An Krankenhäusern fehlen 162.000 Stellen

Von: Karl Stüber
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Auch auf Intensivstationen fehlt Personal: Dies will die Gewerkschaft Verdi festgestellt haben. Foto: stock/Jochen Tack
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Wollen mehr Personal für die Krankenhäuser: die Gewerkschaftssekretäre Annegret Hackmann und Harald Meyer. Foto: Karl Stüber

Region. „Mehr von uns ist besser für alle – Mehr Personal ins Krankenhaus!“ Unter diesem Motto hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Mittwoch, 24. Juni, die Bediensteten in den Krankenhäusern bundesweit zu einer Aktion aufgerufen, die auf den – aus Sicht der Gewerkschaft – akuten Personalmangel aufmerksam machen soll.

An diesem Tag sollen sich möglichst an allen Krankenhäusern vor dem jeweiligen Haupteingang Beschäftigte zwischen 13 und 13.10 Uhr einfinden, um sich für eine gesetzliche Personalbemessung einzusetzen. Dann sollen insgesamt möglichst 162.000 Kollegen entsprechend 162.000 Nummern in die Höhe halten.

Denn so viele Stellen, will Verdi ermittelt haben, fehlen derzeit an den Krankenhäusern, um eine „anständige Versorgung“ zu gewährleisten – 70.000 davon allein im Bereich Pflege. Das ist – gemessen am Personalbestand – jede fünfte Stelle. Oder anders ausgedrückt: 20 Prozent.

„Die Zahl 162.000 ist bislang nicht angezweifelt worden und wird sogar von anderen als Argument zur Gewährleistung der Pflegeleistung angeführt“, sagt Harald Meyer im Gespräch mit unserer Zeitung. Meyer ist Verdi-Gewerkschaftssekretär. Gemeinsam mit Gewerkschaftssekretärin Annegret Hackmann ist er zuständig für den Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen im Verdi-Bezirk Aachen/Düren/Erft.

Meyer verweist darauf, dass sich auch der Deutsche Ärztetag unlängst in Frankfurt für verbindliche Mindestpersonalschlüssel für den ärztlichen und pflegerischen Dienst in Krankenhäusern ausgesprochen hat.

Abteilungen unterbesetzt

Die Unterbesetzung von Abteilungen würde zu einer Gefährdung der Gesundheit von Patienten und Mitarbeitern führen. Ausdrücklich hebt Meyer hervor, dass viele Krankeneinrichtungen, beispielsweise das Medizinische Zentrum der Städteregion Aachen in Würselen (MZ), dies erkannt haben. Unlängst wehten zum Internationalen Tag der Pflege einträchtig die Verdi-Aktionsflagge am Standort Marienhöhe neben den Bannern der Städteregion und des MZ-Mitgesellschafters Knappschaft Bahn-See – „Zum Wohle der Patienten und des Personals“.

Wie Verdi anführt, sagte dort MZ-Geschäftsführer René Bostelaar ganz im Sinne der Arbeitnehmervertreter: „Gute Pflege bedeutet, sich auch Zeit für die Patienten zu nehmen – die lässt sich aber nur mit ausreichend Personal sicherstellen. Hier sind bei der Finanzierung Gesetzgeber und Kostenträger gleichermaßen in der Pflicht.“

Auch die Bundesregierung hat den Bedarf der Nachbesserung erkannt und im Koalitionsvertrag bis 2017 eine Krankenhausreform vereinbart. Derzeit wird der entsprechende Referentenentwurf des „Gesetzes zur Reform der Strukturen der Krankenhausversorgung“ – kurz Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) – kräftig diskutiert. Eckpunkte wurden von einer Bund-Länder-AG eingebracht. Meyer und Hackmann gehen davon aus, dass der Gesetzesentwurf im Herbst in die parlamentarische Diskussion geht und dann hoffentlich das Gesetz beschlossen und umgesetzt wird.

Allerdings greifen die im Entwurf formulierten Ziele und Zahlen aus Sicht von Verdi zu kurz. Allein im Pflegebereich der Universitätsklinika hätten sich derzeit 2,1 Millionen Überstunden angehäuft. Umgerechnet bedeutet dies, dass dort allein deshalb rund 1300 Kollegen fehlen. Entsprechend würden sich alarmierende Überlastungsanzeigen des überforderten Personals stapeln. Verdi beruft sich auf bundesweite Stichproben bei Nachtdiensten in Krankenhäusern und auf die Besetzung von Intensivstationen. Viel zu viele Patienten werden von viel zu wenig Fachpersonal betreut. Das habe unmittelbar gesundheitliche Folgen. Das Patientenwohl sei gefährdet.

Gewerkschaftssekretärin Hackmann sagt: „Das ist ein flächendeckendes Problem. Auch in unserer Region gibt es kein Krankenhaus, das genügend Fachkräfte hat.“ Das habe negative Auswirkungen aufs Personal. In Beratungsgesprächen mit der Gewerkschaft werde deutlich, dass immer mehr angesichts der Belastungen an den eigenen Qualitätsansprüchen verzweifeln. „Sie haben viel zu wenig Zeit für die Patienten.“ Das führe auch zu Problemen und Spannungen untereinander. Meyer sagt, dass die Verweildauer von Pflegekräften auf einer Stelle auf acht Jahre gesunken sei. Der Wechsel erfolge meist, weil es am bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr auszuhalten sei.

Zu wenig Geld für Personal

Meyer betont, dass es falsch ist, den Krankenhäusern einfach die Konkurrenz untereinander zu überlassen. „Markt und Wettbewerb können das nicht richten“, heißt es in der Stellungnahme der Gewerkschaft zum Referentenentwurf. Die geplante verbesserte finanzielle Ausstattung der Krankenhäuser in Höhe von 5,4 Milliarden Euro, die die Krankenhausreform bis 2020 kosten soll, sei lediglich ein erster Schritt.

Der Grund: Nur 660 Millionen Euro davon sollen beim Personal ankommen. Viel zu wenig, sagen die beiden Gewerkschaftssekretäre. Mittelfristig müssten zur Behebung der prekären Personalausstattung rund acht Milliarden Euro aufgewendet werden.

Die Länder, so auch NRW, würden viel zu wenig Geld für Investitionen zuweisen. Verdi fordert eine Quote von neun Prozent vom Umsatz eines jeden Krankenhauses. Derzeit erreichten die Länder nicht die Hälfte der Quote. Dies führe dazu, dass die Krankenhäuser aus den Erlösen der Krankenversorgung Investitionsmittel abzuzweigen haben. Meyer verweist auf das Beispiel Medizinisches Zentrum Würselen. Die laufende Umsetzung des Masterplans müsse weitgehend das Personal erwirtschaften, um Kreditlinien zu bedienen und Bürgschaften nicht wirksam werden zu lassen.

Dagegen sollte der Investitionsbedarf „am Versorgungsbedarf der Bevölkerung“ ausgerichtet werden. Verdi hat hier für die 16 Bundesländer eine Anhebung der Investitionen um vier Milliarden Euro ermittelt. Zum Forderungskatalog der Arbeitnehmerorganisation gehört auch, bei der Krankenhausplanung die Qualität als Kriterium einzuführen – mit Mindestmengenregelung. Schließungsprämien für Krankenhäuser, die aus Versicherungsgeldern gespeist werden, werden abgelehnt.

Vorwurf der Verdi-Vertreter ist, dass immer wieder Versicherte gerade der gesetzlichen Krankenkassen „zur Finanzierung staatlicher Versäumnis herangezogen werden“. Nach Schätzung wird auch mit Blick auf die Reformpläne bis 2020 mit einem Anstieg des Beitragssatzes um vier bis fünf Prozentpunkte gerechnet. Generell fordert Verdi den Gesetzgeber auf, die Bürgerversicherung einzuführen, um nach dem Grundgedanken des Solidaritätsprinzips eine verlässliche Versorgung aller auf hohem Niveau zu garantieren.

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