Wie die Presse 1914 den Krieg bejubelte

Von: Jan Mönch
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„Ein fluchwürdiges Verbrechen in Bosnien“: So überschrieb die Geilenkirchener Zeitung in ihrer Ausgabe vom 1. Juli 1914 die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaars. Foto: Jan Mönch
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„Der Kriegszustand erklärt“: So titelte die Heinsberger Zeitung in ihrer Ausgabe vom 1. August 1914. Foto: Jan Mönch
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„Der Thronfolger von Oesterreich und seine Gemahlin erschossen“: das Erkelenzer Kreisblatt vom 1. Juli 1914. Foto: Jan Mönch
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Dieses Kriegerdenkmal befindet sich hinter dem Kreisgymnasium in Heinsberg und ist den Opfern des Ersten Weltkriegs gewidmet. Foto: Stefan Klassen

Kreis Heinsberg. Der bis dahin verheerendste Konflikt der Menschheitsgeschichte war bereits im Gange. Kein Grund, auf Soennecken’s Goldfüllfedern zu verzichten, immerhin bestehend aus „feinstem Hartgummi“ und „24-karätiger Goldfeder“.

So warb die Buchhandlung C. van Gils in der Geilenkirchener Zeitung vom 12. August 1914 – rund zwei Wochen nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und wenige Tage nach dem Kriegsbeitritt Deutschlands. Mit dem Abstand von 100 Jahren und dem Wissen, dass vier Jahre später 17 Millionen Menschen tot sein sollten, wirkt diese Anzeige fast makaber.

Im Kreisarchiv in Heinsberg sind sowohl die Geilenkirchener Zeitung als auch die Heinsberger Volkszeitung und das Erkelenzer Kreisblatt – in unterschiedlicher Vollständigkeit und Qualität – auf Mikrofilm einsehbar. Und der Blick in die damalige Zeitungslandschaft des heutigen Kreises Heinsberg dokumentiert auch, wie der Erste Weltkrieg langsam, aber sicher immer mehr in den Alltag der Menschen eindrang – obwohl die Front meilenweit entfernt war. Am Tag nach Kriegsausbruch drängten sich noch Anzeigen zum „großen Jubelfest in Gangelt“, zum „internationalen Schützenfest in Puffendorf“ und zum Stiftungsfest des „Uebacher Turnvereins Germania“.

Appell des königlichen Landrats

Nur wenige Ausgaben später ließ die Volksbank Geilenkirchen-Hünshoven wissen, dass aufgrund der Mobilmachung „bis auf weiteres“ nur noch vormittags geöffnet sei. Und die Landwirte wurden dazu aufgerufen, ja für Lebensmittel zu sorgen. Denn: „Nur bei vollem Magen kann die Armee sich schlagen.“

Über die Heinsberger Volkszeitung erging am 6. August die Aufforderung an Schüler, sich an den Erntearbeiten zu beteiligen („Denn die wehrhaften Männer sind zum Heere einberufen“), die Kollegen vom Erkelenzer Kreisblatt druckten einen Appell des königlichen Landrats Dr. Alfred von Reumont, sich bei Einquartierungen von Soldaten kooperativ zu zeigen („Ich vertraue darauf, dass die einzelnen Ortschaften jetzt und immerdar wetteifern werden“).

Obwohl stets betont wurde, der Krieg sei „aufgezwungen“ worden, war die Stimmung auch im überregionalen Teil kriegsbejahend. Bereits zum 1. Juli beschwor die Geilenkirchener Redaktion den „Kanonendonner“, der bald die Ruhe beenden möge. Mit „Sühne!“ war ein Gedicht des österreichischen Autors Richard Ritter Kralik von Meyrswalden überschrieben, das einen Monat darauf veröffentlicht wurde. Schließlich teilten die Redakteure am 5. August mit, sich in Sachen Kriegsberichterstattung nur auf amtliche Verlautbarungen zu berufen, was wohlgemerkt als Qualitätsmerkmal verstanden werden sollte: Andere Nachrichten, „die zu 90 Prozent den Tatsachen nicht entsprechen, verwirren nur die Köpfe und machen das Volk nervös“.

„Es gab einen allgemeinen Konsens, den Krieg nicht groß zu kritisieren“, weiß Andreas Düspohl, Leiter des Internationalen Zeitungsmuseums in Aachen. Dabei habe sicherlich auch Zensur eine Rolle gespielt. „Aber die Tiefe der Eingriffe war mit denen im sogenannten Dritten Reich überhaupt nicht zu vergleichen.“

Dem Ansehen der Zeitungen schadete dies offenbar nicht. Was die Auflage betraf, profitierten sie sogar vom Krieg. So konnte die Geilenkirchener Zeitung der Nachfrage kaum gerecht werden. Man bat hierfür um Verständnis, schließlich müsse doch jetzt alles „der höheren Pflicht, der Verteidigung des Vaterlandes dienen“. Mitte 1915 jedoch gelang es, die Geilenkirchener Zeitung nun täglich herauszugeben, und das bei einer Auflage von 6000 Stück.

Dies haben Anja Mülders und Susanne Hindelang vom Kreisarchiv für einen Beitrag im Heimatkalender des Kreises rekonstruiert. Ähnlich beflügelt habe sich die Heinsberger Volkszeitung gezeigt, deren Auflage innerhalb kurzer Zeit von 2000 auf 6000 Exemplare (wovon 600 an die Front gingen) explodierte sei. Und auch das Erkelenzer Kreisblatt wurde so stark nachgefragt, dass es ab Oktober 1915 dreimal wöchentlich erschien. „Die Leute waren begierig nach Kriegsberichten“, so Susanne Hindelang.

Dass die Werbetrommel auch für Alltagsgegenstände weiterhin gerührt wurde, war laut Düspohl nicht ungewöhnlich. Ganz im Gegenteil machten verschiedene Branchen sich die Kriegsstimmung mehr und mehr zunutze: „Anzeigen für Autos zum Beispiel zeigten dann als Fahrer einen Mann mit Pickelhaube.“ Auch fänden Anzeigen von Kurkliniken oder Herstellern von Prothesen sich in der Presse des Deutschen Reichs mit fortschreitendem Kriegsverlauf mehr und mehr.

Rund zehnmal so viele Publikationen wie heute habe der Markt damals hervorgebracht, darunter Kuriositäten wie die Deutsche Ofenbauerzeitung und das offenbar nicht weniger zielgruppenorientiert benannte Blatt „Der Arbeitslose“.

Wirtschaft zusammengebrochen

Nach dem Krieg jedoch sei es den Zeitungsverlegern ergangen wie dem überwiegenden Rest der Wirtschaft. Düspohl: „Große Teile des Marktes brachen zusammen.“

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