Baesweiler - Alter: 85 Jahre. Rente: 350 Euro.

Alter: 85 Jahre. Rente: 350 Euro.

Von: Stefan Schaum
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Baesweiler. Manchmal, wenn der alte Mann wieder auf der Bank im Keller sitzt und warten muss, denkt er, dass er gar nicht hier sein sollte. Nicht neben denen sitzen sollte, die ebenso wenig haben wie er und angewiesen sind auf das, was sie im Raum nebenan bekommen: Obst, Brot, Gemüse, Fleisch. Schließlich hat er doch sein Leben lang gearbeitet, zunächst als Meister an der Gleisanlage einer Eisenhütte, später als Heizer in einer großen Ärztepraxis. Und jetzt?

Jetzt sitzt er da mit schmerzendem Rücken, eingereiht mit den anderen Kunden der Settericher Tafel, weil er sich andernorts viele Dinge nicht leisten kann. „Ich lebe doch im Grunde von Bettelgeld“, sagt er. Das klingt ganz schön bitter.

Seinen Namen möchte er an dieser Stelle nicht lesen, aber aus seinem Alter macht er keinen Hehl: 85 Jahre ist er und stammt aus Oberschlesien. Seit zehn Jahren lebt er in Setterich. Seine Rente: 350 Euro. Mit diesem Geld wäre es daheim in Polen ebenfalls knapp geworden, das weiß er. Und er bereut auch gar nicht, mit seiner Frau nach Deutschland gekommen zu sein, wo zwei der vier Kinder ganz in seiner Nähe leben. Die Familie ist zusammen, darauf kommt es ihm an. Selbst wenn das Paar täglich rechnen muss, welche Ausgaben noch drin sind. Und das, obwohl seine Frau ebenfalls gearbeitet hat. Besser: geschuftet hat.

Von 1958 bis 1973 hat sie Steine geschleppt für den Straßenbau. „Im Kommunismus galt das als Gleichberechtigung der Frau“, sagt sie. 380 Euro monatlich – das ist im Alter der Dank dafür. Zieht man 300 Euro Miete ab, bleiben den beiden knapp 400 Euro. Neulich gab es wieder Kartoffeln mit Buttermilch. „Ein anständiges Essen“, nennt es der alte Mann. „Wir sind genügsam“, sagt seine Frau. Dann muss der Mann husten, das Asthma macht ihm zu schaffen. Schon vor langer Zeit wurde eine Herzschwäche diagnostiziert.

Wie lange er wohl weitermachen kann in der Wohnung? Er weiß es nicht. Eine Tochter kommt jeden Tag vorbei und kümmert sich. Putzt und pflegt. „Ein Pflegeheim können wir uns doch nicht leisten“, sagt er. Und sie wollen niemandem zur Last fallen. „Die Kinder können und sollen nicht für uns zahlen!“

Zweimal pro Woche ist die Tafel das Ziel. Ob der Mann sich schämt, dort zu sitzen? „Nein“, sagt er, „warum soll ich mich schämen, wenn mir jemand Gutes tut?“ Es ist eher ein stiller Ärger darüber, trotz all der Arbeit im Lauf des Lebens an dessen Ende zu kurz zu kommen. Das spürt er vor allem jetzt, zur Weihnachtszeit. Dann ist es wieder „wie vor vielen Jahren, als Apfelsine in Polen ein Fremdwort war. Damals gab es so etwas nicht und heute können wir es uns aus eigener Kraft nicht leisten.“

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