Heinsberg - Zwangssterilisation: Auch Heinsberger Ärzte waren Täter

Zwangssterilisation: Auch Heinsberger Ärzte waren Täter

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
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Hinter den Mauern des Heinsberger Krankenhauses spielte sich in der Zeit des Nationalsozialismus mit zahlreichen Zwangssterilisationen das wohl traurigste Kapitel der Geschichte des Krankenhauses ab.
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Harry Seipolt hat unzählige Dokumente gesammelt. Foto: Herwartz

Heinsberg. Es ist eine ungeheure Zahl. Rund 400.000 Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche wurden Historikern zufolge zwischen 1934 und 1945 durch eine Zwangssterilisation im Dritten Reich unfruchtbar gemacht. Auf ihre offizielle Rehabilitierung warten die Opfer noch heute.

Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Es bildete die Grundlage für die perfiden Eingriffe an Behinderten und psychisch Kranken, Gehörlosen, Blinden oder Alkoholsüchtigen. Schon wer dem Regime einfach zu unangepasst oder aufmüpfig erschien, konnte davon betroffen sein. Auch der heutige Kreis Heinsberg hat in diesem Punkt eine unrühmliche Vergangenheit.

„Das Zwangssterilisationszentrum im damaligen Kreis Geilenkirchen-Heinsberg war das Städtische Krankenhaus Heinsberg, in dem neben ärztlicher Fürsorge ebenso der NS-Zwangssterilisationsbetrieb traurig-brutaler Alltag war“, sagt Harry Seipolt. Der 62-Jährige, der Sozialwissenschaften, Politik und katholische Theologie studierte und seit 29 Jahren an der Realschule in Gangelt als Lehrer unterrichtet, hat sich eingehend mit dem Thema befasst. „Allein für 1943 ist nachgewiesen, dass das Gesundheitsamt Geilenkirchen für den Kreis Geilenkirchen-Heinsberg 239 Sterilisationsanträge zu ,bearbeiten‘ hatte.“ Der „eugenische Ausmerz-Konsens“ in der Ärzteschaft der Region sei so dominierend gewesen, behauptet Seipolt, dass die NS-Bürokraten so gut wie keine Überzeugungsarbeit hätten leisten müssen. „Hunderte von Menschen wurden allein dem Gesundheitsamt Geilenkirchen zur Zwangssterilisation gemeldet.“

Rund 25 Archive des In- und Auslands hat Seipolt nach Informationen durchforstet. „Die NS-Geschichte hat mich immer interessiert. Und ich wollte nicht nur wissen, was in den großen Städten geschah, sondern auch hier vor Ort. Mein Hauptthema war, wenn man so will, die NS-Gesundheitspolitik.“ Seine 1990 begonnenen Recherchen mündeten einige Jahre später in der Dokumentation „... kann der Gnadentod gewährt werden“, die im Auftrag der christlich-jüdischen Gesellschaft zu Aachen entstand. „Bis zu diesem Werk gab es keine Untersuchung als Publikation über das Thema für den Raum Aachen und die Region Heinsberg“, behauptet der Pädagoge. Es sei längst überfällig, den betroffenen Menschen in Heinsberg ein Denkmal zu setzen, glaubt Seipolt.

„Liest man die Dokumente des Erbgesundheitsgerichtes Geilenkirchen, so ist dort von ,Existenzen‘ die Rede, von ,Minderwertigen‘, von ,Unwerten‘. Hier wurden vor Ort Lebensgeschichten subsumiert, Menschen mit ihren Gefühlen und Ängsten. Menschen, die sich verzweifelt zur Wehr setzten, die sich verantwortlich fühlten für sich selbst und ihre Familien, die eine Sterilisation als Demütigung und Scham empfanden.“ Seipolt fragt sich: „Was muss wohl in den Frauen, die auch schwanger waren, und in den Männern, aber ebenso in den Kindern und Jugendlichen vorgegangen sein, denen von Geilenkirchener Erb-Richtern, einem Juristen und zwei Ärzten, per Urteil bescheinigt wurde, sozialschädlich zu sein und als Ballastexistenzen mit Polizeigewalt auf den OP-Tisch gezerrt werden zu können?“

Das Leiden der Opfer verpflichte „zum vorbehaltlosen Gedächtnis an sie, das heißt, sie zumindest im menschlichen Sinne zu rehabilitieren“, sagt der 62-Jährige. Dabei spiele es letztlich für die Opfer der NS-Zwangssterilisation keine Rolle, wie viele Menschen etwa von nazifizierten Ärzten im Heinsberger Krankenhaus und anderen Erfüllungsgehilfen im Gesundheitsamt Geilenkirchen bürokratisch im Sinne der staatlichen NS-Gesundheitspolitik ausgestanzt und anschließend mit dem Skalpell oder mit Röntgenstrahlen brutal um ihre Lebenskraft gebracht worden seien.

„Solche Ärzte und ihre Handlanger haben durch ihr Verhalten die Doktrin der ‚Gesundung des deutschen Volkskörpers‘ erst möglich gemacht. Diese Verbrechen haben einen Ort und einen Namen!“ Um das Dritte Reich mit seiner Ideologie von Herrenmenschen und Schädlingen zu praktizieren, hätten im Raum Geilenkirchen-Heinsberg örtliche „Täterärzte“ mit ihren Komplizen bis zu den obersten Vorständen in Medizinal- und Kommunalverwaltungen, im Erbgesundheitsgericht Geilenkirchen und Heinsberg effiziente Zuarbeit bei der „bürokratischen und klinischen Flurbereinigung von Menschen aus dem Volkskörper“ geleistet. „Ohnmächtige Scham und Wut überkamen mich, als ich die Entnazifizierungsakten von hiesigen Ärzten gelesen hatte, die ohne Bruch verschiedene politische Systeme überlebt, Zwangssterilisationen und NS-Euthanasie aus dem Gedächtnis verloren haben. Häufig wurden den Tätern durch Ordensfrauen, Priestern oder in mindestens einem Falle sogar von einem mehr als bekannten Heinsberger Probst verlogene Persilscheine ausgestellt. Die Zeit der Weißwäscher war im Raum Heinsberg wie andernorts gründlich, allzu gründlich!“

Keine Wiedergutmachung könne letztlich Leid und Unrecht aufheben, meint Seipolt. Die Anerkennung der Zwangssterilisierten und ihrer Leiden wäre aber seiner Ansicht nach ein sinnvoller Weg, mit dem Schatten der Vergangenheit zu leben. „Es würde diesen Menschen das zurückgeben, was man ihnen während der NS-Zeit schon vor ihrer Verstümmelung oder ihrer Ermordung genommen hat, weil man ihnen das Existenzrecht abgesprochen hatte: die Personalität und uneingeschränkte Würde ihres Menschseins!“

Der heutige Geschäftsführer des Städtischen Krankenhauses Heinsberg, Heinz-Gerd Schröders, verschließt sich diesen Gedanken nicht, im Gegenteil. „Die Anregung, besonders auf das Schicksal der vielen in unserer Region während der Nazidiktatur zwangssterilisierten Menschen hinzuweisen, begrüßen wir sehr. Bei der jüngsten Stolpersteine-Initiative zur Erinnerung an jüdisches Leben in Heinsberg haben wir schon zusammen mit dem Ersten Beigeordneten der Stadt Heinsberg, Jakob Gerards, Überlegungen angestellt, wie speziell diesen Opfern der Gewaltherrschaft gedacht werden kann.“ Eine größere Gedenktafel im Bereich des heutigen Hubschrauberlandeplatzes am Krankenhaus sei hierfür ins Auge gefasst. „Dort standen auch die Gebäude, von wo aus die Heinsberger Juden deportiert wurden. Wir halten es für eine wichtige Aufgabe, der Betroffenen zu gedenken, und künftige Generationen zur Wachsamkeit gegenüber rassistischen Ideologien zu mahnen. Es beschäftigt uns nach 70 Jahren noch sehr, dass insbesondere ein Arzt unseres Krankenhauses für die damaligen Gräueltaten verantwortlich war.“

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