Nordkreis - Auf Ärzte und Friseure ist noch Verlass

Auf Ärzte und Friseure ist noch Verlass

Von: Holger Bubel
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„Samstags machte man sich schön für die Sonntagsmesse“: Friseurmeisterin Alexandra Mohren (r.) erklärt den freien Montag als historische Antwort auf die langen Arbeitssamstage. Foto: Holger Bubel
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Dr. Leonhard Hansen: „Fortbildungen sind nachweispflichtig.“ Foto: Holger Bubel
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Freie Mittwochnachmittage? Für Apotheker Georg Zentis ist das nicht mehr zeitgemäß. Rezeptfreie Produkte sind ein großer Geschäftszweig. Foto: Holger Bubel

Nordkreis. Die meisten erinnern sich bestimmt noch an Zeiten, als die Geschäfte bis 18.30 Uhr, samstags bis 14 Uhr, ihre Ladentüren für die Kunden geöffnet hatten. Damals funktionierte das noch mit den Einkäufen im „engen Zeitfenster“.

Und war man einmal eine Minute zu spät dran, dann rief einen der weißbekittelte Inhaber bei halb geöffneter Tür noch schnell herein, um die Schinkenwurst fürs Schulbrot der Kleinen für den kommenden Tag zu kaufen, oder die Flasche Bier fürs Länderspiel am Abend im Ersten. Die Welt war in Ordnung.

Dann folgte zunächst die Einführung des „langen Samstags“ (einmal monatlich bis 18 Uhr Öffnungszeit), dann der „lange Donnerstag“ (bis 20.30 Uhr). 1996 wurde auch diese Regelung gelockert, Shoppen war wochentags bis 20 Uhr und am Samstag bis 16 Uhr möglich. Zuletzt hatte mancher Discounter sogar bis 24 Uhr geöffnet. Seit Mai diesen Jahres hat man allerdings die Ladenöffnungszeiten an Samstagen als Vorbereitung auf die Sonntagsruhe auf 22 Uhr reduziert.

Bei all diesen Novellierungen, Rückbesinnungen und nicht gerade arbeitnehmerfreundlichen Öffnungszeiten gibt es aber für den Verbraucher noch Orientierungspunkte, unumstößlich und verlässlich: Montags hat der Friseur zu. Mittwochnachmittag bleiben die Arztpraxen geschlossen. Und auch in den Apotheken sind dann die Räume dunkel. Doch warum ist das überhaupt (noch) der Fall?

„Es ist historisch gewachsen, dass wir montags geschlossen haben“, sagt Alexandra Mohren, Friseurmeisterin und Inhaberin des Salons „Headhunter“ in Alsdorf. „Früher gingen die Damen samstags zum Friseur, damit sie in der Sonntagsmesse gut aussahen. Weil wir die gleichen Öffnungszeiten wie die Einzelhändler hatten, samstags sogar bis 18 Uhr arbeiten mussten, wurde ein Tag gewählt, um Besorgungen, Behördengänge oder anderes zu erledigen“, erklärt Alexandra Mohren. Da der Montag der umsatzschwächste Tag gewesen sei, hätte sich das Friseurhandwerk für den freien Montag entschieden. „Allerdings“, schränkt die Handwerksmeisterin ein, „bröckelt diese Tradition. Mancher Salon öffnet mittlerweile auch montags.“ Vornehmlich die großen Friseurketten, die Filialisten, seien die Traditionsbrecher. Auch Salons, die in großen Einkaufszentren beheimatet seien, hätten sich im Rahmen einer Shop-in-Shop-Vereinbarung häufig vertraglich verpflichten müssen, sich an die vorgegebenen Zeiten zu binden.

Mehr oder weniger „aus der Not“ heraus geboren bleiben die Praxistüren an den Mittwochnachmittagen geschlossen. „Diese Stunden hatten die Ärzte nicht etwa frei, sondern waren bestimmt für Fortbildungen“, erklärt Dr. Leonhard Hansen. Der praktische Mediziner war elf Jahre lang Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und hat in dieser Funktion selbst diese Fortbildungen organisiert und durchgeführt. Er erklärt: „Bei der zeitlichen Belastung, etwa auch durch Not- und Wochenenddienste, war es schwierig für die Ärzte die von ihnen geforderten Fortbildungsmaßnahmen zu realisieren.

Fortbildung nachweisen

Aus organisatorischen Gründen hat man sich für den Mittwochnachmittag dafür entschieden.“ Diese Fortbildungen sind nämlich (immer noch) nachweispflichtig. 50 Stunden muss ein Arzt im Jahr absolvieren und nachweisen. Heute, sagt Dr. Hansen, werden Fortbildungen an allen Abenden und am Wochenende angeboten, auch die Notfallversorgung sei durch entsprechende Praxen abgedeckt.

„Ob man den Mittwochnachmittag nun frei macht, oder weiterhin mit Seminaren und Veranstaltungen ausfüllt, das bleibt dann dem jeweiligen Arzt überlassen – so lange er sein Pflichtprogramm erfüllt.“

Mit einher zu dieser Regelung gingen auch über Jahrzehnte die „freien“ Nachmittage für die Apotheker. „Weil wir ja auch samstags geöffnet haben, hat sich das aus Gründen des Arbeitszeitausgleichs für die Mitarbeiter angeboten. Unser Hauptgeschäft bestand ja im Verkauf verschreibungspflichtiger Medikamente. Von Ärzten ausgestellte Rezepte wurden bei uns gleich eingelöst. Und mittwochnachmittags haben die Arztpraxen geschlossen, also gibt‘s keine Rezepte“, erklärt Apotheker Georg Zentis von der „Glück-Auf-Apotheke“ in Alsdorf die logische Kausalkette. „Allerdings“, räumt er ein, „ist das auch nicht mehr zeitgemäß, die Apotheke dicht zu machen. Mittlerweile nimmt der Verkauf rezeptfreier Produkte zu. Rezepte sind nicht mehr das Hauptgeschäft, so dass bereits viele Apotheken auch mittwochs offen halten.“ Die Wettbewerbssituation führe dazu, dass bald wohl jede Apotheke so verfahren werde.

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