Wenn die Seele plötzlich krank wird

Von: Udo Stüßer
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Rund 33 Prozent der Bevölkerung jedes Jahr von mindestens einer psychischen Störung betroffen. Foto: stock/Science Photo Library
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Sie freuen sich auf die Info-Veranstaltung in Heinsberg: Chefarzt Dr. Michael Plum, Pflegedirektorin Bettina Vieten, Sozialpädagogin Anja Klevers und Geschäftsführer Martin Minten (von links). Foto: Udo Stüßer

Kreis Heinsberg. Wolfgang von Wolkenbach hat es geschafft: Auf der Karriereleiter hat er mühevoll eine der obersten Sprossen erklommen, er führt eine gute Ehe, die Kinder haben das Haus verlassen und einen sicheren Berufsweg eingeschlagen. Eigentlich müsste Wolfgang von Wolkenbach glücklich sein. Doch der 47-Jährige kennt nur eines: Arbeit!

Echte Freunde hat er schon lange nicht mehr, ein soziales Netzwerk gibt es nicht mehr, und in seiner Ehe tauchen dunkle Wolken am Horizont auf.

Plötzlich verliert von Wolkenbach jede Lebensfreude, er fühlt sich von seinem Leistungsgedanken gefangen. Er wird freudlos und depressiv. Burn out!

Hilfe findet er schließlich in der Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Katharina Kasper ViaNobis GmbH in Gangelt. In der Gesprächstherapie entdeckt er wieder Freude am Leben, er definiert neue Ziele, denkt über Hobbys nach. In der Tanztherapie verschwinden seine schweren Gedanken, das Tanzen bereitet ihm plötzlich Freude.

Wolfgang von Wolkenbach ist mit seiner seelischen Erkrankung sicherlich kein Einzelfall. 33 Prozent der deutschen Bevölkerung sind jedes Jahr von mindestens einer psychischen Störung betroffen. Bezogen auf den Kreis Heinsberg bedeutet das, dass etwa 30.000 Bürger im Kreis an einer Alkoholstörung leiden, 21.000 Menschen an einer Depression erkranken und 40.000 Kranke unter einer Angststörung leiden. Die Tendenz ist steigend. Zudem kann ein Zusammenhang zwischen seelischer und körperlicher Erkrankung bestehen.

Etwa 70 Prozent der Patienten, die am offenen Herz operiert wurden, werden zumindest zeitweise psychisch krank. Und seelisch gesunde Krebspatienten überwinden ihre Erkrankung häufiger als seelisch kranke, haben Mediziner festgestellt. Der seelischen Erkrankung will die Katharina Kasper ViaNobis GmbH, die die psychiatrische Pflichtversorgung für alle Bürger des Kreises Heinsberg übernommen hat, entgegenwirken. Neue Therapieformen und praxisnahe Methoden zur Förderung und Wiederherstellung körperlicher und seelischer Gesundheit befähigen immer besser, Erkrankungen zu heilen und ihrer Entstehung vorzubeugen.

Doch wann wird die Seele krank? Wie kann man Krisen so bewältigen, dass die Seele nicht krank wird? Und wie wird die kranke Seele wieder gesund? Mit einer großen Informationsveranstaltung zum Thema „Perspektiven seelischer Gesundheit – Innere Stabilität in Zeiten ständiger Veränderung“ will die ViaNobis GmbH die Menschen im Kreis Heinsberg aufklären. Sie findet statt am Mittwoch, 2. März, 19 Uhr, in der Stadthalle Heinsberg, Apfelstraße 60. Einlass ist ab 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Unsere Zeitung ist Medienpartner bei der Aktion.

Einführende Referate halten Martin Minten, Geschäftsführer der Katharina Kasper ViaNobis GmbH, Anja Klevers, Sozialpädagogin und Resilienztherapeutin in der Gangelter Fachklinik, Dr. Simeon Matentzoglu, ehemaliger Chefarzt der ViaNobis-Fachklinik, und Dr. Michael Plum, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik. Als Referentin konnte auch die renommierte Therapeutin und Buchautorin Sylvia Kéré Wellensiek gewonnen werden. Sie wird ausführlich auf die Balance zwischen Leistung und Gesundheit eingehen.

„Wir wollen diese Balance herstellen“, erklärt Martin Minten und wirft die für dieses Thema entscheidenden Fragen auf: Was macht uns glücklich? Welche Faktoren halten uns gesund? Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit wir uns wohl fühlen? Was stresst mich? Wie kann ich meinen Akku aufladen? Für diese Fragestellungen wollen die Experten Interesse wecken. Minten sieht die seelische Erkrankung auch aus Sicht des Betriebswirtschaftlers: „Gesunde Mitarbeiter sind ein Gewinn für jedes Unternehmen. Auch das Verhalten der Führungskräfte spielt eine entscheidende Rolle dafür, dass sich ein Mitarbeiter wohl fühlt. “

Dass die Fragen nach seelischer Gesundheit immer drängender werden, zeigt unter anderem die Tatsache, dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziales arbeitsmedizinische Empfehlungen zur psychischen Gesundheit im Betrieb veröffentlicht und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter zum Thema gemacht hat.

„Sport und Bewegung wirken antidepressiv. Sport hilft, die seelische Balance zu finden. Laufen macht den Kopf frei“, sagt Dr. Michael Plum. Für den Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Anästhesiologie gehört Sport zum Alltag. Täglich kommt der in Aachen lebende Mediziner mit dem Rennrad zur Arbeit nach Gangelt. 70 Minuten am frühen Morgen auf dem Sattel, 70 Minuten am Abend auf dem Sattel halten ihn nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit. Er weiß aber auch: „Mit Sport alleine kann man nicht alle stressmachenden Dinge abschaffen.“

Deshalb betont der Chefarzt die Bedeutung einer regelmäßigen und offenen Kommunikation. Werde zum Beispiel der Mitarbeiter nicht am Arbeitsprozess beteiligt, erfolge besonders in Krisenzeiten eine innere Kündigung. So hat die im März 2015 veröffentlichte Gallup-Studie zur Zufriedenheit der deutschen Arbeitnehmer ergeben, dass 70 Prozent der deutschen Arbeitnehmer nur noch Dienst nach Vorschrift machen. Die hohe Zahl von inneren Kündigern kostet der Studie nach die deutsche Wirtschaft jährlich zwischen 73 und 95 Milliarden Euro.

Doch es ist nicht nur die offene Kommunikation, die den Arbeitnehmer motiviert, Glaubwürdigkeit und Vertrauen seien weitere grundsätzliche Voraussetzungen für ein seelisches Gleichgewicht, erklärt der Chefarzt. Auch Hobbys, soziale Vernetzung, Freundschaften, so Plum, seien für eine seelische Gesundheit förderlich.

„Man muss für Veränderungen bereit sein, man muss zur täglichen Arbeit ein positives Gegengewicht setzen“, empfiehlt der Psychiater eine „bewusste Lebensführung“ und warnt: „Die Zeiten werden immer unsteter, man versteht die Welt immer schlechter. Man muss weg von Fast-Food-Fernsehen und schnelllebigem Input. Dafür lieber raus in die Natur. Wir schauen doch nur noch auf Fernseher und Smartphone und nicht mehr auf Bäume.“ Der seelisch gesunde Mensch müsse sich in einem Gleichgewicht befinden, Körper (Gesundheit, Sport, Ernährung, Entspannung), Leistung (Arbeit, Beruf, Konkurrenz), Sinn (Werte, Glaube, Visionen) und Kontakte (Familie, Freunde, Vereine) in einer Balance sein. Nicht unbedeutend sei eine positive Grundeinstellung nach dem Motto: „Ich schaffe das!“

Was seelisch kranke Menschen in der Therapie schaffen können, macht die Sozialpädagogin Anja Klevers am Beispiel von „Land Art“ deutlich: Sie geht mit ihren Patienten in die Natur und gestaltet mit ihnen Kunstwerke. „Ich hatte eine depressive Patientin, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt war und eigentlich keine fünf Meter laufen konnte. Unter Tränen ist sie am Ziel angekommen, hat schwere Äste gestemmt und in stundenlanger Arbeit kunstvoll ein Urtier im Wald gestaltet. Hier wurde klar, dass nicht nur die Gruppe, sondern auch der Optimismus eine große Rolle spielt.“ Diese Patientin hat bei dem Kunstprojekt bewiesen: „Ich schaffe das!“ Ein großer Schritt auf dem Weg zu einer gesunden Seele.

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