Welt-Autismus-Tag: Übersetzer zwischen Mensch und Umwelt

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Kompass-Leiterin Yvonne Tholen (2.v.l.) stellt Kollegen die Sprichwörter-Rallye vor, die sie mit Klienten in der Gruppentherapie entwickelt hat.

Kreis Heinsberg. Laut aktuellen Studien sei einer von 1000 Menschen in Deutschland ein Autist. Dabei sei Autismus gar nicht so einfach zu umschreiben, erklärt Yvonne Tholen. Sie leitet das Kompetenzzentrum für Autismus-Spektrum-Störungen (kurz: Kompass) der Lebenshilfe Heinsberg.

„Durch die rasche Entwicklung in der Diagnostik und Förderung in den vergangenen Jahren sprechen wir heute von einem Autismus-Spektrum.“ Autismus sei keine Krankheit oder kognitive Behinderung, die durch Blut- oder Intelligenztests festzustellen sei. Die am häufigsten gestellte Diagnose sei neben dem frühkindlichen Autismus das Asperger-Syndrom, mit der sich der Wiener Kinderarzt Hans Asperger Mitte des 20. Jahrhunderte erstmals beschäftigte.

Dass es heute zu einer steigenden Asperger-Diagnose im Kindesalter komme, werde in der Fachwelt breit diskutiert, so Autismus-Pädagogin Stefanie Heinen-Gransch. Oft würden im Kinder- oder Jugendalter Verhaltensauffälligkeiten in den Vordergrund treten, die schnell als Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitäts-Syndrom, kurz ADHS, abgestempelt würden.

Eltern und Angehörige würden sich fragen, ob etwas mit ihrem Kind nicht stimme, obwohl die körperlich-geistige Entwicklung doch ganz normal verlaufe. „Asperger ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Betroffene sehen normal aus, zeigen jedoch sonderbare Verhaltensweisen. Typisch sind Beeinträchtigungen des Interaktionsverhaltens, mangelndes Einfühlungsvermögen, starres Festhalten an Gewohnheiten, motorische Auffälligkeiten sowie ausgeprägte Spezialinteressen.“

Meist sind Kinder zwischen acht und 13 Jahre alt, wenn die Diagnose „Asperger“ etwa durch die Sozialpädiatrischen Zentren oder Kinder- und Jugendpsychiatrien festgestellt wird und die Eltern den ersten Kontakt zum Kompass der Lebenshilfe suchen. „Wir müssen uns am Anfang viel Zeit nehmen, um die Situation in der Familie, in der Schule, aber vor allem auch, um die Gedanken- und Gefühlswelt des Klienten zu verstehen“, so Yvonne Tholen.

Sie und ihre Kollegen verstehen sich als Lebensbegleiter und Übersetzer zwischen Mensch und Umwelt. Oft spricht man viel über Erlebnisse und Situationen der Kinder und versucht mit ihnen gemeinsam, das Verhalten der „Normalen“ zu ergründen. „Im Interaktionstraining erlernen die Klienten Spiel- und Verhaltensregeln unserer Gesellschaft. Wann begrüßt man mit Händedruck oder nur mit einem freundlichen Hallo? Wie formuliere ich meine Bedürfnisse und Gefühle?“

Sind Klienten im Teenager-Alter, ist die Entwicklung der eigenen Identität wichtig, es stellen sich Fragen über die persönliche Zukunft, die Berufswahl, der Auszug von zu Hause. Da sei es wichtig, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, die in einer ähnlichen Lage sind. Deshalb organisiert Kompass neben der Einzelförderung auch Gruppenangebote , in denen sich die Teilnehmer über ihr Leben mit ­Autismus austauschen und gemeinsame Interessen finden. Sprichwörter sind ein typisches Beispiel dafür, wie schwierig es sein kann, die Welt hinter den Worten und Werten der Gesellschaft zu verstehen: Wie kann etwas zum Mäusemelken sein und wer ist Herr Gesangsverein?

„Dieses Thema hat eine Gruppe jetzt aufgegriffen. Wir sind den Alltagsweisheiten spielerisch auf den Grund gegangen. Entstanden ist ein Gesellschaftsspiel der Sprichwörter, dass bei uns im Kompass ein echter Spiele-Renner geworden ist“, so Yvonne Tholen. Wenn man aktiv, spielerisch und mit gesundem Humor den Problemen des Alltags begegnet, können sich völlig neue Situationen entwickeln. Und wer weiß, vielleicht wird das kleine Spielbrett der Sprichwörter eines Tages einmal in Serie produziert.

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