„Wenn er nicht da ist, vermissen wir ihn”

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„Ab in den Ofen!”: Hunderte
„Ab in den Ofen!”: Hunderte Brote fertigt das Bäckerteam jeden Morgen. Michael Örtel gehört jetzt schon zum Bäckerteam - sehr zur Freude auch von Bäckermeister Jürgen Dick (r.).

Kreis Heinsberg. „Das frühe Aufstehen macht mir nichts aus. Mit dem Rad bin ich zu dieser Uhrzeit schnell einmal quer durch die Stadt an der Backstube angekommen.” Wenn frühmorgens um 3.30 Uhr ganz Heinsberg noch schläft, macht sich Michael Örtel auf den Weg zu seiner neuen Arbeitsstelle.

Seit dem Frühjahr hat er einen Außenarbeitsplatz der Werkstatt für behinderte Menschen in der Heinsberger Bäckerei Dick. So wie Michael Örtel absolvieren immer wieder Mitarbeiter der Lebenshilfe-Werkstatt ein von Pädagogen begleitetes Praktikum in örtlichen Betrieben.

Manchmal ergibt sich daraus die Chance, dort weiter beschäftigt zu werden. „Außenarbeitsplätze” nennt die Lebenshilfe Heinsberg dieses inklusive Arbeitskonzept und baut ihre Kooperationen mit Betrieben vor Ort kontinuierlich aus.

Sie ist stolz auf ihre Arbeit

Auch Sandra Pelzer hat einen solchen Außenarbeitsplatz. Seit zwei Jahren arbeitet sie morgens in der Lebenshilfe-Werkstatt und an vier Tagen in der Woche nachmittags auf dem Reiterhof „Sternenreiter” in Hückelhoven-Ratheim. „Sie ist unser Sonnenschein”, strahlt Ruth Adams, Diplom-Reitpädagogin und Betreiberin des Reiterhofs.

Seit 2003 bietet sie Heilpädagogisches Reiten an. Sandra Pelzer ist stolz auf ihre neue Arbeit: „Anfangs habe ich hier Reitstunden erhalten. Damals habe ich schnell gemerkt, dass ich hier arbeiten möchte. Nach zwei Jahren hat das dann auch geklappt. Ich liebe Tiere und würde am liebsten den ganzen Tag hier arbeiten”. Sie füttert die Tiere, striegelt die Pferde und Ponys, mistet Ställe aus und säubert das Außengelände.

„In kleinen Schritten haben wir Sandra an ihre Aufgaben herangeführt. Mittlerweile kann sie diese weitgehend selbstständig erledigen. Sie geht freundlich mit den Kindern um, die zum Reiten kommen, und wenn wir Praktikanten haben, ist sie es meistens, die ihnen zeigt, wie es bei uns zugeht”, lobt Ruth Adams ihre neue Mitarbeiterin. Wenn man Sandra zuschaut, wie sie ihr Lieblingspferd Madih begrüßt, behutsam die Pferde säubert oder ihre Chefin bei ihren Reitübungen mit den Kindern beobachtet, dann spürt man, wie sehr sie in ihrer Arbeit aufgeht.

Er fühlt sich akzeptiert

Auch Michael Örtel fühlt sich wohl in seinem Job. In der Bäckertruppe fühlte er sich schnell akzeptiert. „Für uns kam nie die Frage auf, ob es möglich ist, einen Menschen mit Behinderung einzustellen, wir haben da keine Berührungsängste”, sagt Bäckermeister Jürgen Dick. „Michael hat eine schnelle Auffassungsgabe und war gleich am ersten Tag bemüht, sich mit Interesse und Engagement in unser Team einzufinden. Der Michael ist eine Bereicherung für uns!”

Wenn um sieben Uhr morgens die ersten Waren längst ausgeliefert sind, hat Michael Örtel bereits Apfeltaschen gefüllt, Schoko- und Zitronenmuffins gefertigt, Brötchen und Pizzasnacks belegt, Pflaumen für die Obsttörtchen entkernt oder Bleche mit den verschiedensten Backwaren in den Backofen geschoben.

Acht Bäcker und zwei Auszubildende beschäftigt Jürgen Dick, sie produzieren jede Nacht Back- und Teigwaren für acht Filialen im Kreis Heinsberg. „Wir sind nur gut, wenn wir gut zusammenarbeiten. Und Michael gehört jetzt mit dazu. Wenn er nicht da ist, vermissen wir ihn.”

Am großen Fertigungstisch mitten in der Backstube arbeiten die Bäcker Hand in Hand. Sie kneten Teig und formen Brote. Trotz des Zeitdrucks ist die Stimmung gut, man scherzt miteinander und interessiert sich für den anderen. „Vielleicht kann ich ja eines Tages sogar eine Ausbildung hier machen”, wünscht sich Michael Örtel. Sein Chef hat sich schon erkundigt und ist davon überzeugt, dass er die Ausbildung zum Bäckerhelfer schaffen wird. „Der Michael ist einer vor uns, der schafft das!”

Auch für Sandra Pelzer stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich ihr Traum, irgendwann einmal als „Ganztagskraft” auf dem Reiterhof zu arbeiten, erfüllt: „Bislang finden die Reitstunden ausschließlich nachmittags statt. Ich hoffe, in absehbarer Zeit auch vormittags Reitstunden anbieten zu können. Dann möchte ich Sandras Arbeitszeit ebenfalls verlängern.”

Denn für Ruth Adams gehört Sandra Pelzer längst zum „Inventar” des Reiterhofs: „Sternenreiter ohne Sonnenschein, das ist nicht mehr vorstellbar!”

Menschen mit Behinderung werden auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet

Die Lebenshilfe Heinsberg beschäftigt 1100 Menschen mit Behinderung in vier Werkstattbetrieben im Kreis Heinsberg.

Mit dem Ziel, Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten, bietet die Werkstatt für behinderte Menschen ihren Beschäftigten intensive Berufsbildung und -förderung und kooperiert intensiv mit unterschiedlichen Betrieben in der Region.

Vor Ort erhalten Menschen mit Behinderung im Außenarbeitsplatz die Möglichkeit, den Arbeitsalltag etwa in einem Handwerksbetrieb, im Kindergarten, auf dem Bauernhof oder in einem Café kennenzulernen. Pädagogen der Lebenshilfe besuchen regelmäßig den Arbeitsplatz und sind bei Fragen jederzeit erreichbar.

Ausführliche Informationen über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit der Werkstatt für behinderte Menschen und die Förderung beruflicher Integration erteilt Karin Kampel unter Telefon 02452/91080.
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