Wer ins Hotel geht, erhält 24 Euro am Tag

Von: Rainer Herwartz
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Die Umzugswagen stehen dicht gedrängt in der Obernburger Straße. Der Auszug der Mieter war gestern Morgen in vollem Gang. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg-Oberbruch. Um die Mittagszeit war es, als Bettina Benner, Pressesprecherin der Gagfah-Group in Essen, mitteilte, jetzt sei schon in 30 von 41 Fällen eine einvernehmliche Lösung bei den Mietern der Erlenbacher und Obernburger Straße erzielt worden.

Zehn Umzüge sollen bereits bis Montag über die Bühne gehen. Am Nachmittag kamen noch weitere sechs Mietparteien hinzu, die einer neuen Wohnung zugestimmt hätten. Schwere Umzugslaster in den beiden Straßen scheinen dies zu bestätigen.

Auch die Entrümpelung hat begonnen. Die Mieter sollten innerhalb von nur vier Tagen ihre Wohnungen räumen, weil ein Gutachten laut Vermieter-Gesellschaft aufgrund von Rissen und der befürchteten Ablösung der Giebel vom Rest des Mauerwerks die Sicherheit der Menschen nicht mehr gewährleistet sah.

Seit Dienstag nicht gekocht

Inge und Hans-Gerrit Appelt sind zwei der Bewohner der Obernburger Straße, bei denen noch keine Klarheit über die Zukunft herrscht. „Wir sträuben uns nicht dagegen, Ersatz-Wohnungen zu gucken. Wenn uns eine zusagt, machen wir auch keine Mätzchen. Aber wir gehen hier nicht raus und lassen unsere Sachen alleine”, sagt Inge Appelt.

Die Gagfah-Group habe gleich auf dem Flur gegenüber eine leerstehende Wohnung als Lager für das Mobiliar vorgesehen. Dort soll alles hinein. Doch die baufällige Eingangstür lässt die Appelts daran zweifeln, dass ihr Hab und Gut hier auch wirklich sicher aufgehoben ist. „Ich bin wie gerädert, ich kann nachts nicht mehr schlafen”, klagt die 64-Jährige. „Ich habe schon seit Dienstag nicht mehr gekocht. Wir sind total durch den Wind.”

Wegen seines angeschlagenen Herzens und seiner Angelleidenschaft habe er den Mitarbeitern des Vermieters gesagt, dass er sich eine neue Wohnung in Orsbeck, Unterbruch, Kempen, Karken oder Birgelen sehr gut vorstellen könne, meint Hans-Gerrit Appelt. „Obwohl ich lieber Parterre wohnen würde, wäre ich auch mit einer Wohnung im ersten Stock einverstanden.”

Und das, obwohl seine Frau Inge schon seit einiger Zeit Gehprobleme habe. Das Angebot, das ihm nach der „Schimmel-Katastrophe” in Hückelhoven dann unterbreitet worden sei, wäre zu seiner Verwunderung eine Wohnung in Linnich gewesen.

Am Freitag stand dann laut Appelt plötzlich die Besichtigung einer Dachgeschosswohnung auf dem Plan der Vermittler. Als er dies aus den benannten Gesundheitsgründen ablehnte, sei ihm mangelnde Kooperationsbereitschaft vorgeworfen worden.

Immer noch kämpferisch

Einige der Bewohner aus den beiden Straßen seien in Wohnungen in der Röntgenstraße untergebracht worden, „weil die da wohl einen großen Leerstand haben. Da will doch sonst keiner hin. Das ist ja peinlich. Ich gehe hier so nicht raus, dann müssen sie mit der Pistole kommen - und selbst dann nicht”, gibt sich der ehemalige Bergmann noch kämpferisch.

Auch der Umstand, dass Gagfah bis zum Einzug in eine neue Wohnung neben den Hotelkosten für Übernachtung mit Frühstück noch 24 Euro pro Tag und Kopf springen lässt, kann den Senior nicht versöhnen. 39 Mietparteien machten von diesem Angebot bislang Gebrauch, sagt Gagfah-Sprecherin Bettina Benner.

Vasilios Floulis kann die Appelts nur zu gut verstehen. Seine Eltern erfuhren von der Räumungsaktion, als sie sich in Dortmund und Griechenland bei Familienangehörigen befanden. Sie werden derzeit nur von ihrem Sohn auf dem Laufenden gehalten. Dieser hat jetzt einen Rechtsanwalt eingeschaltet.

„Der Anwalt bestätigte mir, dass nicht einfach die Schlösser an den Häusern ausgetauscht werden können. Die sollen am Samstag raus und man könnte nur noch mit der Security ins Haus.”

Gerücht um die eventuelle Ansiedlung von Ikea bestätigt sich nicht

„Das ist völlig aus der Luft gegriffen. Es ist mit Ikea nicht gesprochen worden”, bezieht Heinsbergs Leitender Rechtsdirektor Hans-Walter Schönleber Stellung gegen ein Gerücht, das sich in der Siedlung Erlenbacher Straße/Obernburger Straße hartnäckig hält. Danach sollte ein Warenhaus des schwedischen Konzerns angeblich an die Stelle der „plattgemachten” Häuser treten.

„Rein flächenmäßig wäre das gar nicht möglich. Zudem ist es aus planungsrechtlichen Gründen nicht möglich, einen solchen Betrieb dort anzusiedeln.” Es gebe zwar keinen Bebauungsplan für das Gebiet, aber es sei nach der vorhandenen Bebauung als Wohngebiet einzustufen. „Und in einem solchen ist ein derartiges Projekt völlig ausgeschlossen.” Die Baunutzungsverordnung gebe da eindeutige Vorgaben.

„Aufgrund der Besonderheiten der Schäden an den Objekten wird mit der Stadt geprüft, welche Möglichkeiten es gibt”, erläutert Gagfah-Pressesprecherin Bettina Benner in diesem Zusammenhang.

„Hierfür müssen weitere Untersuchungen vorgenommen werden. Wann mit einer Entscheidung gerechnet werden kann, ist schwer abschätzbar und somit ist eine Zeitschiene nicht zu benennen.”
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