Zeitreise mit Sütterlin und Strafenkatalog

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
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Gut aufgepasst: Die Aboplus-Besucher im Historischen Klassenzimmer in Immendorf.
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Noch einmal die Schulbank gedrückt: Abonnenten in historischer Umgebung.

Kreis Heinsberg. Das hätte es zu Kaisers Zeiten nicht gegeben. Mädchen und Jungs, die wild durcheinander gemischt in den Bänken sitzen. Da herrschte mehr Ordnung: Jungs auf der einen Seite, Mädchen auf der anderen. Und die Fingernägel wären kontrolliert worden, denn gleich nach der Ordnung kam die Reinlichkeit.

Waren die Fingernägel zu lang oder gar schmutzig – zack – setzte es Schläge: zwei laut Strafliste. Ganz so körperlich spürten die Abonnenten unserer Tageszeitung dem Unterricht von vor hundert Jahren aber dann doch nicht nach.

Rudolf Müller, Museumsleiter des Historischen Klassenzimmers in Geilenkirchen-Immendorf, hatte zwar den Zeigestock mitgebracht, aber der war nicht zum Züchtigen gedacht, weder 2017 noch zur Kaiserzeit. Dafür gab es Weiden- oder Haselnussruten. Dünn und biegsam und 60 Zentimeter lang sollten sie sein. Und wenn es nach dem fortschrittlichen Pädagogen Bernhard Heinrich Overberg ging, so erfuhren die Abonnenten, die vor Original-Griffelbüchsen, gehäkelten Läppchen und Schiefertafeln saßen, dann durften die Delinquenten erst kurz vor Schulschluss bestraft werden. So hatte der Sünder Zeit, seine Taten zu bereuen.

Hosenboden stramm gezogen

Wenn ein Mädchen mehr als drei Schläge erhalten sollte, dann musste außerdem der Schulleiter anwesend sein. Mehr als drei Schläge gab es zum Beispiel für das Spielen mit Jungs oder fürs Schwören. Ganz besonders streng wurde das schlechte Benehmen gegenüber Mädchen bestraft, aber auch fürs Raufen, Karten spielen und Schaukeln wurde der Hosenboden stramm gezogen. Schließlich sollten die Mädchen und Jungen zu anständigen Untertanen erzogen werden. Dass alle rechnen konnten, war nicht ganz so wichtig.

Also mussten auch die zeitreisenden Schüler erst einmal lernen, wie man im Klassenraum Haltung annimmt: Hände parallel auf den Tisch, Füße ebenfalls parallel darunter, Rücken gerade. „Nach einer Dreiviertelstunde spürt man sein Kreuz nicht mehr“, versprach Müller und erzählte, dass einige Besucher sich instinktiv an den Rücken fassen, wenn sie das Klassenzimmer betreten, da wirke das körperliche Schmerzgedächtnis.

Auch Ursula Dammertz aus Aachen spürte schnell, dass die Schulbank in den rund 140 Jahren nichts von ihrer Festigkeit eingebüßt hat, war aber trotzdem froh, dass sie nicht ganz außen saß, sonst hätte sie aufstehen müssen, wenn sie eine Frage beantwortet. So machte man das damals, erklärte Müller Anna Scholz (88) aus Gangelt-Birgden war schon immer eine Musterschülerin, sagte sie. Auch die Frakturschrift aus der Lesefibel kann sie noch einwandfrei vorlesen. Sie meldete sich freiwillig.

Aufzeigen, das ging so: linker Unterarm auf dem Tisch parallel zum Körper abgelegt, den Ellbogen der rechten Hand in die linke Hand gestützt und dann nur den Zeigefinger gehoben. „Oh ja, wehe, wenn man geschnipst hat“, Ursula erinnerte sich zu gut – und dabei war der Kaiser schon lange tot, als sie zur Schule ging. Die Erziehungsmethoden allerdings haben überdauert. Lange gehalten hat sich auch die deutsche Schrift. Lektion á la Müller: Sütterlin ist nur eine Variante der deutschen Kurrentenschrift, wenn auch eine sehr schöne. Entwickelt von dem Grafiker Ludwig Sütterlin, der auch das erste AEG-Logo entworfen hat. Bis 1943 wurde sie an deutschen Schulen gelehrt.

Und länger. Helga Büttner, die ganz vorne in der Schulbank saß, dort, wo früher die jüngsten hockten, hat die Schrift noch im ersten und zweiten Schuljahr gelernt, als sie ab 1953 in Baesweiler zur Schule ging. Deshalb hatte sie einen deutlichen Vorteil gegenüber Nele und Heike Haverts, den beiden jüngsten Teilnehmern der exklusiven Aboplus-Schulstunde. „Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf“, so ging das i. Die 14-jährige Nele genoss die Lektion in Schönschreiben, als Rudolf Müller Schulhefte zückte und jeden seiner Schüler seinen Namen in Sütterlin schreiben ließ. „Ich musste mich ganz schön konzentrieren“, gestand Neles Mutter Heike Haverts. Spaß gemacht habe es trotzdem.

Als es dann ans Rechnen mit der Maßeinheit Mandel (12) ging, war nur noch der Schlag der alten Pendeluhr zu hören. Griffel kratzten über Schiefertafeln, Augen suchten an der Decke nach Lösungen. Natürlich wurde später auch geschwätzt (besonders von alten Zeiten) und abgeguckt (besonders beim Rechnen), die alten Schulbücher betrachtet und die Glasmurmeln und Rechenschieber in den Regalen, die Landkarten an den Wänden, das Harmonium in der Ecke bewundert und viel gelacht. Nur am Ende wurde es noch mal ernst – es gab Hausaufgaben.

Viel zu schnell vorbei

Einen Paragrafen der Schulordnung sollten die Schüler auswendig lernen. Zu Hause natürlich. „Ich frage dann morgen ab“, sagte Müller mit einem Schmunzeln, das auch sein graumelierter Vollbart nicht verbergen konnte. Und dann war die viel zu kurze, an-derthalbstündige Unterrichtsstunde auch schon vorbei. „Ich hätte gerne noch ein wenig nachgesessen“, sagt Anneliese Thie. So wie damals.

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