An einer Frau aus Marmor scheiden sich die Geister

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
14913271.jpg
Der Stein des Anstoßes: die Skulptur „Gaia“ im Karl-van-Berk-Park in Alsdorf-Ofden. Foto: Karl Stüber

Alsdorf. „Diese Skulptur verschandelt unsere Grünanlage“, schreibt Anton Scheilen. Käthe Pompetzki sagt: „Schade, dass der Karl-van-Berk-Park so verunstaltet wird!“ Dagegen meint Edith Cohnen, „dass der Körper einer Frau ohnehin ein Kunstwerk ist. Obszön ist sicherlich nicht die Skulptur, sondern eher die subjektiven Gedanken der Betrachter.“

An der vor kurzem im Grünkreuz in Alsdorf-Ofden aufgestellten Skulptur scheiden sich die Geister. Der Aufruf unserer Zeitung auch via Facebook, sich zu dem Kunstwerk in dem öffentlichen Park zu äußern, ließ klar drei Lager erkennen. Die einen lehnen das moderne Kunstwerk strikt ab, die anderen finden das Objekt interessant, eine dritte Gruppe weiß zwar nicht so recht, etwas damit anzufangen, plädiert aber mit einem Augenzwinkern für Toleranz. „Was ist daran schlimm? Gibt‘s keine anderen Probleme?“, „So sind wir geboren“, „Sehe nur ‘ne Ansammlung von Knubbeln“ lauten entsprechende Kommentare im sozialen Netzwerk.

Der Stein des Anstoßes stellt Gaia dar, die (Mutter) Erde. Eine übergroße, mit ihren üppigen Rundungen eindeutig weibliche Figur aus norwegischem Marmor, die der niederländische Künstler Leo Horbach geschaffen hat.

Die Figur ist Teil eines insgesamt sechs Statuen zählenden neuen Kunstpfades. Die Skulpturen wurden in verschiedenen Alsdorfer Parks und Grünanlagen aufgestellt, sind Geschenke der Künstler und ihrer Sponsoren an die Stadt Alsdorf. Entstanden sind die Objekte im Rahmen des internationalen Projekts „Säulen der Freiheit“ (pillars of freedom) des Alsdorfer Bildhauers Alfred Mevissen.

„Tolerant akzeptieren“

Er und seine Mitstreiter wollen mit solchen Säulen weltweit markante Signale setzen, um sich angesichts totalitärer und nationalistischer Entwicklungen für die Wahrung der Freiheit und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung einzusetzen. Kurzum: Sie setzen sich für Freiheit ein, wozu auch Kunst als Form der freien Meinungsäußerung zählt.

Mevissen ist erstaunt über die Intensität der Reaktionen. Er sagt aber auch: „Dass man über Kunst streiten kann und soll, ist seit Jahrtausenden bekannt und das ist auch gut so.“ Schon viele „nackte Frauen und Männer seien Anlass für Diskussionen in der Kunstgeschichte gewesen. Und die sind ja auch gewollt.

„Denn wo kämen wir hin, wenn jeder alles toll finden würde?“, billigt er einem jedem seine Meinung zu. „Wer die Idee zur Skulptur liest (ist ja auf dem Schild an der Skulptur beschrieben) und versteht, dass es sich bei der Skulptur um ‚Gaia – Mutter Erde‛ handelt, die um Hilfe ruft, dass die Menschen Sie mit Entschlossenheit besser schützen, vor all den Angriffen, die wir Menschen ihr antun, der kann sich dann wahrscheinlich auch von der obszönen Betrachtungsweise lösen und sich aus einem anderen Blickwickel mit dem Werk anfreunden oder es zumindest als Beitrag zur Kultur tolerant akzeptieren.“

Mevissen plädiert für einen offenen Dialog und wendet sich gegen anonyme Kritik. „Aber am besten Sie machen sich selber ein Bild und schauen sich die Skulptur persönlich einmal an, genauso wie die fünfanderen Skulpturen in den Parks von Alsdorf.“

Diesen Gedanken greift Ralf Kahlen auf. Der Erste Beigeordnete der Stadt Alsdorf setzt sich angesichts der Reaktionen für eine öffentliche Veranstaltung ein, vielleicht eine Führung des Künstlers und/oder des Projektleiters Mevissen.

Anton Scheilen wirft der Stadt Alsdorf vor: „Die Ofdener Bürger sind bei diesem Vorhaben gänzlich übergangen worden. Ansonsten hätte es mit Sicherheit schon im Vorfeld Gegenwind gegeben.“

„Keine geheime Sache“

Beigeordneter Kahlen sagt, die Stadt habe keine Veranlassung gesehen, das Vorhaben beispielsweise in einer Anwohnerversammlung vorzustellen. Zudem sei dies auch nicht Thema in einem Fachausschuss oder im Stadtrat gewesen. „Wir müssen die politischen Parteien nicht für alles mit ins Boot nehmen“, sieht der Beigeordnete in dem Projekt einen Vorgang der laufenden Verwaltung. Die Stadt könne froh darüber sein, dass der Kunstpfad praktisch kostenlos zustandegekommen ist. Die Stadt habe lediglich logistische Hilfe geleistet und „etwas Schotter für die Fundamente beigetragen“.

Das Projekt sei „keine geheime Sache“ gewesen – und sei ja auch von der Tageszeitung vorgestellt worden. Er sei sehr überrascht angesichts harscher Reaktionen. Er persönlich findet: „Das ist eine tolle Skulptur.“

Angela Steffens-Grimmen, hätte sich dagegen eine Bürgerbeteiligung vorab gewünscht und sagt zu der Befragung durch unsere Zeitung: „Es ist ja schön, dass man als Bewohner der Ofdener Siedlung einmal nach seiner Meinung gefragt wird, was ja sonst in Alsdorf nicht der Fall ist.“ Eins habe der „Künstler“ geschafft. Man rede miteinander ! „Ich glaube, dass fast jeder Ofdener schon vor diesem ‚Ding‘ gestanden hat, um es zu ‚bewundern‘. Ich hoffe nur ,dass dem ‚Künstler‘ keine Frau Modell gestanden hat. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie diese aussehen würde.“ Die Skulptur erinnere sie an einen Alien. Es wäre sinnvoller, einen neuen Baum zu pflanzen.

Eine weitere Leserin schreibt: „In diesem Fall sollten sich die Ofdener Bürger, die gegen die Skulptur von Leo Horbach wettern, zum Verstehen etwas Zeit nehmen.“ Zum Thema Frauenkörper empfiehlt sie, das Internet zu bemühen: „Man gebe die Suchworte ‚Frau‘, ‚nackt‘ und ‚Skulptur‘ ein – und wir können jede Auseinandersetzung, was Kunst ist und was nicht , sofort beenden.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert