Aus purer Freude Pferde für den Dressursport züchten

Von: Ute Steinbusch
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An Elite-Fohlenauktion in Verden teilgenommen: Susanne Esser präsentiert Questico. Foto: Ute Steinbusch

Alsdorf. Waltrauds Sohn geht demnächst nach Indonesien. Es ist seine erste große Reise. Geboren ist Questico in Hoengen auf einem Vierkanthof direkt an der Jülicher Straße. „ZweiPferdhof“ nennen Susanne und Günter Esser ihr Domizil, auf dem der Kleine laufen gelernt hat. Waltrauds Sohn ist ein gut vier Monate altes Fohlen, das sich schon einen Namen gemacht hat.

Auf der Euregio-Pferdeschau gewann es die Goldmedaille und den „Endring“. Die hohen Ehren berechtigten zur Teilnahme an der Elite-Fohlenauktion im Pferde-Mekka Verden, wo der Kleine vor wenigen Tagen seinen zukünftigen Besitzer aus dem fernen Land fand.

Was Susanne und Günter Esser so gut einbettet zwischen der Jülicher Straße, zahlreichen Einfamilienhäusern und bis hin zur Hoengener Kirche betreiben, ist keineswegs eine stattliche Einkommensquelle. „Wir haben Freude daran, gesunde Pferde für den Dressursport zu züchten, die klar im Kopf sind und Bewegungspotenzial haben“, erklärt die Frau des Hauses. Ihr Gatte fügt hinzu: „Was man hier rein steckt, holt man nie raus. Das muss man mit Idealismus machen.“

Nun ist Susanne Esser dem Reitsport schon lange verbunden. Bis 2007 hat sie Dressurprüfungen bis hin zur Klasse M geritten, übrigens bis zum Schluss auf Waltraud, einer Staatsprämienstute, deren Papiere sie als Winona von Walt Disney/Werther ausweisen.

Günter Esser hat den Sport der Wahl seiner Frau nur begleitet, war gleichsam der „TT“. Die unrühmliche Abkürzung steht für „Turniertrottel“, für denjenigen, der dem Reiter beim Turnier alle wichtigen und weniger wichtigen Dinge nachträgt. Der Funke ist erst auf ihn übergesprungen, als die zwei sich auf die Zucht verlegt haben, eigentlich auch aus Verlegenheit, weil Waltraud sich verletzt hatte.

Seitdem haben sie mit Waltraud sechs Fohlen gezogen, zwei weitere mit Uschi, einer Hauptstammbuchstute von Diorello/Feinbrand.

Um fünf Uhr in der Frühe klingelt im beschaulichen Hoengen täglich der Wecker. Die Pferde und darüber hinaus die Hunde – Essers züchten auch mit Hündin Ida – müssen versorgt werden. Das Ehepaar ist voll berufstätig, sie arbeitet als Personalerin in einem mittelständischen Kohlscheider Unternehmen.

Stressig wurde es, als Fitzroy, Uschis Fohlen, im Juni beinahe zeitgleich mit Idas Welpen zur Welt kam. Zumal die putzigen Hundebabys per Kaiserschnitt geholt werden mussten. In solchen Augenblicken bauen die Essers einmal mehr auf ihr „Team Red“, die Damen in den roten Polos, die unentgeltlich und aus Spaß am Umgang mit den Tieren tagtäglich aus der Umgebung kommen und helfen.

Zuverlässigkeit ist das Kriterium, das bei Annika, Denise, Clarissa, Johanna, Tina, Lisa, Christina und anderen an oberster Stelle steht. „Da hatten wir auch durchaus schon Verschleiß“, erinnert sich Susanne Esser. Aber das Wohl der Tiere steht auf dem „ZweiPferdhof“ an oberster Stelle. Hinzu kommt die Familienatmosphäre, wenn der Tisch im Hof gerichtet ist und gemeinsam etwa leckere Pizza geschmaust wird. Die Familienatmosphäre überträgt sich auf die Tiere. Die Hunde sind absolut zutraulich, die Fohlen gehören zur „großen Familie“. „Wir haben bis jetzt auch mit allen, die unsere Pferde gekauft haben, noch Kontakt“, erzählt Susanne Esser.

Darunter sind namhafte Dressursportler wie die Familie Balkenhol. Vater Klaus ist ehemaliger deutscher Bundestrainer der Dressurreiter, Team-Weltmeister und –Olympiasieger. Jemand, der einen Blick für gute Pferde hat, zum Beispiel für Dablino, das Pferd, mit dem seine Tochter Annabel im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen gestartet ist.

Manchmal braucht es diesen geübten Blick und eine Portion Zufall: Als das Patenkind der Balkenhols vor ein paar Jahren ein Praktikum beim Aachen-Laurensberger Rennverein absolvierte, sah es die Pferde der Essers auf der Weide nebenan. Ein Video von Fohlen „Frankie goes to Hollywood“ wurde von Haaren, wo die Essers seinerzeit wohnten, nach Rosendahl im Münsterland geschickt. Die Balkenhols waren begeistert und holten den Jungspund in ihren Stall. Seitdem sind die beiden Familien freundschaftlich verbunden, sind per „Du“ und besuchen sich etwa anlässlich des Aachener Reitturniers.

Wenn Questico, wie Waltrauds Sohn nun hochherrschaftlich laut Papieren heißt, bald den Hof verlässt, verliert der knapp zwei Monate jüngere Fitzroy zwar seinen Spielkameraden, aber das ausgelassene Toben auf den Hoengener Weiden wird ihn ablenken.

Geschäftig geht es auf dem „ZweiPferdhof“ weiter, gerade müssen 500 Ballen Stroh für den Winter eingelagert werden. Da ist das ganze Team gefragt. Für die Ferienwohnung in dem rund 300 Jahre alten Hof, den Essers saniert haben, stehen auch wieder Anfragen ins Haus.

Günter Esser lehnt sich dennoch in seinem Stuhl auf der Terrasse bei einem kühlen Bier zurück. Ein gut Teil der Arbeit ist getan, seit die beiden 2010 nach Hoengen kamen. Er ist gebürtiger Bardenberger, sie kommt aus Zweifall, also ist es kein Kulturschock, was die beiden im Alsdorfer Vorörtchen erwartete. Sie haben die Fassade des Hofes erneuert, die nun rot und etwas grau abgesetzt akkurat gestrichen ist, auch innen hat er viel Hand angelegt. „Das ist immerhin der dritte Trümmer, den ich umgebaut habe, auch wenn es vorher Einfamilienhäuser waren.“

Wenn der Arbeitstag „im Job“ beendet war, ging es damals in Hoengen bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter. Heute sind die Essers mit ihren Nachbarn – ihre Pferdewiesen sind umringt vom Wohngebiet – gut bekannt, viele genießen den Blick auf die schönen Tiere. Für die Essers selbst ist ein Traum in Erfüllung gegangen, aber wie das so ist, man träumt immer weiter. Zum Beispiel von einem selbst gezogenen Pferd, das unter einem erstklassigen Reiter demnächst einmal beim Aachener Turnier startet…

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