Alte Bilder von Martin Schulz? Er hat sie!

Von: Verena Müller
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In seinem Büro, zugleich Archiv: Wolfgang Sevenich, Mitarbeiter unserer Zeitung, hat Martin Schulz über Jahre an so ziemlich jedem Wochenende begleitet. Foto: Verena Müller

Herzogenrath. Martin Schulz hat mal gesagt, Wolfgang Sevenich habe ihn mit der Fußballmannschaft der D-Jugend bei Rhenania abgelichtet. „Aber ich finde nichts“, sagt der Fotograf. Und wenn Wolfgang Sevenich in seinem Archiv nichts findet, kann das nur eines heißen: Der SPD-Kanzlerkandidat muss sich getäuscht haben.

In Schränken, Regalen, Schubladen, Umzugskartons – ja, sogar im Stauraum unter einem Doppel(gäste)bett in seinem Haus in Herzogenrath-Kohlscheid hat Wolfgang Sevenich sein Archiv untergebracht. Wer glaubt, dort herrsche das blanke Chaos, der hat sich gewaltig getäuscht. Linker Bettkasten: Schwarzweiß-Abzüge. Rechter Bettkasten: Farbbilder. Ordner im Regal: ab 2000 aufwärts, Kartons: Negative seines Vorgängers mit sauberer Beschriftung: „Kinderkommunion ‘66“ oder „Fuchsjagd“. Sevenich digitalisiert die Aufnahmen.

Das Gesicht der Zeitung

Als in der vergangenen Woche das Telefon bei den Sevenichs nicht stillstehen wollte, als Boulevardmedien, Magazine, Tageszeitungen aus dem gesamten Bundesgebiet und die Deutsche Presseagentur (dpa) anriefen und Archivbilder mit Schulz haben wollten, konnte Sevenich, ohne zu viel zu versprechen, antworten: „In einer Viertelstunde haben Sie die Bilder.“

Sevenich ist 68 Jahre alt und seit 46 Jahren freier Mitarbeiter unserer Zeitung. Ja, gerade mal Anfang 20 war er, als er die ersten Fotos für die NRZ und kurze Zeit später auch für die „Aachener Volkszeitung“ im Bereich nördlich von Aachen ablieferte, so hieß die „Aachener Zeitung“ damals noch.

Bei den Ereignissen, die er für unsere Zeitung fotografiert, muss man wohl niemanden mehr erklären, wer Wolfgang Sevenich ist. Er ist die Zeitung. Wenn er im Saal auftaucht, wird die Veranstaltung – egal bei welchem Tagesordnungspunkt man gerade ist – einfach unterbrochen. Manchmal werden Situationen noch einmal nachgestellt, weil jeder weiß: Wolfgang Sevenich ist das umfassendste Fotoarchiv von Würselen, Herzogenrath, Alsdorf und Baesweiler. Es ist fast so, als hätten Veranstaltungen, bei denen er nicht gewesen ist, nicht stattgefunden.

Mit Blick auf Schulz formuliert es Sevenich so: „Wenn mal von einem Wochenende kein Bild von Martin Schulz in der Zeitung war, dann war er auch bei keiner Veranstaltung.“

Den Weg zur Zeitung hatte der Vater mehr durch Zufall geebnet: Fritz Sevenich schrieb fast bis an sein Lebensende vor zehn Jahren im Auftrag unserer Redaktion. Das Autorenkürzel des Vaters (fs) hat Wolfgang Sevenich übernommen. Nur unter den Bildern verwendet er „sev“.

Er war bei der Öffnung der Grenze zwischen Herzogenrath und Kerkrade dabei, lichtete das Zugunglück bei Merkstein ab, traf Howard Carpendale im Scotch-Club in Herzogenrath und sah auch die Überreste des Autos des Clubbesitzers, der sich kurze Zeit später im Alkoholrausch bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in den Tod gefahren und dabei zwei Beamte mitgerissen hatte.

Und natürlich traf er über Jahre fast jedes Wochenende mehrmals bei Terminen auf Martin Schulz. Er war Zeuge, wie Schulz für die SPD in den Wahlkampf um die Bürgermeisterkandidatur in Würselen zog, wie er 1987 die Amtskette erhielt, wie er Empfänge gab, das Grenzlandschild verlieh, unzählige Vereine besuchte und schließlich – elf Jahre später – Richtung EU-Parlament weitestgehend aus seinem Blickfeld verschwand.

Auch wenn Sevenich – eher durch Zufall, weil er eh vor Ort war – vor St. Sebastian das Familienfoto von der Abiturfeier von Schulz' Junior machte, ist das Verhältnis zwischen dem Fotografen und dem Politiker immer distanziert geblieben.

Ausnahmslos gute Erinnerungen habe er an Schulz. Zwar immer höflich, immer auf Augenhöhe – geduzt habe man sich aber nie, überlegt Sevenich. „Das war damals so.“ Man habe auch nicht nach dem Termin noch kurz geplaudert. „Dazu war einfach keine Zeit.“

Sevenich sitzt in seinem Büro im Keller des adretten Einfamilienhauses, das er mit seiner Frau Doris seit der Hochzeit bewohnt. Die beiden haben zwei Söhne. Früher, mit seinen Eltern, hat Sevenich in Herzogenrath neben der Feuerwache gewohnt. Das sei recht praktisch gewesen, sagt Sevenich, so habe er quasi über den Gartenzaun hinweg erfahren, wo es brennt und ob es sich lohnt rauszufahren.

Sein Vater war hauptberuflich Postbeamter, er selbst arbeitete 48 Jahre in der Verwaltung des Nähmaschinennadel-Herstellers Schmetz in Herzogenrath. Die Ruhe und Gelassenheit, die solchen Berufen gerne nachgesagt wird, verbreitet er immer noch. Kreuzfahrten sind seine große Passion, spazieren gehen – aber nur bei schönem Wetter. Sevenich ist ehrlich: Er übertreibt es nicht.

Ende der 60er begann er, die ersten Fotos zu schießen. Seine erste eigene Kamera war eine Exa 500, eine Spiegelreflexkamera aus der DDR, die „sehr gute Dienste“ geleistet habe. Die erste eigene Dunkelkammer richtete er sich auf dem Speicher ein. Sein Markenzeichen ein paar Jahre später: zwei umgehängte Kameras. Eine für schwarz-weiß, eine für Farbe. Die Farbfotos landeten dann im Goldenen Buch der Stadt Würselen oder in den Chroniken der Vereine.

„Sonntags war der Besuch der Redaktion Pflicht“, erzählt Sevenich. Zehn, zwölf Bilder abliefern und: noch kurz bei der Polizei vorbeigehen, um den Polizeibericht abzuholen. Bei späten Veranstaltungen habe er die Bilder sogar noch nach Aachen zum Schlussdienst gebracht, erzählt er. „Der Zeitaufwand war schon riesengroß.“ Fast unvorstellbar im heutigen digitalen Zeitalter. Wenn Sevenich durch die alten Ordner blättert, mit den Zeitungsartikeln über Schulz, dann wird ihm das alles wieder bewusst.

Manche Wünsche von Gazetten oder Zeitschriften kann er allerdings nicht erfüllen, trotz der Materialfülle. Schulz im Auto zum Beispiel. Und ging es bei den Anfragen immer nur um Bilder oder auch um etwaige schmutzige Details, wie kürzlich die Pressestelle der Stadt Würselen aus der Anfragenflut anderer Medien kolportierte? „Nee“, sagt Sevenich. „Die gibbet bei mir auch nicht. Weil ich keine habe.“

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