6700 Kilometer: Mit dem Fahrrad von Baesweiler ans Nordkap

Von: Verena Müller
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Der unverstellte Blick auf die Natur: Den sucht der 58-jährige Ralf Dackweiler aus Baesweiler auf seinen Reisen auf dem Rad. Meist führen diese ihn in den Mittelmeerraum, aber zuletzt ist er nach Norwegen gefahren. 25 Jahre hat er davon geträumt. Foto: Verena Müller

Baesweiler. Ralf Dackweiler aus Baesweiler ist mit dem Rad ans Nordkap gefahren. Die ganze Strecke. Und wieder zurück. Alleine. Den 58-Jährigen treibt kein sportlicher Ehrgeiz an, er ist kein Mann in der Midlife-Crisis auf Selbstfindungstripp und er sammelt auch keine Spenden für einen guten Zweck.

Er ist einfach ein Reisender auf dem Rad, der die Schönheit der Landschaft sucht und den Austausch mit Gleichgesinnten, mit Etappen-Freunden. Das Nordkap, das ist seit einem Vierteljahrhundert sein Traum gewesen, und den hat er nun gelebt.

Seit gut zwei Wochen, seit dem 13. August, ist Dackweiler zurück. Am Tisch in der Wohnküche, an dem gerade auch seine Ex-Frau mit deren Mann sitzen, die im selben Haus wohnen, erzählt er von Dauerregen und Kälte, von der Eintönigkeit auf der E45 durch Schweden und dem Moment, in dem er zu sich gesagt hat: „Bei der nächsten Speiche, die bricht, steigst du in den nächsten Zug und fährst nach Hause.“ Sie brach, die nächste Speiche. Und trotzdem fuhr Ralf Dackweiler weiter.

„Selbst wenn man mal einen Tag hatte, der rundum schlecht lief: Irgendwas hat es immer rausgerissen. Meist die Menschen, die man am Supermarkt, auf dem Campingplatz oder wo auch immer getroffen hat“, sagt Dackweiler. Deutsche, Niederländer, Spanier, Polen, Kanadier – „alle mit dem gleichen Gefühl, mit dem gleichen Hobby“. „Es war Wahnsinn. Bevor ich losgefahren bin, hatte ich sehr hohe Erwartungen, aber am Ende hat die Tour meine Träume noch weit übertroffen.“

Am 14. Juni war Ralf Dackweiler mit seinem umgerüsteten Mountainbike losgefahren. 27 Kilo Gepäck auf die zwei Taschen vorne und die zwei Taschen hinten verteilt, sechs Kilo mehr als sonst und damit hart an der Grenze der Belastbarkeit des Rads. Skandinavien ist auch im Sommer kälter ist als der Mittelmeerraum, wo Dackweiler sonst häufig unterwegs war, deshalb brauchte er wärmere Kleidung. Mit dabei: Zelt, Schlafsack, Isomatte, Campingkocher. „Das ist ein Grundsatz, dass ich zelte“, sagt Dackweiler. Mal auf dem Campingplatz, mal wild, was in Skandinavien erlaubt ist. So nah an der Natur dran wie möglich.

Das bisschen Komfort, das sich der ehemalige Steiger leistete, passte an den Lenker: ein Isobecher für zwei Tassen Kaffee. Daneben festmontiert: eine Kamera. Das Video- und Bildmaterial – an die 700 Videos und 1100 Fotos in diesem Fall – wertet er nach jeder längeren Touren aus und schneidet daraus einen Film für Freunde und Familie. Einen Blog oder dergleichen hat er nicht.

Viele Touren unternimmt Dackweiler mit einem ehemaligen Kollegen und Freund, „aber der ist zeitlich was eingegrenzt. Mehr als fünf Wochen im Jahr darf er von seiner Frau aus nicht weg.“ Dackweiler schmunzelt, unabhängiger als er kann ein Mensch kaum sein: in Frührente, ohne Partnerin, der Sohn ist erwachsen, finanziell keine Nöte beziehungsweise kein Verlangen nach materiellem Luxus. Klar gibt es in seinem Leben Menschen, die sich Sorgen machen, wenn er übers Handy mehr als zwei Tage nicht zu erreichen ist, aber ansonsten ist er niemandem Rechenschaft schuldig.

Also stieg der Frührentner an einem Sonntagmorgen aufs Rad, 6700 Kilometer vor sich. Im dänischen Frederikshavn auf die Fähre nach Oslo, quer durch Norwegen Richtung Trondheim, an der Helgelandküste („sehr schön“) entlang, über die Lofoten Richtung Tromsø. Ein GPS-Gerät hatte der 58-Jährige zwar dabei, aber so gut wie nie benutzt. „Auf einer Karte kann man vorausschauen und den Weg betrachten, den man zurückgelegt hat“, erklärt Dackweiler. Bei einem Navi warte man ständig auf das nächste Piepen, starre dauernd auf den Bildschirm. Das passt nicht zu Ralf Dackweiler, der den freien Blick braucht.

Angst habe er keinen Moment gespürt, „mir war es höchstens unangenehm, wenn ich auf die Hilfe anderer angewiesen war“, erzählt er. Etwa, als ihm die vierte Reservespeiche gebrochen war und er mit dem Rad keinen Meter mehr fahren konnte. „Aber es kommt immer jemand vorbei, auch Überlandbusse, die Räder mitnehmen. Und je weiter im Norden, je wilder die Natur, desto hilfsbereiter sind die Menschen.“

Im Norden fuhr Dackweiler mit Hurtigruten, zufällig sogar dem ältesten Postschiff, bis nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt Europas. „Na ja, Stadt... Es ist eher eine Kleinstadt“, sagt Dackweiler.

Die letzten 25 Kilometer vor dem Ziel, 71°10°21‘‘, steil bergauf und bergab. „Die letzten Kilometer führen durch einen Tunnel. Es ist laut, dazu sieben Grad Steigung, da spürt man schon die Beine.“ Selbst einer wie Ralf Dackweiler, der vier- bis fünfmal die Woche die Eifel durchmisst und meist an die hundert Kilometer am Tag zurücklegt. „Irgendwie muss man ja den Tag rumkriegen“, sagt Dackweiler und grinst breit. „Andere gehen acht Stunden am Tag arbeiten, ich fahre Rad.“ Besonders trainiert hat er nie, weder fürs Nordkap, noch für eine andere Tour. Auch an der Ernährung ändert er nichts. Krämpfe in der Nacht kenne er, ja, „aber man muss einfach mit seinen Kräften haushalten“, sagt Dackweiler. „Jeder kann solche Strecken schaffen.“ Wenn man viel Zeit hat.

Am Nordkap angekommen hatte er großes Glück. Oft ist es so bewölkt und diesig, dass man den Schieferfelsen nicht finden würde, würde die Straße nicht an ihm enden. „Ich hatte zwei Tage strahlenden Sonnenschein“, erzählt Dackweiler. Busseweise werden Touristen rangekarrt, die 25 Euro Eintritt zahlen. Radfahrer sind ausgenommen. „Wahrscheinlich, weil sie die Strapazen auf sich genommen haben“, mutmaßt Dackweiler.

Zurück wollte er eigentlich über Finnland und Schweden, über die „längste und langweiligste“ Straße des Nordens, die E45, Richtung Göteborg. Aufgrund der Tristesse entschied er sich um, wollte an der Küste entlang. Aber auch nach 120 Kilometern war ihm der Verkehr zu dicht, dazu das „grauenhafte Wetter – die armen Schweden“ und die Schwierigkeiten mit dem Rad. Also zurück auf die E45. Die Fehmarn-Insel schenkte er sich, „sonst wäre ich vier Tage länger unterwegs gewesen“, sagt Dackweiler.

Warum er überhaupt immer die gesamte Strecke, ab Baesweiler, mit dem Rad bewältigt, statt irgendwo einzusteigen, wo es bequem und angenehm ist? Ralf Dackweiler weiß es nicht. „Für mich gibt es nur den einen Weg“, sagt er.

Eine einzige Postkarte hat er nach Hause geschickt. Eine vom Nordkap, mit dem Motiv der Weltkugel im Sonnenuntergang. Text: „Genau so wie auf dem Foto habe ich es live erlebt! Ralf“.

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