80. Geburtstag trotz fast 27 Jahren an der Dialyse

Von: Stefan Schaum
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80 Jahre alt – und 27 davon auf die Blutwäsche angewiesen: Im Würselener Dialysezentrum an der Marienhöhe hat Anneliese Langrock gestern ihren Geburtstag gefeiert. Dr. Georg Böcker (Mitte) und Dr. Ulrich Gladziewa gratulierten Foto: Stefan Schaum

Würselen. Dass sie bis zu ihrem 80. Geburtstag durchhalten wird, hat Anneliese Langrock nicht gedacht. Dass sie ihn ausgerechnet im Dialysezentrum feiern wird, allerdings auch nicht. Als sie dort am Donnerstag den Blumenstrauß des Ärzteteams in die Hand nimmt, fließt darunter ihr Blut durch zwei Schläuche.

In dem einem geht es rein in die Maschine, die neben ihr steht und unablässig pumpt, in dem anderen geht wieder raus. „Das ist doch eine hübsche Umgebung für einen Geburtstag, oder?“ Sie schaut aus dem Fenster, draußen fällt Schnee. Dann seufzt sie. „Ach, es geht ja nicht anders.“

Sie kennt die Prozedur längst, kennt sie nur zu gut. Seit 26 Jahren ist sie darauf angewiesen. Drei Mal pro Woche, jeweils fünf Stunden lang liegt sie da, während die Blutwäsche ihr die Giftstoffe aus dem Körper holt, die ihre Nieren schon früh nicht mehr ausscheiden konnten. „Das fing alles an als ich 18 wurde“, sagt die gebürtige Würselenerin. Erst war es eine Nierenbeckenentzündung, dann wurde es chronisch und die Organe schrumpften langsam aber unaufhörlich. 1988 wurde ihr die eine Niere entnommen, drei Jahre später die andere.

„Mit der Dialyse schaffen es nicht viele Patienten so lange wie unser Geburtstagskind“, sagt Dr. Georg Böcker, der die Seniorin im Nierenzentrum an der Würselener Marienhöhe betreut. Fast 30 Jahre Dialyse, verdammt lange Zeit. Oft macht der Körper viel früher schlapp, zumal die Patienten einige Medikamente mit teils erheblichen Nebenwirkungen schlucken müssen.

Denn die Nieren filtern ja nicht nur das Blut. Sie sind auch an dessen Produktion und der Stärkung der Knochen beteiligt. Diese Funktionen kann die Dialyse nicht ersetzen, also müssen es die Tabletten tun. So gut es geht. „Haut und Knochen – das ist bei mir alles längst hin“, sagt Anneliese Langrock. Nase ständig trocken, Mund ständig trocken, so vieles bereite ihr Schmerzen.

Aber unterkriegen lässt sie sich nicht. „Sie ist halt eine richtige Kämpfernatur“, sagt ihr Arzt. „Ich halte nur für meine Mädchen durch“, sagt sie selbst. Ihre Mädchen – das sind Tochter Silvia und die beiden Enkelinnen. Mit denen hat sie häufig Urlaub gemacht, trotz der Dialyse. Bayern hat sie oft besucht, vor vier Jahren waren alle in Andalusien. „Da gibt‘s auch richtig schöne Dialysezentren“, sagt Anneliese Langrock.

Jetzt im Rollstuhl

Reisen kann sie jetzt wohl nicht mehr. Seit zwei Jahren ist sie auf den Rollstuhl angewiesen, seitdem wohnt sie auch im Carpe-Diem-Seniorenzentrum. Doch bis dahin hat sie es allein in ihrer Wohnung geschafft, auch nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2002. Starke Oma, tapfere Frau. „35 Operationen hab‘ ich hinter mir“, sagt sie, „und immer noch da“.

Sie blickt nach vorn

Zuletzt hat sie eine neue Herzklappe bekommen, drei Bypässe standen auch schon an. Sie blickt dennoch nach vorn und lächelt, als die Tochter mit kleinen Geburtstagstörtchen auf die Station kommt. Ein ganzer Korb voller Küchlein, auf jedem eine „80“. Ob sie wohl auch ihren 90. Geburtstag hier feiern wird? „Ach“, sagt sie, „hören Sie bloß damit auf.“ Aber ihr Arzt lächelt. Gut möglich, dass die alte Dame auch das packt.

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