Würselen - Asperger-Syndrom: Rolf Piotrowski übers Leben auf dem falschen Planeten

Asperger-Syndrom: Rolf Piotrowski übers Leben auf dem falschen Planeten

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Liebt britischen Humor: Rolf Piotrowski. Foto: Verena Müller

Würselen. Aus Sand Kuchen backen? Das fand Rolf Piotrowski als Kindergartenkind merkwürdig. Später, in der Schule, war ihm der Wettkampfgedanke im Sportunterricht fremd, körperliches Gerangel um den Ball regelrecht unangenehm. „Allein zu sein, hat mir dagegen nie etwas ausgemacht“, erzählt der 61-Jährige heute.

Irgendwann kam er dann zu dem Schluss, dass vielleicht nicht die Mitmenschen anders oder irgendwie komisch sind, sondern er selbst. Seine Kindheitserinnerungen hat Piotrowski in zwei Büchern verarbeitet, außerdem hat er über Jahre Menschen begleitet, die wie er ticken, nämlich Asperger sind. Verena Müller sprach mit ihm über diese Arbeit und seine Bücher, „Bent10“ und „Bent11“.

Seit wann wissen Sie, dass Sie das Asperger-Syndrom haben?

Piotrowski: Das hat mir ein befreundeter Psychiater mal gesagt: „Weißt Du eigentlich, dass Du Asperger hast?“ Nein, das wusste ich nicht. Ich habe zwar früh gemerkt, anders zu sein, aber die Diagnose Asperger-Syndrom gibt es ja erst seit den 80ern. Bei mir hatte man mal von schizoider Persönlichkeit gesprochen.

Worin hat sich das bei Ihnen im Erwachsenenalter geäußert?

Piotrowski: Zum Beispiel darin, dass ich schon eine Woche vor einer Weihnachtsfeier Magenschmerzen hatte. Oder Menschenmassen meide. Oder gesichtsblind bin – das heißt, dass ich mir nur langsam Gesichter einprägen kann. Small talk brauche ich nicht. Wenn mir ein Nachbar begegnet und sagt: „Warm heute“, denke ich mir: Ja, ich stehe auf dem selben Breitengrad wie Du, nur einen Meter entfernt. Ich weiß, dass es warm ist. Viele dieser und anderer Auffälligkeiten haben sich mit dem Alter gemildert, weil man lernt, damit umzugehen.

Mit welchen Problemen kamen die Menschen zu Ihnen, die Sie begleitet haben?

Piotrowski: Das waren Jugendliche, die am Anfang ihrer Asperger-Karriere standen. Meistens ging es deshalb um die Bewältigung von Problemen im Kontext von Schule oder Ausbildung. Denn Asperger an sich macht ja keine Probleme. Die treten erst im Kontext mit anderen auf.

Was sind die klassischen Schwierigkeiten in diesem Umfeld?

Piotrowski: Häufig geht es um Mobbing, denn Asperger sind die Opfer schlechthin. Sie können sich nicht wehren, selbst wenn sie wollten. Früher habe ich zum Beispiel nicht gewusst, dass „ein Hühnchen rupfen“ keine Vorbereitung zur Zubereitung einer Suppe ist. Redensarten und Sprichwörter sind ein Problem oder Ironie und Sarkasmus, weil wir alles wörtlich nehmen. Angeblich haben Asperger auch keinen Humor, das stimmt aber so nicht. Wir lieben britischen Humor. Und wir können uns wunderbar selbst auf die Schippe nehmen – nach dem Motto: Ehe die anderen lachen, lache ich über mich selbst.

Was haben Sie den jungen Menschen geraten?

Piotrowski: Meistens hilft es, wenn man sich outet und dem Chef erklärt, welche Formen der Kommunikation man nicht versteht.

Wie ist das Bild der Öffentlichkeit vom Asperger-Syndrom aus Ihrer Sicht? Landläufig heißt es ja, Menschen mit Asperger oder Autismus seien überdurchschnittlich intelligent, hätten eine Spezialbegabung.

Piotrowski: Filme wie „Rain Man“ haben aber leider dazu beigetragen, dass das Bild von uns sehr verzerrt, wenn nicht sogar falsch ist. Rain Man hatte vielleicht eine starke Form von Autismus. Aber so sind wir nicht. Spezialbegabungen kommen zwar auch bei Menschen mit Asperger-Syndrom vor. Es ist so, dass wir an der richtigen Position richtig klasse sein können.

Vielleicht ist es hilfreich, Asperger von Autismus abzugrenzen.

Piotrowski: Bei Asperger und Autismus handelt sich um die gleiche „Störung”, der Unterschied besteht lediglich in der Intensität der Symptome, die beim primären Autismus erheblich ausgeprägter sind. Vereinfacht gesagt: Beide bedienen sich aus dem selben Werkzeugkasten. Autismus kann man außerdem schon bei einem Säugling feststellen, wenn dieser nämlich bei Blickkontakt wegschaut und sich offenbar für nichts interessiert, was in seinem direkten Umfeld passiert. Asperger kann man erst im Alter von sechs oder sieben Jahren diagnostizieren.

Und worum handelt es sich dann bei „Asperger-Autismus“?

Piotrowski: Diese Diagnose finde ich fragwürdig. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) arbeitet derzeit daran, die vor einigen Jahren vorgenommene Zusammenfassung der beiden Diagnosen in „ASS“ (Autismus-Spektrum-Störung) rückgängig zu machen und wieder zwei getrennte Begriffe einzuführen. Das wird helfen, Missverständnissen entgegen zu wirken: Primärer Autismus und Asperger-Syndrom.

Um auf das ideale Arbeitsumfeld zurück zu kommen: In welchen Bereichen ist ein Asperger gut aufgehoben?

Piotrowski: Zahlen sind toll, wegen der Ordnung und klaren Struktur: richtig oder falsch. Es gibt übrigens inzwischen ganze Unternehmen, die nur mit Aspergern arbeiten. Jeder hat sein eigenes Büro, die Wände sind kahl. Die Mittagspause verbringt jeder für sich, und keiner schaut aus falsch verstandener Nächstenliebe vorbei, um mit einem zu schwatzen. Toll! Wenn man alleine ist, ist man als Asperger überglücklich.

Aber ganz ohne soziale Kontakte geht es ja auch nicht. Raten Sie zu einer Art Verhaltenstherapie?

Piotrowski: Asperger ist keine Krankheit, die man therapieren müsste. Es ist wie bei Linkshändern.

Man muss es akzeptieren und lernen, damit umzugehen?

Piotrowski: Ja. Einen Beruf finden, der zu einem passt, Beschäftigungen, die einem Spaß machen. In meinen Begleitungen drehten sich viele Gespräche auch um das Selbstwertgefühl. Oft saßen junge Menschen vor mir, die der Meinung waren, nichts zu können. Aber jeder hat eine Begabung.

Wie jeder „normale“ Mensch wohl auch. Genau wie jeder Schwächen oder Macken hat. Mir fallen auf Anhieb Menschen ein, die das eine oder andere Talent oder eine Abneigung haben. Zum Beispiel gegen Betriebsfeiern. Oder volle Einkaufsstraßen. Oder die einen Ordnungszwang haben. Die würde ich aber nicht als Asperger bezeichnen.

Piotrowski: Das stimmt. Die Grenze zwischen normal und – sagen wir – anders ist sehr schwammig. Erst im Zusammenspiel vieler Symptome kann man von Asperger ausgehen.

Sie sprachen eben schon von Mobbing und fehlendem Selbstwertgefühl. Wie weit kann das gehen?

Piotrowski: Im schlimmsten Fall können Depressionen oder Erschöpfungsdepressionen auftreten. Letzteres, weil die Umwelt ungefiltert auf die Betroffenen einprasselt.

Kommen wir zu Ihrer Schriftstellertätigkeit. Haben Sie in Ihren Büchern aus dem Fundus der Gespräche mit Betroffenen geschöpft?

Piotrowski: Nein. Ich wollte ein Buch über das Asperger-Syndrom schreiben, aber nicht die 100. Gebrauchsanweisung. Deshalb habe ich einen Jungen erfunden, auch aus Eigentherapie. Bent heißt eigentlich Benedikt, die dänische Variante rührt von meiner Vorliebe für Skandinavien. Benedikt ist zehn Jahre als, also heißt das erste Buch Bent10, das zweite Bent11. Bent hat einen Bruder, der acht Jahre älter ist und Sören heißt. Die beiden gingen bislang nicht gerade brüderlich miteinander um. Das ändert sich erfreulicherweise im Laufe der beiden Romane.

Hatten Sie einen Bruder?

Piotrowski: Nein, ich bin Einzelkind. Sören ist der Bruder, den ich gerne gehabt hätte.

Worum geht es in der Brüderbeziehung?

Piotrowski: Bent hat Defizite, aber auch manche Stärken. Zum Beispiel in der Logik. Meist siegt er damit und lässt seinen Bruder alt aussehen. Die Botschaft am Ende lautet: Wir sind ein gutes Team, wenn wir uns gegenseitig respektieren. Das Thema Asperger ist nur am Anfang kurz angeschnitten, taucht dann aber nicht mehr auf.

Für wen haben Sie die Bücher geschrieben?

Piotrowski: Für Angehörige und Interessierte.

Nachdem Ihr erstes Buch in einem Berliner Verlag erschienen ist, haben Sie gewechselt. Warum?

Piotrowski: Das hatte verschiedene Gründe. Unter anderem war der erste Roman als Kinderbuch erschienen. Das halte ich für vollkommen falsch. Außerdem konnte ich mit dem Buchcover nicht wirklich gut leben. Der Schweizer Verlag, bei dem ich jetzt bin, ist ein reiner Fachverlag für dieses Thema. Das ist etwas völlig anderes. Die nächste Auflage von Bent10 wird auch dort erscheinen.

Planen Sie Bent12?

Piotrowski: Ich denke darüber nach. Ein Junge hatte bei der Buchvorstellung in der Schweiz im Rahmen eines Theaterstücks die Rolle des Bent übernommen. Er ist selbst betroffen und hat mich schon danach gefragt. Er liefert mir immer mal wieder eine gute Idee.

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