der unteren Landschaftsbehörde. Die mehr als 100 Jahre zuvor haben Marktbeschicker und andere ihn ordentlich malträtiert.

„Dem haben sie sicher des öfteren eine Bude auf die Füße gesetzt!“ Und so hat das Leid der Wurzeln das Wachstum beeinträchtigt. Heute braucht der Baum viel Pflege, schließlich ist er ein Naturdenkmal. Und trotz seiner mageren Krone ist er ein Hingucker, der es durchaus noch ein paar Jahrzehnte machen kann und soll.

Bäume wie ihn nimmt Thorwesten seit Dienstag wieder gründlich unter die Lupe – und päppelt sie bei Bedarf ein wenig auf.

Drei Wochen wird er unterwegs sein. Mit einem geliehenen Laster samt Hebebühne und zwei Kollegen. Quer durch die Städteregion geht es, in der es rund 260 Naturdenkmale gibt. Fast alle sind Bäume. Dazu kommen in der Eifel noch ein paar Fledermausstollen, die aber vergittert sind und somit weit weniger prüfungsintensiv als die Pflanzen.

Eigentlich ist Thorwesten eine Art Altenpfleger. „Wir sind hier im Seniorenheim unterwegs“, sagt er schmunzelnd, „die meisten Naturdenkmal-Bäume haben beide Weltkriege hinter sich, in vielen finden sich Einschusslöcher.“

Alt sind sie – aber schön. Nur darum geht es. „Es braucht schon einen Boah-Effekt, damit ein Baum zum Denkmal wird. Den muss man anschauen und sofort denken: Mensch, der sieht aber toll aus!“ Möglichst solitär sollte so ein Baum stehen. Viele Naturdenkmale prägen optisch ganze Ortsteile, in denen sie seit Generationen wachsen.

Die Pflege braucht Fingerspitzengefühl. Wenn Thorwesten zu Werke geht, wirkt er wie ein Frisör, zu dem man gesagt hat: „Aber bitte nur die Spitzen!“ Hier fällt ein abgestorbenes Ästchen runter, dort noch eines. Selten große Dinger. Weniger schneiden ist mehr, deshalb nehmen die Männer auch keine Motorsäge mit in die Hebebühnengondel.

„Dann ist zu flott mal ein Ast weggesägt. Wenn man mit der alten Handsäge arbeitet, arbeitet man mit mehr Bedacht.“ Und überhaupt: So ein Denkmal braucht seine Äste. „Früher hat man gedacht, dass man Bäume immer gut freischneiden muss, damit der Wind durchblasen kann. Das ist völliger Quatsch!“

Eine gute halbe Stunde dauert die Prüfung des Bergahorns. Auch der Stammumfang wird vermessen, knapp 2,65 Meter. „Der legt sogar an Dicke zu“, sagt Thorwesten nach einem Blick auf sein Datenblatt. „Das ist ein richtig guter Kamerad!“ Gut möglich, dass bald das Schildchen mit der Aufschrift „Naturdenkmal“ runterfällt.

Thorwesten hängt nie das große mit dem grünem Rahmen neben einen Baum. „Sieht zu protzig aus.“ Er befestigt lieber ein ganz kleines mit Silikon auf der Rinde. Und wenn der Baum wächst, flutscht das Plastikschild irgendwann ab und wird neu verklebt. „Das zeigt uns dann auch, dass viel Leben im Baum steckt.“

Jüngst hat er einen Bodenbelüfter angeschafft, der im kommenden Frühjahr erstmals eingesetzt wird. Der soll die Erde um die „alten Kameraden“ auflockern und ihnen Luft verschaffen. „Wir wollen weiter dafür sorgen, dass es ihnen möglichst gut geht.“ Früher eine arme Sau – heute ein richtig gut gehegter Freund.

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