Asylbewerber: Die zwei Sichtweisen auf den Zahltag

Von: Verena Müller
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Mohamed Karam kurz vor dem Ziel: Einmal im Monat gibt die Stadt Alsdorf die Schecks für Asylbewerber aus. Rund 450 Menschen stehen dann Schlange. Foto: V. Müller
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In zwei Gruppen werden die Menschen zum Sozialamt geführt. Nicht ohne Konflikte. Foto: V. Müller
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In zwei Gruppen werden die Menschen zum Sozialamt geführt. Nicht ohne Konflikte. Foto: V. Müller

Alsdorf. Zahltag. Schon um halb fünf morgens warten rund hundert Menschen vor dem Alsdorfer Rathaus. Die ersten waren um vier hier. Wer vorne in der Schlange steht, gibt seinen Platz so leicht nicht mehr auf, und sobald die automatischen Schiebetüren öffnen, erhöht sich der Druck in der Schlange unweigerlich. Ein junger Mann mit Krücken bittet die Security, vorgelassen zu werden. Er könne nicht mehr stehen. Die Security lässt ihn durch. Es kommt zu einem kurzen Gerangel.

Rund 450 Asylbewerber stehen einmal im Monat, wie am gestrigen Donnerstag, an der Hubertus-straße Schlange, um sich ihren Scheck abzuholen. Die Stadt hat Wellenbrecher zu einer sich windenden Gasse aufgestellt. Wie am Flughafen.

Vor dem Eingang ist der erste Stopp, hier erhalten die hauptsächlich jungen Männer Bändchen mit alphabetischer Kennung. Tröpfchenweise lässt die Security die Menschen dann in die nächste Schlange im Foyer vor, in drei Gassen nach alphabetischen Gruppen getrennt. Vor rotem Band erneuter Stopp, dann Endstation: Hinter drei Türen teilen insgesamt acht, neun Mitarbeiter die Schecks aus, dokumentieren den Vorgang.

Inzwischen ist es viertel nach zehn, der junge Mann mit den Krücken verlässt das Rathaus. Geschafft. Ein Security-Mitarbeiter verabschiedet ihn per Handschlag, als würden sie sich schon ewig kennen: „Alles klar? Gut. Bis dann.“ Sie haben sich heute aber zum ersten Mal gesehen.

Die Stimmung wirkt zumindest von außen entspannt. Die meisten Männer in der Schlange unterhalten sich in kleinen Grüppchen, die Security-Mitarbeiter stehen mit etwas Abstand gelassen daneben. „Am Anfang, im Oktober, gab es mal Tumulte, da musste auch ein paar mal die Polizei einschreiten“, erzählt Dirk Oschmann, Einsatzleiter von Dirk-Nagel-Dienstleistungen.

Aber seit die Absperrungen errichtet, die Bändchen verteilt und die Präsenz der Sicherheitsfirma vervierfacht wurde, sei es deutlich ruhiger geworden. „Rangeleien gibt es immer mal, wie überall, wo viele Menschen auf einem Raum sind“, sagt er. Nichts Ungewöhnliches also.

Trotzdem sind viele der jungen Männer unzufrieden. Auch Masnal Kais (23) und Mohamed Karam (24) klagen: Viel zu viele Leute an einem Tag, bei Wind und Wetter draußen anstehen, Wartezeiten von mehreren Stunden. Kein Ausweichtermin, wenn man mal wegen eines Sprachkurses verhindert ist. Unfreundliche Behandlung durch Beamte. So ihre Sicht.

Seit ein paar Monaten sind die beiden jungen Männer, der eine am Denkmalplatz, der andere an der Eschweiler Straße, hier untergebracht. Der eine sagt, er habe vor seiner Flucht eine Technische Hochschule besucht, der andere, er sei Zahntechniker gewesen. Sie sind noch hier registriert, um dem Gesetz nach wie Sozialhilfe-Empfänger eingestuft zu werden und müssen monatlich beim Sozialamt vorstellig werden, um ihr „Taschengeld“ zu erhalten.

Der Paragraf 3 des Asylbewerberleistungsgesetzes sieht das so vor: Was nicht in Sachleistungen (Kleidung, Hygieneartikel) für den täglichen Bedarf zur Verfügung gestellt werden kann, muss in Form von Bargeld oder einem Scheck „persönlich ausgehändigt“ werden, für alleinstehende Erwachsene je nachdem 135 oder 216 Euro.

Im Grunde wird damit – ebenso wie in Herzogenrath oder Würselen – auch die Anwesenheit überprüft. Mehrfachbezug oder der Aufenthalt im Ausland sollen zumindest erschwert werden. „Anders ist das aus logistischen Gründen auch nicht zu regeln“, sagt Sozialamtsleiter Wolfgang Schleibach. „Wir hätten sonst überhaupt keinen Überblick.“ Und noch mehr Personal könne er schlicht nicht abziehen.

Laut Karam geht es in Großstädten sehr wohl anders: „Mein Bruder ist in Bonn untergebracht, der bekam das Geld von Anfang an überwiesen.“ Das bestätigt die Pressestelle der Stadt: „Das hat sich inzwischen eingespielt“, sagt Sprecher Marc Hoffmann. Sobald die Bankverbindung mitgeteilt sei, erfolge die Überweisung. Eine Anwesenheitskontrolle über den Zahltag sei nicht nötig: „Es würde auffallen, wenn in unseren Unterkünften plötzlich Zimmer leer stünden.“

Schleibach hingegen bezweifelt das in Anbetracht der Massen. „Natürlich wäre es für alle einfacher, das Geld jedem sofort zu überweisen.“ Aber erstens halte er eine Wartezeit von einer bis anderthalb Stunden für zumutbar, zweitens komme jeder an die Reihe, der sich innerhalb der Öffnungszeiten gemeldet habe und drittens könne man sich telefonisch abmelden, wenn man verhindert sei, und erhalte einen Ausweichtermin drei Tage später – „30 bis 40 Menschen sind das in der Regel. Das funktioniert auch“.

Kais und Karam erzählen, dass sie wegen eines zeitgleichen Sprachkurses einmal erst einen Tag später vorstellig geworden seien. „Das ist nicht mein Problem“, habe da ein Mitarbeiter gesagt. Und am Ausweichtermin habe man ihnen den Scheck quasi vor die Füße geworfen. Dass der Ton im Sozialamt nach einem Streitgespräch oder gar nach Beleidigungen („Du Bastard“ – auch das komme vor, sagt Schleibach), mal rauer werden könne, bezweifelt der Sozialamtsleiter nicht. „Aber bei uns ist noch keiner diskriminierend behandelt worden.“

Ab Juni soll es besser werden

Er glaubt eh, dass ab Juni Entspannung eintrete. Denn: Viele Flüchtlinge überschreiten dann die 15-Monats-Marke. Was die Einrichtung eines dann benötigten Guthabenkontos anbelangt, bestehen laut Gebietsdirektor der Sparkasse Aachen, Manfred Aretz, keine Probleme. Einzige Hürde: die Identität muss geklärt sein.

Die Stadt Alsdorf hat mit der Sparkasse übrigens die Termine für den Zahltag abgestimmt, um Überschneidungen etwa mit dem Ultimo-Tag und personelle Engpässe zu vermeiden. Dem letzten Geschäftstag des Monats also.

Mohamed Karam hat noch rund ein Dutzend Leute vor sich. Alle Argumente logistischer, rechtlicher und personeller Natur lässt er nicht gelten. „Die sollen drei Tage anbieten“, findet er. Und an eine Entspannung ab Juni will er auch noch nicht so recht glauben. Oschmann steht ein paar Meter weiter. Eine schwangere Frau betritt das Foyer.

„Da drüben können Sie sich hinsetzen“, weist er ihr den Weg an der Schlange vorbei. Klar soll niemand bevorzugt werden, aber Alte, Kranke und (schwangere) Frauen mit Kindern schleuse er natürlich still an den Massen vorbei, sagt Oschmann. Der große Ansturm vor den Öffnungszeiten sei menschlich nachvollziehbar, aber rein rechnerisch Quatsch: „Ob ich mich um sechs anstelle oder um zehn: Vier Stunden warten muss ich so oder so“, rechnet er vor.

Heute erinnern nur die im Foyer zusammengeschobenen Absperrungen an den Zahltag. Vielleicht den letzten dieses Ausmaßes.

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