Heinsberg/Waldfeucht - Wie viel Germane steckt im Heinsberger?

Wie viel Germane steckt im Heinsberger?

Von: Verena Müller
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Helmut Windeck, Vorsitzender d
Helmut Windeck, Vorsitzender des Historischen Vereins Waldfeucht, vor der Johann-Itermann-Sammlung: In der Hand hält er sogenannte Flintknollen, die der Homo Erectus benutzt hat. Sie wurden in Scherpenseel gefunden. Das war damals, in den 50ern, eine revolutionäre Entdeckung. Foto: vm

Heinsberg/Waldfeucht. Die Menschen im Kreis Heinsberg sind Afrikaner. So einfach könnte man die Wurzeln der hiesigen Bevölkerung zusammenfassen. Heute, am Tag der indigen Völker, der an die ursprünglichen Bewohner einer Region oder eines Landes erinnert, soll aber etwas genauer hingeschaut werden.

Der Homo Erectus, der aus Afrika stammt, ist der Urahne aller Europäer, da wäre es etwas ungenau, die Heinsberger, Erkelenzer oder Selfkänter mit Katalanen, Kleinpolen und Lappen in einen Topf zu werfen - wenngleich der Homo Erectus sogar seine Spuren hier, in unserer direkten Nachbarschaft, hinterlassen hat.

Welches Erbe haben aber Stämme des Homo Sapiens hinterlassen? Wie viel Germane, Kelte, Römer oder Franzose steckt in uns? Heimatforscher wie Helmut Windeck aus Waldfeucht und Willi Frenken aus Heinsberg wissen mehr.

Der Schlüssel zur Geschichte des Kreises Heinsberg befindet sich in der Hosentasche von Helmut Windeck. Der Vorsitzende des Historischen Vereins Waldfeucht öffnet mit ihm eine Vitrine, die in der Gerhard-Tholen-Stube steht und mit „Johann-Itermann-Sammlung” überschrieben ist. Itermann war Lehrer in Haaren. In den 50er Jahren hat er ein regelrechtes Erdbeben in der Archäologenlandschaft ausgelöst - allerdings wurde ihm erst später Ruhm zuteil.

Er hatte auf den Kies- und Sandbänken der Rur Spuren des Homo Erectus, Vorfahr des Homo Sapiens, gefunden. Auf eine Million Jahre schätzte er die recht einfachen Werkzeuge, die er etwa in Scherpenseel entdeckte, die Hälfte gestanden ihm Fachleute zu. Konkret handelte es sich zum Beispiel um sogenannte Flintknollen, die die Urmenschen als Keulen nutzten. Damit war es Itermann als erstem gelungen, Spuren des tertiären Urmenschen in Deutschland nachzuweisen.

Neben der sogenannten Palenberger Kultur sind nur zwei weitere in Deutschland bekannt: die Steinheimer und die Heidelberger. Windeck hat dafür folgende Erklärung: „Der Homo Erectus war nur mit Haar bekleidet. Er wird also kaum in den Alpen gelebt haben. Und die Wurm war früher ein heißer Bach, der aus den Aachener Heißquellen gespeist wurde. Deshalb hat es den Urmenschen vermutlich hierhin gezogen.”

Siedlungsspuren fehlen, der Heinsberger Heimatforscher Willi Frenken weiß den simplen Grund: „Die Menschen in der Alt- und Mittelsteinzeit waren noch nicht sesshaft.” Sie seien „nomadisierende Jäger” gewesen. Zu den ältesten Siedlungen, die bislang in der Region gefunden wurden, gehört laut Frenken eine in Erkelenz-Kückhoven.

Ein Brunnenkasten, der Anfang der 90er ausgegraben wurde, stammt aus der Zeit um 7000 vor Christus. Möglicherweise noch älter sind Siedlungen, die in Haaren und Obspringen ausgemacht wurden. Dort wurden Feuersteine, die vom Aachener Lousberg stammen und zu Pfeilspitzen geschlagen wurden, gefunden. Auf 10.000 v. Chr. werden sie datiert.

„Die Bevölkerung der jüngeren Steinzeit unserer Heimat fügte sich aus verschiedenen Völkerschaften zusammen. Neben den Resten der Urbevölkerung kamen aus den Donauländern die Bandkeramiker und aus dem Norden die nach der Verzierungsart ihrer Tongefäße benannten Schnurkeramiker”, sagt Frenken. Er geht davon aus, dass es sich um Jäger- und Hirtenvölker handelte.

Eines ihrer reich ausgestatteten Gräber sei buchstäblich aus dem Boden geschossen worden, bei Übungen der Belgier in der Teverener Heide. „Dieser Fund brachte den ersten Beweis, dass dieses nordische Volk mit der Verbrennung ihrer Toten eine neue Sitte des Begrabens mitbrachte, die mindestens zwei Jahrtausende hindurch praktiziert wurde”, sagt Frenken weiter.

Eine weitere Überraschung trat bei der Renaturierung des Kitschbachs zutage. „Dort haben in der Eisenzeit Germanen gehaust”, sagt Windeck, wie Funde belegen. Er glaubt, dass der gute Boden, die Wälder und das Wasser Gründe dafür gewesen sind, dass die Region durchgehend besiedelt war. Ob es sich bei den Germanen um Eburonen oder eine andere Untergruppe gehandelt habe, sei kaum zu klären. Aber so viel stünde fest: Die Germanen seien das Volk, das hier am stärksten verbreitet gewesen sei.

Rund 2500 v.Chr. hätte es auch keltische Siedlungen in der Gegend gegeben. Tüddern beispielsweise hat keltische Wurzeln. „Die Forscher sind sich nicht ganz einig, wo die ethnische Grenze zwischen Germanen und Kelten im heutigen Rheinland verlaufen ist. Westlich von Köln dürfte es sich eher um ein Siedlungsmischgebiet gehandelt haben”, sagt der Heinsberger Willi Frenken dazu. Sein Kollege aus Waldfeucht pflichtet ihm bei, er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Man kann davon ausgehen, dass sich die beiden Stämme vermischt haben.”

51 v. Chr. erschlossen die Römer den unteren Niederrhein und brachten ihre Kultur mit. Der Verlauf ihrer Straßen ist zum Teil noch heute erhalten. Die Hochstraße in Heinsberg etwa, oder die Straße zwischen Echt und Roermond. Kurzer Exkurs: Napoleon baute diese Wege für seine Feldzüge weiter aus, schaffte Vogteien ab und führte Bürgermeistereien ein. Es blieben - wie vielerorts - französische Wendungen und Verballhornungen in der Sprache erhalten. „Aber genauso wenig wie die Menschen hier Römer wurden, wurden sie Franzosen”, sagt Windeck. So sei eben die Mentalität hier. Man laufe nicht gleich jedem hinterher.

Einem liefen sie aber hinterher: Die Menschen wurden Christen, nachdem die Römer im 5. Jahrhundert abzogen waren und die Merowinger die Herrschaft übernommen hatten. Frenken sieht in den Franken diejenigen, die den größten Einfluss auf die Region hatten.

Die ersten Taufkapellen - nach der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig im Jahr 496 - sind in Birgelen und Haaren nachweisbar. Die Ursprünge der Waldfeuchter Kirche gehen ebenfalls auf eine Taufkapelle zurück, die auf 700 n. Chr. datiert wird. „880 haben die Normannen die Kapelle abgebrannt”, erzählt Windeck. Außer einer Spur der Verwüstung hätten sie nichts Nennenswertes hinterlassen.

Hoffen wir mal, dass das auch stimmt, und wir am Ende nicht doch von den Barbaren abstammen.
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