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Alsdorfer Gymnasium führt probeweise Gleitzeit für Schüler ein

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Schnell dran gewöhnt: Lena Knuth (17) aus Alsdorf trägt einen der Actimeter am Handgelenk, mit dem Lichtintensität und Aktivität des Trägers gemessen werden. Sie nimmt an einer Studie am Alsdorfer Gymnasium zum Thema Schulzeitänderung, Schlaf- und Lernverhalten teil. Foto: V. Müller

Alsdorf. Wenn man so will, schlafen Jugendliche zu der Zeit noch, zu der üblicherweise die Schulglocke den Unterrichtsbeginn der ersten Stunde ankündigt. Schlafforscher können das auch plausibel erklären: In der Pubertät verschiebt sich die Schlafenszeit derart weit nach hinten, dass man die Schüler im Grunde in der zweiten Hälfte ihrer Nacht unterrichtet.

„Versuche haben gezeigt, dass sie in der ersten Unterrichtsstunde immer wieder in einen Mikroschlaf fallen, Episoden, in denen sich das Gehirn kurzfristig abmeldet“, sagt Chronobiologe Prof. Dr. Till Roenneberg. Das Schlafdefizit, das sich dadurch von Tag zu Tag aufbaut, ist aber nur ein Teil des Problems.  Ans Ende des Schlafs fällt nämlich die fürs Lernen essenzielle REM-Phase. Wesentliche Verknüpfungen der Synapsen finden in ihr  statt. Wer früh zur Schule muss, ist also nicht nur unausgeschlafen, er lernt unter Umständen auch schlechter, lautet die vereinfachte Schlussfolgerung.

Das städtische Gymnasium Alsdorf nimmt deshalb an einer bundesweit einmaligen Studie von Roenneberg teil: Sie hat den Unterrichtsbeginn auf 8.50 Uhr verlegt,  125 der 250 Oberstufenschüler führen seit dem 10. Januar Schlaftagebuch, 45 von ihnen tragen außerdem ein sogenanntes Actimeter am Handgelenk, das die Lichtintensität misst und feststellt, ob der Träger aktiv ist.  Bis Freitag vergangener Woche wurde der  bisherige Zustand dokumentiert. Seit Montag ist der Stundenplan umgestellt, so dass die Oberstufenschüler später in den Tag starten können – wenn sie das wollen. Eine Verpflichtung ist das nicht. Man kann sagen, dass sie zwischen 8 Uhr und 8.50 Uhr Gleitzeit haben.

Wie das geht? Das Zauberwort lautet Dalton. Hinter Dalton verbirgt sich ein Unterrichtskonzept, bei dem die Schüler größere Eigenverantwortung für ihr Lernen übernehmen. In den Dalton-Stunden haben sie keinen klassischen fächergebundenen Unterricht, sondern lernen individuell, unter Aufsicht. „Wir haben gesehen, dass die meisten Oberstufenschüler auch ihre Freistunden als Dalton-Stunden nutzen“, berichtet der stellvertretende Schulleiter Martin Wüller. Das gab der Schule mehr Spielmasse für eine Stundenplananpassung.

Im Ergebnis sieht es – verkürzt – so aus, dass die erste Stunde für alle als Dalton-Stunde angesetzt ist und Oberstufenschüler selbst entscheiden, ob sie die Stunde wahrnehmen wollen oder nicht. Wer länger schlafen will, muss nichts „nachholen“, da er im weiteren Tagesverlauf eine andere Dalton- oder Freistunde nutzen kann. Und der Schulschluss (15.15 Uhr) verschiebt sich auch nicht. Am
14. März endet der Versuch, dann werden die Fragebögen und die auf den Actimetern verschlüsselt gespeicherten Daten ausgewertet.

Aber wie kam die Schule überhaupt auf die Idee, sich mit dem Thema zu befassen? Im vergangenen Herbst hatte die Schulleitung einen Vortrag eines Hamburger Forschers über Schulpädagogik und Biologie gehört. „Da hieß es, das Schlafhormon würde bei Jugendlichen zwischen 15 und 23 Jahren zwei bis drei Stunden später ausgeschüttet als in anderen Lebensphasen“, erzählt Bock. „Als ich das gehört habe, dachte ich mir: Die schlafen in der ersten Stunde eigentlich noch.“ Und wenn dem sei so, dann müsse man dringend etwas ändern.

Also machte sich Bock auf die Suche, fand im Internet Studien über unterschiedliche Schlaftypen (Lerchen und Eulen) und weitere Details zu Alter und Schlafrhythmus. Eine Erkenntnis: Mit „schlechten Angewohnheiten“ hat der späte Schlaf von Jugendlichen ursächlich wenig zu tun, das Freizeitverhalten fördert aber das Anhäufen von Schlafdefiziten. Diese wirken sich nicht nur auf das Lernverhalten aus. Reduzierte Konzentrationsfähigkeit erhöht auch die Unfallgefahr auf dem morgendlichen Schulweg.
Dass in Deutschland am Modell des frühen Schulstarts dennoch festgehalten wird, mag sich mit Zeitplänen von berufstätigen Eltern erklären lassen, mit der Auslastung von Räumen oder Bussen.  In anderen Ländern hat man den Schulbeginn längst angepasst: In den Niederlanden beginnt die Schule erst um 9, in Groß Britannien sogar erst um 10 Uhr.

Bei seiner Suche stieß Bock auf Roenneberg, der bereits eine Viertelmillion Menschen schlaftechnisch untersucht hat. Der war sofort von der Idee begeistert, den Nachteulen einen späteren Einstieg in den Tag zu ermöglichen, ohne den „frühen Vögeln“ die Chance auf den sprichwörtlichen Wurm zu nehmen.
Leistungssteigerung denkbar.

Die Schulaufsicht gab grünes Licht, die Eltern und Schüler waren begeistert, also konnte es ein paar Wochen später losgehen.  „Ob durch die Umstellung auch die Noten besser werden, bleibt abzuwarten“, sagt Bock. „Und wenn wir nur zufriedenere Schüler haben, ist schon viel gewonnen.“ Ganz so abwegig ist das mit den besseren Leistungen nicht: Dass der Notendurchschnitt bei Prüfungen, die in der ersten Stunde abgehalten werden, tiefer liegt als bei Prüfungen zu späteren Tageszeiten, ist wissenschaftlich belegt. Deshalb finden am Gymnasium grundsätzlich Klausuren erst ab der zweiten Stunde statt.   Die Ergebnisse der Studie sollen im größeren Rahmen vorgestellt werden. Und wer weiß? Vielleicht setzt sich der Unterrichtsbeginn gegen neun Uhr tatsächlich durch ...

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