Alle Bachläufe unter der Lupe: Jede Chance zur Renaturierung nutzen

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
9647860.jpg
Nahe der Stadtgrenze nach Herzogenrath: Links unten der verrohrte Amstelbach, die Rohre rechts sind Einleitungen aus dem Wassergraben der Burg „Groß-Uersfeld“. Achim Ferring, Thorsten Schulze-Büssing und Achim Jeske (v.l.) nehmen alles in Augenschein. Foto: Beatrix Oprée
9647888.jpg
Haldenrundweg Wilsberg: Noch größere Retentionsflächen wären hier wünschenswert. Eine im Zuge des Pferdelandparks am Weg angepflanzte Reihe von Weiden (im Hintergrund) aber behindert dies.

Herzogenrath/Nordkreis. „Panta rhei“, sagte schon Heraklit: „Alles fließt.“ Damit das auch stimmt, lädt die Untere Wasserbehörde regelmäßig zur „Gewässerschau“. Will heißen: Von der Quelle bis zur Mündung wird jeder Bachlauf in der Städteregion Aachen unter die Lupe genommen.

Kilometerlange Wanderungen über Stock und Stein sind damit verbunden, denn Wasser hält sich nicht an Grundstücksgrenzen und Wegeführungen. Der erste Termin im Nordkreis ist dem Amstelbach gewidmet, der sich von Richterich durch Bank an Pannesheide vorbei schlängelt, wo er zeitweise die Landesgrenze markiert, bevor er nach Kerkrade verschwindet und irgendwann in die Wurm mündet.

Feste Schuhe, Regenjacken und warme Mützen gehören zur Grundausrüstung von Diplom-Ingenieur Achim Jeske (Umweltamt der Städteregion) sowie Diplom-Ingenieur Thorsten Schulze-Büssing und Gebietstechniker Achim Ferring (Wasserverband Eifel-Rur/WVER), die sich nahe Burg Uersfeld auf den Weg machen. Denn hier überfließt das Bächlein, das hauptsächlich durch Oberflächenentwässerung genährt wird und nicht mehr ganzjährig Wasser führt, die Stadtgrenze.

Grundlage der Inspektion: der „Umsetzungsfahrplan“, einst in Kooperation der zuständigen Behörden mit Naturschützern, Anglern, Jägern, Landwirten und weiteren Interessenvertretern aufgestellt. „In Aachen und Umgebung gibt es fast nur manipulierte Gewässer“, erklärt Achim Jeske. So ist auf dem Plan minuziös jede Unterführung, jede Verrohrung, jeder Zufluss, jedes Regenrückhaltebecken und jede Staustufe – etwa für Fischteiche – verzeichnet. Ebenso die Randbebauungen. Und natürlich gewünschte Maßnahmen, um eine Naturnähe des Gewässers wieder herzustellen. Gemäß der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Die hat zum Ziel, die Gewässer EU-weit in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen, will heißen, die Wasserpolitik nachhaltig und umweltverträglich zu machen.

Doch so beschaulich der Amstelbach sich seinen Weg sucht, so gibt es dennoch immer wieder Punkte, mit denen die Experten nicht einverstanden sind. Ein streckenweise trapezförmiges Bachbett zum Beispiel, Folgen der einstigen „Renaturierung“ – einer Offenlage des ursprünglich verrohrt durch die Halde Wilsberg geführten Laufs, damals Ausgleich für die Ausweisung des dortigen Baugebiets. Die steile Uferform beschleunigt den Wasserfluss, verhindert so aufgrund fehlender Wechselbeziehungen nicht nur eine natürliche Entwicklung, sondern fördert auch die Hochwasserproblematik.

„Früher haben sich die Kommunen nur innerhalb ihrer Grenzen mit Hochwasserschutz beschäftigt, heute werden die Ursachen angegangen“, erklärt Thorsten Schulze-Büssing einen Hauptgrund für die Bildung von Wasserverbänden in NRW. Hand in Hand arbeiten die Verbände heutzutage mit den Behörden zusammen, die letztlich die Genehmigungen für geeignete Renaturierungsmaßnahmen erteilen. Die Schaffung von Rückhalteräumen und Feuchtbereichen für Kleinlebewesen durch eine sanfte Modellierung der Ufer- und Böschungsbereiche steht ganz oben auf der Wunschliste, ebenso die Bepflanzung mit einheimischen standortangepassten Gehölzen.

Grabsteine und Gartenabfälle

Gewisse Arten der Uferbefestigungen sind den Fachleuten ein Dorn im Auge. Bahnschwellen etwa, Grenz- und sogar Grabsteine, mit denen Anlieger dafür sorgen wollen, dass ihre Grundstücke nicht allmählich „angeknabbert“ werden. Eine Furt mit einem Trittstein aus Beton findet sich an der Halde Wilsberg – eigentlich überflüssig, denn wenige Meter weiter gibt es eine Holzbrücke. Den Wasserlauf so wenig wie möglich zu stören, ist die Devise, um auch Fischen und vor allem Kleinstlebewesen wie Köcherfliegenlarven, die Indiz für die Wassergesundheit sind, ausreichend Lebensraum zu geben.

Das just angeflogene Entenpärchen ist zwar zufrieden mit dem Teich, der sich vor der Naturstein-Arena hinter dem Wohngebiet an der Halde Wilsberg staut. Doch der stellt einen weiteren landschaftsplanerischen Fehler vergangener Zeiten dar, wie die Experten darlegen. Die natürliche Fließgeschwindigkeit wird hier gebremst. Im Sommer erwärmt sich der Tümpel und kippt schließlich um, was nicht nur zur Geruchsbelästigung für die Anwohner führt, sondern dem Bach durch Verdunstung auch zu viel Wasser entzieht.

Für Missfallen sorgt an dieser Stelle zudem ein stattlicher Haufen Gartenabfälle, die jemand einfach am Ufer entsorgt hat. „Das hat hier nichts zu suchen und wird von der Stadt Herzogenrath weggeräumt werden müssen“, sagt Achim Jeske und macht ein Beweisfoto.

Wo müssen die Böschungen gemäht, wo Durchflüsse entschlammt werden? Wo hat sich Treibgut angesammelt? Auch das haben die Gewässerbeschauer alles im Blick. Auf insgesamt 573 Kilometern Fließgewässern in der gesamten Städteregion.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert