Auch Retter sind verletzbar

Von: Christoph Classen
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Günter Nuth trägt vor: In der Feuerwache Alsdorf weiß das interessierte Publikum zumeist aus eigener Erfahrung um die Belastungen für die Rettungskräfte. Foto: Christoph Classen

Alsdorf. Es gibt Brände, bei denen auch der erfahrenste Feuerwehrmann nicht weiter weiß. Flammen, denen mit konventionellem Löschgerät einfach nicht beizukommen ist. Günter Nuth kennt diese Situationen. Er beschreibt sie so: „Manchmal schaufel´ ich mir mit beiden Händen Wasser ins Gesicht, weil ich denke, es würde brennen.”

An diesem Abend geht es in der Feuerwache Alsdorf nicht um C-Rohre, Wärmebildkameras und Hochdruckbelüfter. Nicht vordergründig. Vielmehr steht das im Mittelpunkt, was meist im Verborgenen bleibt. Oft versteckt im hintersten Winkel der Seele eines Feuerwehrmannes. Es geht um das, was die Einsatzkräfte mit nach Hause nehmen.

Günter Nuth ist ein Experte auf diesem Gebiet. Der Mann ist Fachberater für Psychotraumatologie bei der Berufsfeuerwehr Düsseldorf. In der Alsdorfer Feuerwache liest er aus seinem neuesten Buch, „Blaulicht und Feuer: Was uns bleibt sind die Bilder! - Ein Helfer für Helfer” heißt es. In ihm erzählen 23 Einsatzkräfte ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Belastungen, eine der Geschichten ist von Vinzenz Bongartz (siehe „Zwei Fragen an”), Feuerwehrmann in Aachen und seit 42 Jahren Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Alsdorf.

Nuth nimmt Platz zwischen dem Leiterwagen und dem der Einsatzleitung. Die Stühle, die für das Publikum herbeigeschafft wurden, sind nahezu vollständig belegt, hinter ihnen stehen quadratische Metallkörbe, inhaltlich unterteilt in Ölsperre und Bindemittel. „Im Laufe der Zeit ist mir klar geworden”, sagt Nuth, „dass wir uns ein Fotoalbum anlegen.” So wie andere Leute den Urlaub mit Aufnahmen von Bergen, Balearen und Begegnungen dokumentieren, könnten Einsatzkräfte Bilder vergangener Erlebnisse aus dem Gedächtnis abrufen.

„Zwei Kinder”

„Es gibt Seiten, die können wir aufschlagen, dann sind sie sofort präsent”, sagt Nuth. Das sei nicht für jeden zwangsläufig belastend, aber nachdenklich mache es in jedem Fall. So wie die Geschichte, die mit dem Titel „Zwei Kinder” überschrieben ist, die erste die Nuth an diesem Abend liest. Sie handelt von einem freiwilligen Feuerwehrmann, der gerade mit seiner Frau bei Freunden gemeinsam zu Mittag isst, als er alarmiert wird. Nach ersten Informationen sind zwei Kinder auf einem See ins Eis eingebrochen, nach nur acht Minuten treffen die Rettungskräfte am Einsatzort ein. Ein Kind liegt reglos am Ufer, es wird versucht den Jungen wieder zu beleben Die Kameraden springen ins eiskalte Wasser, suchen den zweiten bis einer brüllt: „Ich hab´ ihn!”

Das Bild, das sich dem Erzähler ins Gedächtnis gebrannt hat, ist das der beiden Jungen - Zwillinge, fünf Jahre alt - wie sie nebeneinander im Rettungswagen liegen und die Kollegen erfolglos versuchen, sie zurück ins Leben zu holen. Erst später erfahren sie, dass die Kinder bereits zwei Stunden im Wasser lagen. Auch davon erzählen sie, als sich Trupp noch einmal trifft und jeder das schildert, was er fühlt, was ihm auf der Seele liegt.

Auch die anderen Geschichten liefern schonungslose Einblicke in den Alltag der Einsatzkräfte. Da ist das Kind, dass sich versehentlich mit kochendem Wasser überschüttete und dem die verbrühte Haut in Fetzen herabhängt. Da ist der Arbeiter, der unter die Teerwalze geriet und dessen Blut jetzt jemand von der Straße waschen muss. Und in jeder dieser Geschichten wird deutlich, welch immensen Wert die Gespräche der Kameraden untereinander haben.

Manchmal ist es nur ein aus eigenere Erfahrung gespeistes „Da muss du durch”, das Vertrauen schafft. Und im Grunde genommen, ist es eine Selbstverständlichkeit, die Nuth seinen Zuhörern ins Gedächtnis ruft: „Auch wir haben Seelen. Auch wir sind verletzbar.”
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