Asylbewerber: Weit weg von Familie, Heimat und Glück

Von: Elisa Zander
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Vasuthevan Manikkavasagar am J
Vasuthevan Manikkavasagar am Jungenspiel-Denkmal: Er hofft darauf, in einem Würselener Altenheim eine Ausbildung beginnen zu können. Foto: Elisa Zander

Würselen. Die Zahl der Asylanträge steigt rasant, melden die Medien landauf, landab. Die Quartiere werden knapp. In Dortmund und Köln müssen sogar die ersten Turnhallen belegt werden. In Würselen zum Beispiel ist die Zahl der Asylbewerber noch überschaubar. Vasuthevan Manikkavasagar ist einer von ihnen.

Sein Blick geht nach draußen. Er verschränkt seine Finger ineinander, lässt sie wieder los, gestikuliert. Sein Deutsch ist gut, aber wenn er von seinen Erlebnissen erzählt, wird es brüchig. Zu viele Erinnerungen, denen er Ausdruck verleihen möchte; mit jedem Satz kommen mehr. Daran, wie sein Vater das Land verließ. Da war Vasuthevan gerade einmal fünf Jahre alt. Oder als seine Mutter dem Vater 15 Jahre später folgte, und der heute 25-jährige dem Bürgerkrieg in seiner Heimat in Sri Lanka allein ausgesetzt war. „Ich hatte kein Zuhause mehr. Ich musste immer weglaufen bei den Angriffen und habe versucht, Schutz zu finden.” Er fiel in die Hände der Nationalarmee. Er sollte mit ihnen in den Krieg gegen die tamilische Bewegung LTTE ziehen, die im Norden und Osten des Landes seit 1983 für einen eigenen Tamilenstaat kämpfte. Vasuthevan sträubte sich, suchte nach einem Ausweg - und flüchtete. Nun nicht mehr nur vor den militärischen Angriffen, die in der letzten Phase des Bürgerkriegs von der UNO geschätzte 100.000 Zivilopfer forderten, sondern ebenfalls vor den Armeekämpfern selbst.

Er sei geschlagen, getreten, körperlich misshandelt worden, erzählt Vasuthevan mit Tränen in den Augen. Zwei Jahre lang hatte er keinen Kontakt zu seinen Eltern, die nicht wussten, ob ihr jüngster Sohn - Vasuthevans Geschwister waren dem Vater schon eher nachgereist - überhaupt noch lebte.

Nach Europa wollte er eigentlich nicht kommen. Er habe „gut gelebt” in seinem Land, trotz der Probleme. Es sei eben seine Heimat. Doch einen anderen Ausweg sah er nicht. So entschied er sich vor über zwei Jahren, nach Deutschland zu seiner Familie zu gehen. „Ich dachte, wenn ich nach Deutschland komme, kann ich glücklich leben wie früher, aber das kann ich hier noch nicht.”

Denn Vasuthevan Manikkavasagar darf nicht gehen, wohin er möchte, leben, wo seine Familie ist, nämlich in Frankfurt. Der 25-Jährige ist als Asylbewerber der Stadt Würselen zugeteilt worden. So lange das Asylbewerberverfahren läuft, darf er den Bezirk nur mit Genehmigung verlassen. Über mehrere Jahre kann sich das ziehen.

„Für die Betroffenen ist das sehr nervenaufreibend”, ist die Erfahrung von Jutta Wittke vom städtischen Sozialamt. Seit 22 Jahren ist sie in diesem Bereich tätig, kennt die Sorgen und Ängste der Menschen. Aus Aserbaidschan, Nepal, Afghanistan und der Mongolei kommen sie.

Derzeit gebe es viele Fälle von jungen Frauen, die ihren Männern gefolgt seien, aber - ähnlich dem Fall von Vasuthevan Manikkavasagar - nicht in einen ähnlichen Kreis zugewiesen worden seien. „Das macht die Lage schwer”, sagt Jutta Wittke, „für uns und die Betroffenen.”

Die Zuteilung der Asylbewerber in Erstaufnahme-Einrichtungen hängt zum einen von deren aktuellen Kapazitäten ab, zum anderem, in welcher Außenstelle des Bundesamtes das Heimatland des Asylsuchenden bearbeitet wird. Darüber hinaus bestehen Aufnahmequoten für die einzelnen Bundesländer. Nach dem sogenannten „Königsteiner Schlüssel” werden jedem Bundesland prozentual, berechnet nach den Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl der Länder, die Asylbewerber zugeteilt.

„Freiheit habe ich noch nicht”

Zwei bis drei Asylsuchende kommen monatlich nach Würselen. „Das ist für eine Stadt wie Würselen viel”, findet Jutta Wittke. „Wir müssen alles alleine schaffen, die Unterkünfte etwa organisieren. Alle Kosten gehen zu Lasten der Kommune.” Die Stadt versuche, „die Leute so unterzubringen, dass sie sich verstehen”. Das kostet Zeit.

Seine Zeit nutzt Vasuthevan Manikkavasagar, seit er in Deutschland ist, für seine Bildung. Er besucht eine Schule, lernt dort Deutsch. Es fällt ihm nicht immer leicht, er leidet unter massiven Schlafstörungen. Nebenbei engagiert er sich ehrenamtlich in einem Altenheim, in dem er zuvor ein Praktikum gemacht hatte. Viele Ältere hat er in seiner Heimat sterben sehen, „hier will ich ihnen jetzt helfen”, sagt er. Er hofft darauf, in dem Heim eine Ausbildung beginnen zu können.

„Die Ungewissheit, vielleicht morgen schon zurückgeschickt zu werden, schürt Angst”, sagt der junge Mann. „Ich dachte, wenn ich nach Deutschland komme, wird alles perfekt. Aber das, was ich wollte, Freiheit und zu meiner Familie, habe ich noch nicht.”
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