Ausbildung: Hier kann Mustafa seinen Weg machen

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
12642683.jpg
Ware präsentieren, Kunden beraten: Mustafa Rezai fühlt sich in seinem Ausbildungsberuf sichtlich wohl. Foto: Beatrix Oprée
12642685.jpg
Sie kümmern sich: (v.l.) Betreuer Heinz Dautzenberg, Supermarkt-Betreiber Ralf Bellefroid und Berufsberaterin Karin Nilkens ist Mustafas Fortkommen ein persönliches Anliegen.

Nordkreis. Mustafa lächelt. „Alle sind nett,“ bekundet er, „die Kollegen, die Kunden, mein Chef. Hier komme ich wirklich gerne hin!“ Der 18-Jährige ist seit Februar Azubi im Supermarkt am Reckerpark in Würselen. Kunden schätzen sein hilfsbereites Wesen. Und für Chef Ralf Bellefroid, der das Lob mit väterlichem Blick quittiert, ist klar: Mit Mustafa hat er eine gute Wahl getroffen.

Neben Zuverlässigkeit, Freundlichkeit und Fleiß schätzt er die Wissbegierde des jungen Mannes. „Er hakt sofort nach, wenn er etwas nicht verstanden hat. Und es ist bewundernswert, wie schnell er Deutsch gelernt hat.“ Mustafa Rezai kann seinen Weg in Deutschland machen, dank gezielter und gut vernetzter Unterstützung durch wohlwollende Betreuung, aufmerksame Lehrer und Projekte der Agentur für Arbeit.

Eine positive Wende im Leben eines Jungen, der als 14-Jähriger in seiner Heimat Afghanistan durch die Taliban in lebensbedrohende Gefahr geraten war und deswegen mit seinen Eltern fliehen musste. Einst wohlhabend, der Vater war Fleischhändler, ließ die Familie alles zurück in einem Land, dessen Alltag regelmäßig auch von verheerenden Selbstmordattentaten der IS-Terrormiliz erschüttert wird.

„Ich ahnte zunächst gar nicht, dass wir in Deutschland waren“, erinnert sich Mustafa an den Tag, als die Familie nach einigen Zwischenlandungen und Irrwegen von irgendjemandem im Irgendwo abgesetzt wurde. „Leute haben uns dann geholfen und die Polizei gerufen.“ Die Aufnahmestelle für Asylsuchende in Bielefeld war dann die erste Station, von der aus die Familie der Stadt Herzogenrath zugewiesen wurde.

Im Wohnheim übernahm Mustafa die Initiative, begann auch für seine Eltern die Details des Asylverfahrens zu regeln, musste im jugendlichen Alter wesentliche Entscheidungen über das Schicksal der ganzen Familie treffen. In einem Land, dessen Sprache und Alltagsstrukturen ihm völlig fremd waren.

Als 14-Jähriger noch schulpflichtig, wurde er der Europahauptschule in Blumenrath zugewiesen – und am ersten Tag von einem Helfer im Auto auch dort abgesetzt. Wie er aber selbstständig, mit Bus oder Bahn, sein neues tägliches Ziel in der anderen fremden Stadt erreichen sollte, zeigte ihm niemand. Er fand es schließlich alleine heraus. Seinen neuen Lehrern fiel er dann wegen genau dieser Beharrlichkeit im Erwerb von Fertigkeiten, seines Lerneifers und seiner Höflichkeit auf.

Doch dauernd gab es auch neue Nachrichten seitens der Behörden, Fristen mussten eingehalten, wichtige Angelegenheiten geregelt werden. „Ich habe sofort gemerkt, dass er damit überfordert war“, erzählt Karin Nilkens, Berufsberaterin der Bundesagentur für Arbeit, die Mustafa in ihrer Sprechstunden an der Schule kennenlernte: „Hier musste engmaschigere Hilfe her.“ Bei Heinz Dautzenberg, einem engagierten Lehrer der Marien-Realschule in Mariadorf, den sie aufgrund ihrer Beratungstätigkeit kannte, fiel ihr Anliegen auf fruchtbaren Boden.

Der 58-Jährige nahm den Jungen unter seine Fittiche, in kurzer Zeit schon waren die Asylangelegenheiten vorerst geklärt. Um auch das berufliche Fortkommen zu sichern, nahm Dautzenberg Kontakt zu Ralf Bellefroid auf. Den beeindruckte zunächst die Lebensgeschichte des jungen Menschen und dann die Leistungen im bald folgenden Praktikum. Nach dem Hauptschulabschluss der Klasse 10 hatte Mustafa berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) beim Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VabW) in Alsdorf absolviert.

Als Quereinsteiger, sechs Monate vor Beginn des kommenden Ausbildungsjahrs, startete Mustafa ins Berufsleben. Denn Supermarkt-Betreiber Bellefroid ist überzeugt, dass er vollauf geeignet ist, alle neuen Aufgaben zu bewältigen. Was auch bedeutet, dass Mustafa ein halbes Jahr Vorsprung seiner Klassenkameraden auf dem Berufskolleg in Herzogenrath aufholen muss.

Hilfe erfährt der 18-Jährige dabei durch ein weiteres Angebot der Bundesagentur für Arbeit: die assistierte Ausbildung (AsA) – eine kontinuierliche, an der Lebenssituation orientierte Begleitung. Hauptzielgruppe sind lernbeeinträchtigte oder sozial benachteiligte Jugendliche und junge Menschen mit Behinderung. Doch auch junge Flüchtlinge können von diesem Programm profitieren.

Mustafa erhält durch den in Aachen und Alsdorf tätigen Verein „In Via“ Stützunterricht, um sprachliche und schulische Defizite auszugleichen. Mit seiner Ausbildungsvergütung ist er jetzt in der Lage, seine Eltern zu unterstützen.

Die bringen sich im übrigen auch ein – bei der Herzogenrather Tafel und im Gartenprojekt des Soziokulturellen Zentrums Klösterchen. Der Einstieg in den Beruf hat für Mustafa aber erklärtermaßen noch eine andere Dimension: endlich wieder einmal längere Zeit ohne Angst sein zu können.

Die Ausbildungsplattfom in der Region Aachen, Düren und Heinsberg: acubi.de

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert