Zwei „Anonyme” berichten aus ihrem Leben

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
hs-alkofo
Die Schülerinnen und Schüler der 8a der Heinsberger Hauptschule an der Westpromenade lauschen berührt den dramatischen Schilderungen der „anonymen Alkoholiker” Jens und Klaus. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Jeder zehnte Jugendliche trinkt zu viel. Und immer häufiger werden Kinder und Jugendliche nach Trinkexzessen ins Krankenhaus eingeliefert. Im Jahr 2007 mussten 23.000 Heranwachsende zwischen zehn und 20 Jahren wegen Alkoholvergiftungen stationär behandelt werden - 143 Prozent mehr als im Jahr 2000.

Die Mädchen und Jungen aus der 8a der Heinsberger Hauptschule an der Westpromenade werden diese Zahlen kaum kennen. Und dennoch gehören gerade die Zwölf- bis 14-Jährigen zu der Altersgruppe, in der heute oftmals der Einstieg in die Alkoholsucht beginnt.

Dramatische Folgen

Unter Anleitung ihrer Klassenlehrerin Irmgard Nelissen haben sich die Schüler im Rahmen der kreisweiten Unterrichtsreihe „Check it” zur Suchtvorbeugung mit dem Alkoholismus und seinen Folgen auseinandergesetzt. Wie dramatisch diese sein können, erlebten sie jetzt durch die bedrückenden Lebensschilderungen von Jens und Klaus, zwei „trockenen” Alkoholikern, die die Klasse besuchten.

Nachdem der 64-jährige Klaus einen Überblick über die Anfänge der Anonymen Alkoholiker im US-Staat Ohio im Jahr 1935 und den Beginn der Bewegung im Kreis Heinsberg vor knapp 35 Jahren gegeben hatte, zog Jens die Schülergruppe in seinen Bann. Mit zwölf Jahren habe er mit dem Alkohol begonnen und mit 17 sei er schon „fertig” gewesen, erzählte er.

„Ich hätte nie geglaubt, dass man sich in so kurzer Zeit kaputtsaufen kann.” Durch Zufall sei ihm bei einem Fußballspiel eine Flasche Korn in die Hände geraten, die er mit einem Kumpel geleert habe. „Mein Vater holte mich nachts um 3 aus der Dorfkneipe, und ich wusste nicht, wie ich dort hingekommen war.” Bei diesem einen Filmriss sollte es nicht bleiben.

Eine Kindheit voller Schläge durch den Vater für sich, seine Brüder und seine Mutter hätten auch ihn verrohen und zur Gewalt greifen lassen. „Du bist nichts, du kannst nichts und du taugst nichts”, sei der Lieblingssatz seines Vaters gewesen. „Mit 14 habe ich jeden Tag schon vor der Schule einen halben Liter Rotwein getrunken”, berichtete Jens.

Der Alkohol habe ihm „ein warmes Gefühl” gegeben und ihn schmerzunempfindlich gemacht. Erst viel später sei ihm klar geworden: „Man kann Probleme nicht ersaufen, denn die Scheißdinger können schwimmen.” Das bestätigte auch Klaus und meinte ironisch: „Alkohol löst alles - Partnerschaften, Arbeitsverträge und Bankkonten auf.”

Hatten die Mädchen und Jungen zu Beginn der Erzählungen noch ab und zu etwas verlegen gekichert, so wurden sie zunehmen stiller. Zu gewaltig waren die Einbrüche im Leben des Alkoholikers, von denen er erzählte. Schwere Körperverletzung, schwere Sachbeschädigung und zahlreiche Einbrüche ließen ihn schließlich Jobs und Familie verlieren und auf der Straße landen.

Den beiden Vertretern der Anonymen Alkoholiker ging es aber nicht nur darum ein durch den Dämon Alkohol entstandenes Horrorszenario zur Abschreckung zu zeichnen. Denn beide bekamen ihr Leben wieder in den Griff. Jens, dessen schulische Leistungen aufgrund seiner Intelligenz stets hervorragend gewesen waren, machte - nachdem er dem Alkohol entsagt hatte - sogar Karriere bei einer Spedition, wo ihm 120 Mitarbeiter unterstellt waren. Vor fünf Jahren allerdings verlor er durch einen Grippevirus 98 Prozent seiner Sehnerven, was ihn zum Frührentner machte. Möglicherweise noch die Folge eines durch den Alkohol in jungen Jahren geschwächten Immunsystems.

Gut vorbereitet, bombardierten die Jungen und Mädchen der 8a ihre Gäste am Ende mit unzähligen Fragen und es zeigte sich, dass wohl alle die Gefahr, die sich im Alkoholkonsum verbirgt, unterschätzt hatten.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert