253 Jahre Erfahrung: Vier Parteigrößen sprechen über Politik

Von: Robert Flader
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Nordkreis. Es gibt gewiss Leichteres, als zuverlässige Prognosen für die Landtagswahl am Sonntag zu treffen.

Reicht es für die bestehende Regierung aus CDU und FDP? Oder löst Hannelore Kraft zusammen mit den Grünen (und den Linken?) Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ab? Wagt dieser wiederum den schwarz-grünen Tanz? „Egal, was kommt”, sagt Gerhard Neitzke. „Es wird in jedem Fall knapp. Sehr knapp.” Neitzke hat auch schon ganz andere Zeiten erlebt. Der Fraktionsvorsitzende der Herzogenrather SPD trägt bereits seit 1972 das sozialdemokratische Parteibuch, er hat so ziemlich alle denkbaren politischen Farbspiele miterlebt.

Stabile Mehrheiten schwierig

Auch Rot-Gelb - heute kaum mehr vorstellbar - ist ihm kein fremder Begriff. „Natürlich war das Regieren damals leichter”, erinnert sich der 61-Jährige an die Vorzüge des Dreiparteiensystems. Damals, als die FDP noch den Königsmacher spielte. Lange, bevor die Grünen auf der politischen Bühne erschienen. „Für die Stabilität eines Landes sind weniger Parteien sicherlich sinnvoller”, sagt er und verweist dabei auch auf die Linke.

Nun ist das mit der Stabilität so eine Sache, denn NRW steht vor dem Novum, dass mit der Linkspartei erstmals fünf Parteien in den Düsseldorfer Landtag einziehen könnten. Geht der kometenhafte Aufstieg der Piratenpartei weiter, könnten es sogar sechs werden. „Schauen Sie”, erklärt Neitzke. „80 bis 90 Prozent der Linken sind doch ehemalige SPD-Mitglieder oder Sympathisanten. Eigentlich deckt die SPD den gesamten linken Flügel ab. Zumindest tat sie es früher einmal.”

Früher, in den 1970er Jahren. Als das Kanzlerduell noch Kohl gegen Schmidt hieß. Als Pink Floyd musikalisch noch den Ton angaben. Die „gute alte Zeit” eben. „Seitdem hat sich viel verändert”, sagt Hans Körfer, der Alsdorfer CDU-Haudegen. „Je unsozialer die großen Parteien geworden sind, desto mehr Stimmen haben die Kleinen gewonnen.” Können CDU und SPD diesen Trend noch einmal ändern? „Da brauchen wir uns auch nichts vormachen: Das Mehrparteien-System wird nicht mehr verschwinden”, sagt Körfer.

Wie gut ist die große Koalition?

Der 76-jährige Christdemokrat lernte noch eine andere politische Landschaft kennen, als er 1958 in die CDU eintrat. „Absolute Mehrheiten für eine Partei waren damals noch ganz üblich.” Damals, als Konrad Adenauer Bundeskanzler war, Karl Arnold kurz zuvor als NRW-Ministerpräsident gestürzt wurde. „Dieses Ereignis war für mich der Startschuss.”

Ein halbes Jahrundert erlebte Hans Körfer als Lokalpolitiker, war unter anderem stellvertretender Landrat. „So schlecht, wie die SPD heute dasteht, ist sie eigentlich nicht”, sagt Körfer, der politische Gegner. Wirklich gravierende Unterschiede zu seiner Partei sieht er zwar in der Schulpolitik, „aber in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten wäre eine große Koalition eigentlich keine schlechte Wahl.” Unter Federführung der CDU? „Das versteht sich von selbst”, entgegnet Körfer und lacht.

Das sieht Rolf Beckers naturgemäß ganz anders: „Schwarz-Rot würde einem Stillstand gleichkommen”, sagt der langjährige Fraktionsvorsitzende der Baesweiler Grünen. „Zukunft kann nur mit grüner Politik gestaltet werden.” Veränderungen in der Schul- und Umweltpolitik sieht der 57-Jährige als vorrangige Aufgaben für die Zukunft von NRW.

Beckers ist seit 1983 Parteimitglied. „Damals haben uns viele noch belächelt.” Nun, am 9. Mai, würde „natürlich” auch Schwarz-Grün zu einer Option werden. Mit einer Einschränkung: „Der Ministerpräsident darf nicht mehr Jürgen Rüttgers heißen”, sagt Beckers. „Wenn man aus seiner Position heraus die Wahl so versiebt, muss man einfach personelle Konsequenzen ziehen.”

Konsequenzen sind auch das, was Karl-Wilhelm Hirsch fordert. „Die Grenzen der Parteien verschwinden zusehends”, sagt der langjährige Kreisvorsitzende der FDP. „Es ist wichtig, Profil zu zeigen. Selbst wenn man damit aneckt.” Als Beispiel nennt er Gerhard Schröder mitsamt der Agenda 2010 und Hartz IV. „Aber das war in jedem Fall eine Politik in die richtige Richtung”, sagt der FDP-Mann. „Auch wenn die SPD heute dafür zahlt.” In Form von Wählerstimmen. „Wir leiden unter der Ära Schröder”, gibt auch Gerhard Neitzke zu.

Und wo soll die politische Reise ab Sonntagabend hingehen? „Nun, wir müssen einfach so viele Stimmen wie möglich gewinnen”, sagt Neitzke, der Sozialdemokrat, und gibt sich ganz diplomatisch: „Falls es alleine nicht reicht, schauen wir weiter.” Sätze, die vor Jahrzehnten tabu waren. „Damals gab es nur eine Frage: Gehen wir mit der CDU oder doch mit der SPD zusammen”, blickt auch Hirsch knapp 20 Jahre zurück.

Auch in der Opposition stark

Macht um der Macht willen scheint für die vier Parteigranden aus dem Nordkreis keine Option zu sein. Offiziell zumindest. „Wir können auch in der Opposition stark sein”, sagen Karl-Wilhelm Hirsch und Gerhard Neitzke selbstbewusst. Doch auf den harten Oppositionsbänken möchte freiwillig keiner Platz nehmen.

Damals nicht und heute auch nicht. Nun, manche Dinge ändern sich eben nie.
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