Weltspartag: „Nach wie vor sind wir Deutsche fleißige Sparer“

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Reich wird man selten über Nacht. Nur wer über die Jahre hinweg regelmäßig Geld beiseitelegt, kann ein Vermögen aufbauen. Dieses Bewusstsein will der Weltspartag seit 1925 schärfen. Aber bringt das Sparen angesichts der niedrigen Zinsen überhaupt etwas? Foto: dpa
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Der Sprecher der Genossenschaftsbanken im Kreis Heinsberg: Dr. Veit Luxem.
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Der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Heinsberg: Thomas Pennartz.

Kreis Heinsberg. Der Weltspartag – an diesem Donnerstag, 30. Oktober, auf dem Kalender stehend – findet in diesem Jahr in Zeiten ­extrem niedriger Zinsen statt. Thomas Pennartz, der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Heinsberg, und Dr. Veit Luxem, der Sprecher der Volksbanken und Raiffeisenbanken im Kreis Heinsberg, beantworteten Fragen von Regionalredakteur Dieter Schuhmachers.

„Deutschen vergeht die Lust aufs Sparen“ lautete die Schlagzeile in der vergangenen Woche im Wirtschaftsteil dieser Zeitung. Das Statistische Bundesamt hat eine Sparquote – errechnet aus dem Sparen in Prozent des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte – von 9,1 Prozent für das vergangene Jahr gemeldet; dies ist ein Wert, der so niedrig ist wie zuletzt zur Jahrtausendwende. Ist ein Trend weg vom Sparen, der angesichts der extrem niedrigen Zinsen ja nachvollzieh-bar erscheinen würde, auch in Ihren Häusern zu spüren?

Pennartz: Nein, denn Vorsorge ist und bleibt unseren Kunden hier auf dem Land wichtig. Dies gilt unabhängig vom Zinssatz. Es ist den Menschen zudem sehr wichtig, ihr Geld sicher anzulegen. Die Tendenz geht insgesamt zu kurzfristigeren Geldanlagen – das klassische Sparbuch liegt wieder voll im Trend.

Luxem: Nach wie vor sind wir Deutsche fleißige Sparer, und auch im Kreis Heinsberg legen die Verbraucher weiterhin viel Geld auf die hohe Kante. Der Grund dafür ist nicht nur, Geld für eventuelle dringende Anschaffungen zu haben, sondern vor allem das Thema „­Altersvorsorge“. Hier sehen wir ­Genossenschaftsbanker weiterhin klare Signale, dass die Menschen in unserer Region sich nicht allein auf die Rente und damit den Staat verlassen wollen.

Sie besparen Bank- und Fondssparpläne, Kapitallebensversicherungen und Bausparverträge, aber auch direkte Investitionen in Aktien und Immobilien sind weiter beliebt – je nach Anlegermentalität an Rendite oder Sicherheit. Im vergangenen Jahr haben wir ein Volumen an Gesamtkundeneinlagen in Höhe von 2,84 Milliarden verzeichnet. Damit haben unsere Mitglieder und Kunden rund drei Prozent mehr Geld bei den Genossenschaftsbanken im Kreis Heinsberg angelegt als im Jahr davor.

Das ist erfreulich. Allerdings verzeichnen auch wir aufgrund der niedrigen Zinsen einen Trend, mehr zu konsumieren als zu sparen. Mittelfristig wird die Sparquote aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland Stück für Stück sinken. Ich rechne damit, dass das Verhältnis von Sparsumme zu verfügbarem Einkommen bis zum Jahr 2025 auf unter sieben Prozent fallen wird.

Aktuell erscheint es aber so, als ob mit einer 100-prozentig sicheren Geldanlage – also wirklich ohne jegliches Risiko – Zinsen über der Inflationsrate schlicht und ergreifend nicht zu erzielen sind. Es findet also de facto eine Entwertung des gesparten Kapitals statt. Oder können Sie doch einen heißen Tipp für eine völlig sichere und trotzdem auch effektiv gewinnbringende Anlage verraten?

Pennartz: Diesen heißen Tipp habe ich leider auch nicht! Unsere Berater besprechen mit unseren Kunden, welche Anlageform ihren Wünschen und der persönlichen Risikoneigung am besten entspricht und welche Renditen bei den verschiedenen Anlageformen in Abhängigkeit vom Risiko erreichbar sind. Es ist schon überraschend, dass der Bundesfinanzminister für Geldaufnahmen in Form von einer Bundesobligation mit einer Laufzeit von drei Jahren weniger zurückzahlt, als er bei der ­Kreditaufnahme bekommen hat. „Negativverzinsung“ nennt man das heute.

Luxem: 100 Prozent Sicherheit und Inflationsausgleich gehen derzeit tatsächlich nicht Hand in Hand. Deshalb sind intensive Beratung und vernünftiges Nachdenken derzeit das Wichtigste für jeden Sparer und für jeden Mitarbeiter in unseren Häusern. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Wer in den vergangenen Jahren in Aktien investiert hat, hat enorme Renditen erzielt – auch wenn sich der Markt in den vergangenen Wochen wieder korrigiert hat. Ähnliche Schwankungen gibt es naturgemäß auch bei Geldanlage in anderen Wertpapieren, in Fonds sowie Zertifikaten.

Ein gut gemanagtes Vermögen kann aber auf solche Werte nicht verzichten, wenn es langfristig über dem Inflationsausgleich liegen will. Ein guter Mix aus verschiedenen Anlageprodukten – Diversifizierung – nach dem Motto „Nicht alle Eier in einen Korb legen“ ist hier der richtige Weg. Klar ist aber auch: Wenn eine Bank zurzeit zwei Prozent auf das Tagesgeld oder drei Prozent für zehn Jahre Laufzeit bietet, dann macht sie das aus Werbegründen beziehungsweise weil sie es nötig hat, so viel Zinsen zu zahlen. Zum Beispiel, weil andere Banken diesem Institut Geld nur zu viel höheren Konditionen leihen würden. Ich wäre da als Privatanleger äußerst skeptisch.

Die Bevölkerung – gerade auch die jüngere Generation – ist immer wieder zu mehr privater Vorsorge für das Alter aufgerufen worden. Wie bedrohlich ist die aktuelle Situation mit diesen Niedrigzinsen insbesondere für die Altersvorsorge?

Pennartz: Die private Vorsorge sollte inzwischen für die meisten Menschen selbstverständlich sein. Doch die Erkenntnisse des vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband herausgegebenen Vermögensbarometers 2014 sprechen eine andere Sprache, denn gerade die junge Generation spart oft zu wenig. 50 Prozent – das sind 24 Prozentpunkte mehr als noch 2013 – bilden danach im Moment gar keine Rücklagen fürs Alter. Nur 47 Prozent sorgen für später vor.

Grund dafür ist neben den fehlenden finanziellen Mitteln auch ein geringer Anreiz. Wir weisen alle Kunden darauf hin, dass gerade die Altersvorsorge auch bei niedrigem Zins unheimlich wichtig bleibt. Das Vorsorgen bedeutet nun allerdings einen höheren Aufwand bei niedrigerem Ertrag. Trotzdem ist jeder Euro, der in Altersvorsorge fließt, kein verschenktes Geld.

Luxem: Es wäre gut für uns alle, wenn die Europäische Zentralbank die politisch gewollte Niedrigzinsphase zügig beenden würde. Vom Prinzip her soll diese Politik ja den klammen Nationalstaaten in ­Europa – und bei uns in Deutschland auch den Bundesländern und Kommunen – die Möglichkeit zur Aufnahme von Krediten zu günstigen Konditionen bieten. Allerdings sorgt die aktuell extrem niedrige Inflation nicht für die automatische Entschuldung der öffentlichen Hand. Auch in der Wirtschaft haben die niedrigen Zinsen keine nennenswerten positiven Effekte mehr.

Eher sehen wir die Gefahr, dass in kaufmännisch eher kritisch zu sehende Projekte investiert wird – nur weil Finanzierungen derzeit so billig sind. Für die Altersvorsorge ist es nun wichtig, dass das Gesamtverhältnis von wirtschaftlichen und öffentlichen Investitionen wieder in Ordnung kommt. Das ist dann gut für Lebensversicherungen und Wertpapierfonds sowie für Banksparpläne und Bausparverträge. Sie alle sind bewährte und attraktive Anlageprodukte für den Verbraucher und werden dies auch in Zukunft sein.

Wagen Sie eine Prognose, wie lange die Niedrigzinsphase noch andauern wird: Ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen – oder wird es noch Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte so weitergehen?

Pennartz: Ein Ende des Zinstiefs ist nicht zu sehen. Mit Blick auf die EZB und die dort diskutierten Maßnahmen, die meines Erachtens nicht ohne Risiken sind, könnte das von Ihnen zitierte Licht am Ende des Tunnels eher das Licht des entgegenkommenden Zuges sein. Wir sind als Sparkasse jedenfalls sehr zufrieden mit der Situation, dass die Einlagen unserer Kunden in die Realwirtschaft des Kreises Heinsberg investiert werden.

Luxem: Prognosen sind schwierig. Zumal ich hier über die Kompetenz und Vernunft von Europäischer Zentralbank und Europäischer Union zu urteilen hätte. Ich hoffe, dass in den nächsten drei Jahren eine sanfte Trendwende eintritt. Die USA haben bereits versucht, ihre Geldspritzen für die Konjunktur abzusetzen. Japan aber hält seit rund 20 Jahren an der Null-Zins-Politik fest. Letzteres war und ist nicht gut für die dortige Wirtschaft und für die Menschen. Eine solche negative Entwicklung können unsere Politiker für Europa nicht wollen.

„Sparen macht froh, sagt der Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. „Geld ausgeben aber auch“, sagt der Bremer Glücksforscher Jan Delhey. Warum lohnt sich denn Sparen – trotz der so ungünstig erscheinenden Rahmenbedingungen – auch heute noch?

Pennartz: Die Aussage des Sparkassenpräsidenten basiert auf einer Mehrheit von 57 Prozent der Bundesbürger, die sagen, dass es sie „glücklich“ macht, wenn sie Geld auf die Seite legen und einen Finanzpuffer bilden, der ihnen Sicherheit verspricht. Natürlich ist es für viele Menschen auch wichtig, Geld auszugeben und sich damit Wünsche zu erfüllen.

Gerade wenn es dann um größere Anschaffungen geht, gelingt dies vielen aber nur, wenn sie vorher gespart haben. Sparen lohnt sich deshalb zumindest aus zweierlei Sicht auch in der derzeitigen Phase: ­einerseits zur Erfüllung besonderer – oft etwas teurerer – Wünsche und andererseits, um für „Unvorhergesehenes“ eine Rücklage bilden und im Alter den Lebensstandard halten zu können.

Luxem: Angesichts der Herausforderungen des demografischen Wandels sollten besonders die geburtenstarken Jahrgänge trotz des derzeitigen Niedrigzinsumfeldes die Chance nutzen, für das Alter ­finanziell vorzusorgen, um nach der Erwerbsfähigkeit einen angemessenen Lebensstandard halten zu können. Schließlich durchlaufen die sogenannten Babyboomer jetzt ihre einkommensstärkste Lebensphase.

Ganz grundsätzlich empfehlen meine Kollegen und ich: Legen Sie zwei oder drei Monatsgehälter für kurzfristige Angelegenheiten als Notgroschen an. Ermöglichen Sie mittelfristige Investitionen wie Autokauf oder Arbeiten an den eigenen vier Wänden per Sparplan. Und sparen Sie für das Alter mit einem gesunden Mix aus mehreren Anlageformen wie Fonds, Lebensversicherungen und so weiter. Dann können Sie beruhigt schlafen – auch in der Niedrigzinsphase.

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