Würselen - Altes Rhenania-Zuhause: Abrissbirne beendet Ära

Altes Rhenania-Zuhause: Abrissbirne beendet Ära

Von: ehg
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Das Ende naht: Der Schriftzug „Restaurant Josef Nacken“ wird nicht mehr lange zu lesen sein. Foto: Sevenich

Würselen. Das „Restaurant Josef Nacken“ am Lindenplatz hatte schon länger seine Pforten geschlossen. Da war es nur noch eine Frage der Zeit, bis seine letzte Stunde schlagen würde. Es ist nicht zu übersehen, dass der Abriss des einstigen gesellschaftlichen Mittelpunktes des Ortsteiles Bissen und langjährigen Vereinslokals des SV Rhenania 05 kurz bevor steht.

Auf der rückwärtigen Seite wurde das Dach bereits abgedeckt. Den Rest wird die Abrissbirne in den nächsten Wochen erledigen. An seiner Stelle wird ein von der ACI (Gesellschaft für Projektentwicklung, Bauplanung und Management) konzipiertes neues Gebäude mit zehn Wohneinheiten entstehen. In den Händen der ACI wird auch die Bauleitung liegen.

Im Jahre 1901 hatte Bauunternehmer Josef Nacken die gute Stube im Ortsteil Bissen nebst Saal errichtet. So richtig mit Leben erfüllt wurde sie, als der SV Rhenania, der älteste Sportverein der Stadt, vom Kaninsberg, wo er bisher auf Tore- und Punktejagd gegangen war, zum Lindenplatz übersiedelte. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Mit Hilfe von Gastronom Josef Nacken wurde ein geeignetes Gelände im Zentrum der Stadt ausfindig gemacht, das jedoch zunächst zu seiner sportlichen Anlage ausgebaut werden musste.

Es entstand schließlich eine fest umzäunte Kampfstätte mit einer überdachten Holztribüne, die mehr als drei Jahrzehnte lang Sonntag für Sonntag Schutz gegen den Regen bot. Festlich eingeweiht wurde die neue Sportstätte inmitten der Stadt am 14. August 1921 mit einem Spiel gegen den SV Rheydt, das der Gast mit 2:1 für sich entschied. Was kein schlechtes Omen für die Zukunft des Vereins war. Es begann nämlich auf der neuen Platzanlage der große Siegeszug einer Mannschaft, die den Namen des Vereins erstmalig über den weiten Rheinbezirk zu einem Begriff im Fußball werden ließ.

Dortmund, Schalke, Köln

Von diesem Tag an fand die Rhenania ihr Zuhause in der Gaststätte am Lindenplatz. Der Verein und sein Lokal verschmolzen immer mehr zu einer unzertrennlichen Einheit. Gemeinsam schrieben sie Lindenplatz-Geschichte. Wer der Gastwirtschaft einen Besuch abstatten wollte, der ging zur „Rhenania“. Am meisten sorgten die „Schwarzen Teufel“ vom Lindenplatz in den Jahren 1948 bis 1950 für Furore, als sie in der Oberliga West, der damals höchsten deutschen Spielklasse, gegen die Mannschaften von Dortmund, Köln und Schalke, aber auch Alemannia Aachen zum Kräftemessen aufliefen. Gegen Schalke wurden im ersten Heimspiel – sage und schreibe – 16 000 und gegen die Konkurrenz aus Aachen 15 000 Besucher gezählt. Der einzige noch lebende Spieler der Oberliga-Mannschaft ist der heute 86-jährige Rudolf (Rudi) Römgens.

Als Vorsitzende gaben bei den im Vereinslokal getroffenen Entscheidungen erst Willi Franken, Gerhard Gerber und Dr. Alfons Frieg mit Geschäftsführer Heinz Wacker, dem 1999 verstorbenen Präsidenten des Bundes Deutscher Karneval, an seiner Seite die Marschrichtung vor. Ihnen folgten Kreisdirektor Josef Schirp, Franz-Josef Esser – zwölf Jahre lang – und Elmar Schultheis, der die Rhenania nach 14 Jahren 1978 wieder zurück in die Verbandsliga führte.

Franz-Josef Mohren, Rhenanist durch und durch und unmittelbarer Nachbar, konstatiert: „Kein anderes Eingangstor in Würselen durchschritten so viele Menschen im Laufe der Jahrzehnte wie das auf dem Lindenplatz.“ Als gastfreundliche Wirtsleute blieben auch Marianne und Barthel Kolberg, heute Dorfstraße 23, in guter Erinnerung. Ein Wiedersehen feierte die Verbandsliga-Mannschaft aus dem Jahre 1958 nach 20 Jahren mit ihrem einstigen israelischen Trainer Emanuel Schaffer 1978 am „Lindenplatz“. Er traf die Rhenania in ihrer Gesamtheit, aber auch mit dem jüdischen Freund Erich Voss (Der söße Eck), der auf Vermittlung von Heinz Wacker aus Argentinien angereist war. Dorthin war er Mitte der 1930er Jahre vor den Nazis mit seiner Familie geflohen.

Zum „50-Jährigen“ empfing die Rhenania die Mannschaft von Austria Wien mit dem legendären Spieler Occwirk. Ein für die Rhenanen schmeichelhaftes 5:5 sprang bei dem sportlichen Vergleich heraus, das – wie hätte es anders sein können – im Vereinslokal gebührend begossen wurde.

Nicht nur die Fußballer waren „bei Nacken“ zu Hause. Von 1922 an zogen die „Spellsleute“ im angrenzenden Saal ihre Veranstaltungen auf, erst bis 1935 und nach dem Krieg wieder ab 1949 ununterbrochen bis 1953. Da nach den Ereignissen von 1953 viele Menschen aus der DDR in den Westen flohen, wurden im Saal Nacken von der Stadt Notunterkünfte eingerichtet. Damit stand der Saal, in dem es vor dem Krieg auch eine Kegelbahn gegeben hatte und danach auch der Boxclub unter Trainer Willi Jopen „Unterschlupf“ gefunden hatte, nicht mehr zur Verfügung.

Und so legten die „Spellsleute“ 1955 erstmals ein Zelt auf dem Lindenplatz, 1960 und 1962 auf dem Sportplatz. Von 1965 bis 1989 war dort die Rhenania der Kirmesveranstalter. Neben den Fußballern fanden auch die Handballer im „Restaurant Josef Nacken“ über Jahre ihre gesellige Heimat. Ebenfalls gastierte dort auch die Bissener Puppenbühne einige Zeit lang.

Nun übernehmen die Abriss-Experten.

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