Armut ergründen: Pfarre befragt 2000 Haushalte

Von: Markus Bienwald
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Das tägliche Brot: Längst sind Einrichtungen wie Tafeln und Tische in vielen Städten Deutschlands unverzichtbar geworden. 1500 Kunden etwa zählt die Tafel am Schürhof in Herzogenrath. Foto: Stock/Thomas Müller
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Ist sehr gespannt auf die Ergebnisse der Erhebung in der Kohlscheider Pfarrei: Dr. Bruno Ortmanns, Diakon in der Pfarre „Christus unser Friede“. Foto: M. Bienwald

Herzogenrath. Dass Armut und Bedürftigkeit auch in hiesigen Breiten Zuhause sind, ist eine Tatsache. Dass sich Menschen aber verstecken, weil sie sich für ihre schämen, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Um herauszufinden, wie die Kirche und das soziale Umfeld handeln können, damit diese Situationen nicht nur geschätzt werden müssen, geht die Pfarre „Christus unser Friede“ in Kohlscheid an die Öffentlichkeit - mit einer Umfrage.

Unsere Zeitung sprach mit Diakon Dr. Bruno Ortmanns (50) über die Fragebogen-Aktion der Kohlscheider Glaubensgemeinschaft, die im Januar startet.

Wie kam es zur Idee mit der Fragebogenaktion?

Dr. Ortmanns: Ein Diakon soll sich vor allem um die Menschen am Rand unserer Gesellschaft kümmern. Arme und bedürftige Menschen stehen genau dort – so frage ich mich zwei Dinge: Was wollen die Menschen, und kann unsere Kirche dabei helfen?

Es handelt sich aber nicht nur um ein Kohlscheider Problem?

Dr. Ortmanns: Nein. Wenn man sich aber anschaut, wie sich die Zahl der Personen, die in den Pfarrbüros vor Ort um Hilfe zum Lebensunterhalt bitten, kann man sehen, dass der Bedarf da ist. Wir können kurzfristig vielleicht mit Lebensmittelgutscheinen vom Discounter helfen, aber die Ursachen werden so nicht behoben.

Wie wollen Sie an die Menschen herantreten?

Dr. Ortmanns: Wichtig ist für uns, die Bedürfnisse herauszuhören. Die befragten Haushalte können dabei selbst am besten einschätzen, wo Bedarf besteht, und welche Hilfe nötig ist. Daher bitten wir auch auf diesem Wege um das Mitwirken der Menschen.

Es geht also auch um öffentliche Sozialforschung ...

Dr. Ortmanns: Zum Teil schon. Da wir ab Beginn des Jahres 2016 in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Herzogenrath rund 2000 Haushalte anonym befragen, wird es eine Umfrage sein, die gezielte Hinweise gibt, ohne, dass die Menschen sich öffentlich machen müssen. Wir legen größten Wert darauf, alleine die Ergebnisse zu betrachten, nicht die Einzelfälle, damit sich niemand offenbaren muss. Dennoch wollen wir vor dem Hintergrund mittlerweile teils unüberschaubarer Problemlagen und knapper werdender Mittel Hilfe anbieten.

Sind vor allem wirtschaftliche Aspekte interessant?

Dr. Ortmanns: Es wird nicht nur um wirtschaftliche Armut gehen. Auch soziale, kulturelle, politisch-partizipative und kommunikative Armut wird eine Rolle spielen. Es ist mehr ein Gesellschaftsbild, das gezeichnet wird, denn eine Untersuchung, bei der es um reine Fakten geht.

Wie geht es mit den gesammelten Daten dann weiter?

Dr. Ortmanns: Unsere Pfarrgemeinde wird versuchen, ihre Caritasarbeit auf die Befragung auszurichten. Die Befragten haben also die Chance, aktiv Einfluss zu nehmen.

Ist das auch ein Schritt in eine andere Ausrichtung der Kirchenarbeit in der Zukunft?

Dr. Ortmanns: Kirche der Zukunft ist vielleicht zu viel gesagt. Aber eine Umfrage in dieser Art hat es im ganzen Bistum Aachen noch nicht gegeben. Von daher können wir vielleicht einen großen Schritt zu den Menschen hin machen.

Wird Ihre Aktion vielleicht auch ein Modell für andere Gemeinden werden können?

Dr. Ortmanns: Dazu können wir erst etwas sagen, wenn die Ergebnisse der Umfrage vorliegen. Es wäre aber schön, wenn unsere Aktion eine Leuchtturmfunktion für andere Gemeinden haben könnte. Aber die Aktion wird über das Bistum Aachen und aus Beiträgen der Pfarr-Caritas finanziert. Dazu habe ich den Fragebogen in einer Arbeitsgruppe mit Professor Dr. Liane Schirra-Weirich von der Katholischen Hochschule NRW und Sozialarbeiter Rainer Krebsbach von der Caritas in enger Zusammenarbeit mit Dr. Manfred Körber und Dr. Norbert Wichard vom Bistum Aachen sowie Bernd Krott und Rolf Engel von der Stadtverwaltung Herzogenrath erarbeitet. Unterstützt werden wir bei der Auswertung ebenfalls durch Professor Dr. Schirra-Weirich. Auch unser Pfarrer Rainer Thoma und die Pfarrgremien unterstützen das Ansinnen. Es sitzen bei der Aktion also viele Akteure mit im Boot, damit eine Vernetzung stattfindet, die auch anderen Gemeinden helfen kann.

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