An G8 scheiden sich weiter die Geister

Von: Nadine Steffens
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Leiter von Gesamtschulen und Gymnasien im Nordkreis bewerten eine Rückkehr zu G9 unterschiedlich. Foto: dpa

Nordkreis. Seit der Einführung von G8 ist die verkürzte Gymnasialzeit bei Schülern, Lehrern und Eltern umstritten. Nun äußern sich Gymnasien und Gesamtschulen im Nordkreis zu dieser Kontroverse.

Michael Schmitt, Schulleiter der Europaschule Herzogenrath, bezeichnet den Streit um G8 oder G9 in NRW als müßig. „Es gibt in unserem NRW-System G9 in den Gesamtschulen und G8 in den Gymnasien. Dies ist eine politische Entscheidung, nur: Keiner kann behaupten, dass es in NRW keine Möglichkeit gibt, das Abitur nach 13 Jahren zu machen“, sagt Schmitt. Er ist der Auffassung, dass beide Systeme seine Berechtigung haben.

Für sehr lernorientierte und kognitiv stärker zu belastende Schüler wäre der Besuch einer G8Schule von Vorteil. Für andere Schüler, die von Beginn an mehr Zeit und Förderung bräuchten, um die gleichen Lernleistungen zu erreichen, sei eine G9-Schule sehr sinnvoll. Dies bedeute jedoch nicht, dass ihre Lernleistungen schwächer seien, sondern auf anderen und zeitintensiveren Wegen erreicht würden.

„Bildungszeit gibt es ausreichend; Voraussetzung ist, dass man sie nutzt“, sagt Schmitt. „Schulzeit ist Lebenszeit: Die einen möchten die Zeit in der Schule schneller beenden und sind in der Lage dazu. Andere brauchen diese Zeit in der Schule und möchten sie auch haben.“

Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache

Ähnlich sieht das ebenfalls Martin May, Schulleiter der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Alsdorf. An seiner Schule befinden sich in der Sekundarstufe 1 viele Schüler, die am Ende der Grundschulzeit keine gymnasiale Empfehlung bekommen haben oder aufgrund ihres Migrationshintergrundes Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Diese würden die sechs Jahre Schulzeit in der Sekundarstufe 1 benötigen, um genügend Grundlagen zu lernen, die für die Oberstufe unverzichtbar wären.

Nach der zehnten Klasse würden sich auch viele Schüler entscheiden, ins Berufskolleg zu wechseln oder eine Lehrstelle zu beginnen. „In unsere Oberstufe wechseln auch viele Schüler, die an einer Hauptschule oder an einer Realschule ihre Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe geschafft haben. Selbst von den umliegenden Gymnasien wechseln Schüler zu uns, die später bei uns ihr Abitur schaffen“, sagt May. Jährlich erreichten etwa ein Drittel der Schüler der Gustav-Heinemann-Schule in der zehnten Klasse den Abschluss FORQ. Seit vielen Jahren schaffen 80 bis 100 Schüler der Gesamtschule ihr Abitur, obwohl die meisten davon in der Grundschule keine Gymnasialempfehlung erhalten haben. „Ich bin von dem vielfältigen Angebot der Gesamtschule überzeugt, die jeden Schüler zu seinem individuell bestmöglichen Schulabschluss führt“, sagt May.

Es gebe sogar zwei Möglichkeiten, an der Gesamtschule G8 zu realisieren: Entweder überspringt ein Schüler aus der zehnten Klasse die Einführungsphase oder ein Schüler aus der neunten Klasse geht bei entsprechenden Leistungen in die Einführungsphase über. „In den letzten 20 Jahren haben nur eine Handvoll davon Gebrauch gemacht“, äußert Martin May.

Flexibler mit Dalton

Wilfried Bock,Schulleiter des Gymnasiums Alsdorf, merkt an, dass bei G8 keine dem veränderten Zeitrahmen entsprechend angemessene Reduzierung der Inhalte stattgefunden habe, so dass das nachhaltige Lernen bei reduzierten Lernzeiten nicht immer möglich sei. Der an dieser Schule umgesetzte Daltonunterricht ermögliche es jedoch, dass Schüler sich die Zeit nehmen könnten, die sie benötigten.

Da dies von Fach zu Fach unterschiedlich sei, könnten sie im Gymnasium Alsdorf Ressourcen nutzen, die bei anderen Unterrichtskonzepten nicht genutzt werden könnten. „Der Daltonunterricht reduziert durch seine Flexibilisierung des Unterrichtens die Belastung der Schüler und führt zu Abiturergebnissen, die seit vielen Jahren über dem NRW-Landesschnitt liegen“, sagt Bock.

Die Belastung der Schüler des Städtischen Gymnasiums Herzogenrath würde sich laut Schulleiterin Brigitte Jansen aufgrund guter Organisation und dem Ganztagsangebot in Grenzen halten. Jedoch stellt sie fest, dass der Leistungs- und Zeitdruck für ihre Schüler sehr hoch ist. „Es bleibt kaum Zeit für Angebote, die über unser außerunterrichtliches Angebot hinausgehen. Außerdem ist insbesondere die hohe Stundenzahl in der Sekundarstufe II für Jugendliche kaum zu schaffen. Dies hat einen großen Einfluss auf das häusliche Arbeitsverhalten, da die Schülerinnen und Schüler auch bei bestem Willen nicht alle Hausaufgaben erledigen können“, sagt Jansen.

Nach Michael Schmitt gehören zu den Lernzielen in der Schule viele personale und soziale Kompetenzen. Die Ausbildung dieser Fähigkeiten brauche oft mehr Zeit als das Erreichen bestimmter Lernleistungen rein fachbezogener Art. „Der von den Politikern genannte Vorzug, dass die Schüler mit G8 früher im Berufsleben stehen, hat sich nicht oder kaum bewährt“, fährt Jansen fort. „Die Absolventen sind aufgrund ihres Alters teilweise weniger in der Lage, eine Entscheidung über eine Studienrichtung zu treffen“, sagt Bock. Viele Schüler weichen aus, indem sie sich vorübergehend einen Nebenjob suchen, ein Jahr ins Ausland gehen oder ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren.

Probleme beim Rückgang auf G9

„Dies ist durchaus nicht schlecht, aber nicht das, was die Politiker erreichen wollten. Außerdem muss man bedenken, dass gleichzeitig mit der Einführung von G8 das Schuleingangsalter herabgesetzt und der Wehrdienst abgeschafft wurde. Dies führt insgesamt zu der absurden Situation, dass viele junge Studentinnen und Studenten noch nicht selbstständig leben können und von ihren Eltern zur Universität begleitet werden müssen“,sagt Jansen.

Ihrer Ansicht nach bevorzugen Schüler und Eltern an ihrer Schule G9. Die Lehrer seien insofern indifferent, als es einen großen Arbeitsaufwand geben würde, je nachdem wie der Rückgang zu G9 oder einem modifizierten System gestaltet werden würde. Sie selbst bevorzuge eine Möglichkeit, grundsätzlich G9 anzubieten, aber individuellen Schülern einen achtjährigen Bildungsgang anzubieten. „Es ist denkbar, in einer sechsjährigen Sekundarstufe I das letzte Jahr so zu nutzen, dass durch Förderangebote auf ein sinnvolles Überspringen der darauffolgenden Jahrgangsstufe auch schulisch vorbereitet wird“, sagt Jansen.

Unterricht auf dem Prüfstand

Insgesamt halte sie für Gymnasien die Einführung von G8 insofern als wertvollen Gewinn, weil viele Schulen ihren Unterricht überdacht haben und zu neuen Lern- und Arbeitsmodellen für ihre Schüler gekommen sind. Dies könnten sich Schulen gut zunutze machen, falls sie wieder zu G9 zurückkehren würden. Auf keinen Fall dürfe jedoch eine Rückkehr zu G9 auch eine Rückkehr des alten Halbtaggymnasiums beinhalten. „Spätestens dann würden Schulen, die ihre Schulentwicklung vorangetrieben haben und zu hervorragenden Ergebnissen, auch in außerunterrichtlichen Angeboten, gekommen sind, äußerst frustriert sein“, sagt Brigitte Jansen.

„Ich persönlich glaube, dass G8 insgesamt den Schülern nicht geschadet hat, dass aber eine Rückkehr unter den von mir genannten Bedingungen die Bildungsqualität am Gymnasium deutlich erhöhen würde.“

Bock vertritt zudem die Meinung, dass eine einheitliche Regelung angestrebt werden sollte, um zum Beispiel Probleme bei umzugsbedingtem Schulwechsel zu vermeiden.

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