Baesweiler - Auch in Baesweiler mahnen Stolpersteine

Auch in Baesweiler mahnen Stolpersteine

Von: nt
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Während einer Gedenkfeier wurden die Stolpersteine von Gunter Demnig verlegt. Foto: Nadine Tocay

Baesweiler. Vier Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig zieren seit Dienstag den Gehweg vor dem Haus Breite Straße 74 in Baesweiler. Sie erinnern an Richard, Sibille, „Röschen“ und Hilde Levy – jüdische Bürger, die im Zweiten Weltkrieg in diesem Haus lebten und arbeiteten. Eine bemerkenswerte und erschreckende Geschichte steht hinter dem Leben der Vier.

Bürgermeister Dr. Willi Linkens gab bei einer kleinen Gedenkfeier einen Einblick. Richard Levy, der 1894 geboren wurde, heiratete nach seinem Einsatz an der Front im Ersten Weltkrieg die damals 23-jährige Sibille aus Setterich. Nach ihrer Hochzeit lebten die beiden in Ostfriesland, bekamen dort zwei Töchter. Rosalie „Röschen“ wurde 1921 geboren, ihre Schwester Hilde 1924.

Zwei Jahre nach Hildes Geburt zog die Familie nach Baesweiler. Dort lebten bereits Erwin und Dagobert Levy, zwei Brüder Richards, die mit Schwestern von Sibille verheiratet waren. Ein Jahr später, 1927, begann Richard Levy mit dem Bau einer großen Schlachtanlage in der damaligen Breite Straße 15 (heute Hausnummer 27). 1928 nahm er sie in Betrieb. Sein Geschäft entwickelte sich zu einer der größten Schlachtereien und Fleischereien des Ortes.

Vier Jahre lang schien die jüdische Familie ein friedliches Leben zu führen, bevor 1932 die Gräueltaten gegen sie begannen. Erst schlug die SA die Schaufensterscheibe des Ladens der Familie ein, dann tauchte der Name Levy im Mai 1933 plötzlich nicht mehr in der Handwerkerliste der Innung auf. Darüber hinaus war es Richard Levy untersagt, „Reichsverbilligungsmarken“ anzunehmen, mit denen Bedürftige vergünstigt einkaufen konnten. Trotz vorliegender Dokumente des Veterinäramtes, die ihm tadellose Hygienestandards bescheinigten, änderte sich das auch im folgenden Jahr nicht.

Baesweilers damaliger Bürgermeister Hahn setzte sich mehrmals gegen die Diskriminierung der Familie Levy ein. So forderte er unter anderem im Juni 1935, dass sich der Landrat für die Unterbindung der unangebrachten Judenbekämpfung durch die SA einsetzte. Doch nichts geschah. Im September des gleichen Jahres verkaufte Familie Levy ihr Wohn- und Geschäftshaus für lächerliche 20 156 Reichsmark.

Im April 1936 registrierte das Einwohnermeldeamt, dass Familie Levy nach Jerusalem, der Hauptstadt Israels und des Staates Palästina, gezogen ist. Dorthin waren auch Richards Eltern einige Jahre zuvor geflohen. Es gelang ihm, sich in Israel erfolgreich eine neue Existenz, eine Fleischfabrik, aufzubauen. Mit seinen Waren belieferte er die israelische Armee. In den 1950er Jahren kehrte der Fleischer noch einige Male nach Baesweiler zurück, um Wiedergutmachungsangelegenheiten zu verfolgen und Kontakte zu Bekannten zu pflegen. Danach verliert sich die Spur.

Bürgermeister Linkens betonte, wie wichtig es sei, die Geschichten der Verfolgten nicht zu verdrängen. „Die Stolpersteine wecken unsere Erinnerung auch außerhalb von Gedenktagen und mahnen uns, das Andenken der Menschen zu ehren, die die Qualen des NS-Regimes erlitten“, sagte er. Niemals dürfe man diese Entsetzlichkeiten vergessen. Bei dieser Aktion wurden in Baesweiler erstmalig Steine zum Gedenken an Menschen, die dem Regime entkommen konnten, verlegt. Die Finanzierung wurde durch Paten möglich gemacht.

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