Appell: Inklusion nicht über das Knie brechen

Von: Holger Bubel
Letzte Aktualisierung:
5968511.jpg
Geschützer Raum: In der Werkstatt erhalten geistig behinderte Erwachsene Aufgaben, die sie bewältigen können. Das überfordert nicht und macht zufrieden. Es zeigt: Sie werden gebraucht. Foto: Holger Bubel
5957057.jpg
Hörte aufmerksam zu: André Stinka (l.). Auch, was Ferdi Gärtner (r.) ihm zu sagen hatte.

Würselen. Wenn ein Politiker sich kurz vor einer Wahl volksnah zeigt, dann fährt er gewöhnlich mit seiner dicken Dienstlimousine vor, nickt verständnisvoll bei der Konfrontation mit Problemen und hat stets eine wertfreie Antwort zur Hand, die dann passt.

Beim Besuch des SPD-Generalsekretärs André Stinka in der Caritas-Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Würselen war das anders: Der Politiker kam mit dem Fahrrad.

Bei seiner politische Sommer-Radtour durch die Regionen Nordrhein-Westfalens machte er in Würselen halt, bevor es weiterging zum Energeticon und zum Tierpark in Alsdorf, wo es den verdienten Kaffee und Kuchen gab.

Zwar schaute sich Stinka nicht die Caritas-Werkstatt an, sprach auch nicht mit den dort Beschäftigten, hörte sich aber an, was die Werksleitung und Geschäftsführung über den Standort Würselen zu berichten hatten und auch deren Einschätzung zum großen politischen Thema „Inklusion“. „Ich bin ganz und gar nicht gegen den Inklusionsgedanken. Was ich bislang vermisse, ist aber, dass die Betroffenen, nämlich die Menschen mit Behinderung, und die Praktiker in die Diskussion einbezogen werden“, sagte Fredi Gärtner, Leiter Sozialer Dienst. Er fragt: „Wer definiert überhaupt Inklusion. Reden wir von Hörgeschädigten, Rollstuhlfahrern oder von Menschen mit massiven geistigen Behinderungen.“ Diese letzte Gruppe einfach so ins vermeintlich normale Leben zu schmeißen, weiche vom real Möglichen ab.

„98 Prozent der Frauen und Männer mit einer geistigen Behinderung brauchen den geschützten Raum eines Wohnheims oder einer Werkstatt“, erklärte Gärtner und kritisierte die Inklusionsmentalität „raus aus den Wohnheimen und rein ins betreute Wohnen“. Dies könne man auch nicht zur Generallösung stilisieren, betonte Michael Doersch, Geschäftsführer der Caritas-Behindertenwerkstatt GmbH: „Wir haben da sehr, sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Eine betreute Bewohnerin wurde missbraucht, ohne dass dies sofort aufgefallen wäre.“

Dass Inklusion nicht übers Knie gebrochen werden dürfe, machte Doersch an einem anderen Beispiel deutlich: Ein geistig Behinderter wurde im Inklusionsbemühen auf eine Hauptschule geschickt, „ein Lehrer mit viel Herz“ habe dessen Schulabschluss beigetragen. Mit diesem erhielt der junge Mann auch einen Ausbildungsplatz in einem Helfer-Beruf. Er scheitert an den Anforderungen und wollte in die Werkstatt. „Das wurde vom Landschaftsverband abgelehnt. Mit der Begründung, er habe ja einen Schulabschluss.“

Jetzt sitze der junge Mann – gesellschaftlich isoliert – zu Hause auf der Couch. „Das“, sagt Doersch, „ist kein Beispiel für Inklusion, sondern für Exklusion.“ Kein Einzelfall, weiß Doersch und erklärt, wie schwierig es ist für die Assistenzgeber, also dem begleitenden Personal, im Sinne der Inklusion ihre Schützlinge auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. Wenn überhaupt die Voraussetzungen dazu stimmen: „Von 1080 Beschäftigten konnten wir in den vergangenen zwei Jahren gerade einmal drei in ein sozialversicherungspflichtihges Arbeitsverhältnis führen.“ Und dort draußen sei der Druck für die behinderten Frauen und Männer einfach zu groß. „Nach einer gewissen Zeit müssen sie genauso funktionieren wie die übrigen Angestellten auch.

Das schaffen sie aber nicht. Soziale verhältnisse bauen sich auch nicht auf. Zum Grillfest bei den Kollegen werden sie nur selten eingeladen.“ Das Resultat: „Sie wollen zurück in die Werkstatt.“ Dort schaffen sie es nicht, hier werden sie gebraucht. unter diese einfache Formel bringt Gärtner die Bedeutung der fitteren geistigen Behinderten auf den Punkten: „In den Gruppen ziehen sie Schwächere mit, sind bei den Anforderungen hier zur Stelle.“ André Stinka notierte das eine oder andere Gehörte und folgerte: „Inklusion ist richtig, aber die Gesellschaft muss noch darüber nachdenken. Das braucht Zeit. Bund und Länder müssen eine breite Debatte auf den Weg bringen.“

Noch etwas nahm Stinka mit auf den Weg. Und zwar von Bürgermeister Arno Nelles, der auch die Inklusion an den Schulen im Blick hatte: „Lassen Sie nicht wieder die Kommunen alleine, wenn es darum geht, die finanziellen Belastungen als Folge der Inklusion zu tragen. Noch mehr können wir nicht stemen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert