Alsdorf - Alsdorfer Streetworker über ihre Arbeit mit Jugendlichen

Alsdorfer Streetworker über ihre Arbeit mit Jugendlichen

Von: Stefan Schaum
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Immer ansprechbar: Das gilt für die Streetworker Susanne Schlegel und Hartmut Krombholz auf der Straße ebenso wie in ihrer Anlaufstelle in der Alsdorfer Luisenpassage. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Wenn man so will, dann sind Streetworker ständige Grenzgänger. Einerseits sollen sie möglichst locker und niedrigschwellig mit den Jugendlichen in Kontakt kommen, andererseits gehören sie zum Team des Jugendamts, dass auch einer Aufsichtspflicht nachkommen muss.

Über die Herausforderungen und Chancen der mobilen Jugendarbeit sprechen die Alsdorfer Streetworker Susanne Schlegel (27) und Hartmut Krombholz (44) im Wochenend-Interview.

Wie landet man eigentlich auf der Straße? Den Ausbildungsberuf Streetworker gibt es doch gar nicht.

Krombholz: Da kommen ganz verschiedene Dinge zusammen. Ich selbst bin Sozialarbeiter, meine Kollegin ist Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin. Ich habe mich sehr gern auf diese Stelle beworben – eine Arbeit im Büro wäre eher nicht so mein Ding. Schlegel: Wenn man als Streetworker anfängt, dann bringt man nur ein Grundwissen mit – die Erfahrung sammelt man bei der Arbeit auf der Straße. Aber das ist ja in den meisten Jobs so.

Wie muss ein Streetworker denn beschaffen sein?

Schlegel: Kontaktfreudig. Anders geht es nicht. Wir gehen ja in den meisten Fällen auf die Jugendlichen zu und sprechen sie an. Ein paar von ihnen kommen auch von selbst in unsere Anlaufstelle, aber meistens geht der Impuls von uns aus.

Wen sprechen Sie denn an?

Schlegel: In der Regel sind es Gruppen, die wir in der Stadt treffen, seltener einzelne Jugendliche. Das ist einfacher – und oft kennt man aus Gruppen auch schon den ein oder anderen von früheren Begegnungen, dann ist man schnell im Gespräch.

Und wenn die Jugendlichen nicht reden wollen?

Krombholz: Dann wollen sie nicht. Das ist auch völlig in Ordnung. Freiwilligkeit ist das Grundprinzip beim Streetwork. Jeder Jugendliche darf selbst entscheiden, ob er sich öffnet und wie weit er sich öffnet. Wenn sie wollen, reden sie. Und wenn nicht, dann nicht.

Und wenn sie von Dingen erzählen, die nicht in Ordnung sind. Von Diebstählen, oder vom Schulschwänzen?

Krombholz: Auch das ist dann zunächst mal nur ein Gespräch mit uns. Es kommen oft morgens Teenager in unsere Anlaufstelle. Dann fragen wir natürlich: „Hast du denn keine Schule?“ Aber wir drohen ganz sicher nicht damit, den Schulleiter anzurufen. Dann würden die Betroffenen doch gleich den Kontakt zu uns abbrechen. So kann das nicht funktionieren. Wir nehmen sicher nicht alles kritiklos hin. Aber wir würden auch nicht an die Eltern rangehen – es sei denn, der Jugendliche ist damit einverstanden oder möchte es sogar. Wir können ihn auch zu Behörden begleiten, wenn er es will. Damit steht und fällt alles.

Dann sind Sie am Ende auch eine Art Seelsorger?

Krombholz: Kann man so sagen. Wenn man wie wir zu manchen Jugendlichen eine richtig lange Zeit Kontakt hat, ist man zumindest eine Vertrauensperson, die hilfreich sein kann.

Aber Sie hören bestimmt auch harte Dinge, die man nicht so einfach wegsteckt.

Krombholz: Klar. Wenn ein junges Mädchen zu uns kommt, das gerade zu Hause rausgeflogen ist und jetzt nicht weiß, wohin, dann ist das hart. Dann schluckt man auch mal. Aber ich mache den Job ja schon eine ganze Weile. Da ist der Gedanke, wie man helfen kann, viel präsenter als das Mitleid.

Wie lange hält der Kontakt denn in der Regel an?

Schlegel: Das kann man schwer sagen. Aber es gibt einige, mit denen wir über Jahre hinweg zu tun haben und die uns gern immer wieder besuchen. Daran sehen wir dann, das wir den Job wohl ganz gut machen. Krombholz: Es ist aber nicht so, dass einzelne Jugendliche ständig zu uns kommen. Die nutzen die Möglichkeit nicht jede Woche, aber immer wieder mal. Sagen wir mal: viele kommen regelmäßig unregelmäßig.

Sind Sie auch eine Art Animateur für Jugendliche, die nichts mit sich anzufangen wissen?

Schlegel: Nee. Der Freizeitbereich spielt bei uns sicher auch eine Rolle, wir fahren schließlich mit unserem Jugendbus durch die Stadt und bieten an verschiedenen Orten Spiele oder Sportaktionen an. Aber wir sind jetzt nicht die Bespaßer für die Jugendlichen. Wir bieten ihnen nur Möglichkeiten, die sie nutzen können.

Muss eine Kommune sich eigentlich solche Mitarbeiter wie Sie leisten? Gerade Alsdorf ist finanziell klamm. Ist Streetwork eher ein Luxus oder eine Notwendigkeit?

Krombholz: Luxus? Nein, würde ich auf keinen Fall sagen. Wir arbeiten schließlich mit Jugendlichen, die in irgendeiner Form benachteiligt sind. Die sich im öffentlichen Raum aufhalten und eine Anlaufstelle oder einen Ansprechpartner brauchen. Wir haben ganz andere Möglichkeiten, mit denen ins Gespräch zu kommen als jemand in einem Jugendtreff oder in einer Beratungsstelle.

Bei uns sehen die Jugendlichen nicht selten, dass sich was erreichen können. Beim Bau der Skateranlage am Annapark haben wir eine Gruppe zwei Jahre lang unterstützt. Und jetzt ist die fertig und wird gut genutzt. Da sehen die Jugendlichen: Das haben wir gepackt. Also: Das ist doch kein Luxus.

Muss man eigentlich Berufsjugendlicher sein, um die junge Generation zu erreichen?

Krombholz: Man sollte schon mit ihnen auf einer Ebene kommunizieren können, das ist klar. Aber wird sind eben auch Erwachsene. Daher würde ich sagen: Man sollte eine kritische Grundsympathie für die Jugend pflegen.

Sie sind schon 44. Kann man diesen Job eigentlich bis zur Rente machen?

Krombholz: Keine Ahnung. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber der Job macht mir Spaß – und so lange das so ist, werde ich ihn wohl machen.

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