Hückelhoven-Ratheim - Warum die EU-Felder gelb blühen lässt

Warum die EU-Felder gelb blühen lässt

Von: Isabelle Hennes
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Nach der Kontrolle zufrieden:
Nach der Kontrolle zufrieden: Josef Frei ist jeden dritten Tag draußen, um den Raps in Augenschein zu nehmen. Immer häufiger wird diese Pflanze angebaut. Fotos (2): Isabelle Hennes Foto: Isabelle Hennes

Hückelhoven-Ratheim. Gelb blüht der Raps: Viele Felder im Kreis Heinsberg erstrahlen momentan in einer leuchtenden Farbenpracht. Bis zu 1,50 Meter Höhe erreicht die krautige Pflanze. In den vergangenen Jahren sind immer mehr dieser Felder entstanden - nicht nur im Kreis Heinsberg.

Der Grund: 2006 hat es die sogenannte Restrukturierung der Zuckermarktordnung der Europäischen Union gegeben. Damit einher ging die Senkung der sogenannten Zuckerquote der Landwirte in Deutschland. Josef Frei sitzt in seinem schwarzen Pickup, der Wagen fährt schaukelnd über einen Feldweg. Der 54-Jährige ist seit 25 Jahren Leiter des landwirtschaftlichen Betriebs von Max Freiherr Spiess von Büllesheim.

Jeden dritten Tag kontrolliert er die Rapspflanzen auf den Feldern. Vor allem jetzt, kurz vor der Erntezeit Mitte bis Ende Juli, ist die Gefahr, dass sich Pflanzenkrankheiten entwickeln oder Schädlinge wie der Glanzkäfer oder die Schotenmücke ihr Unwesen treiben, besonders groß. Das hat mit der Pflanzenstruktur zu tun: Kurz vor der Ernte stehen die Rapspflanzen so dicht beieinander, dass es kaum noch ein Durchkommen gibt. Ideale Voraussetzungen für die Verbreitung von Krankheiten.

Vor wenigen Tagen hat es geregnet und gehagelt - das wirkt sich sofort auf die leuchtende Farbe aus. „Die Blüte verblasst schon ein bisschen”, sagt Frei. Er ist nach der Kontrolle aber zufrieden und setzt sich wieder in seinen Geländewagen. Rund 300 Hektar Ackerland stehen unter seiner Obhut, zehn Prozent davon werden mit Raps bestellt.

„Früher war Rapsanbau ein Thema für Spezialisten”, sagt er. Früher, das war Mitte der 80er Jahre. Die Zuckerrübe war damals außer Konkurrenz, da hatte Raps keine Chance. In den vergangenen zehn Jahren hat sich aber einiges getan bei der Entwicklung von Rapspflanzen. Mit Hilfe der Züchtung ist die Pflanze kleinwüchsiger geworden und damit für Landwirte einfacher zu ernten, mittlerweile sogar unkomplizierter als Zuckerrüben: Ein Mähdrescher reicht vollkommen aus.

Der Politik geschuldet

Dass es mehr Rapsfelder gibt als früher, ist nicht in erster Linie den Landwirten, sondern der Politik geschuldet. Durch die Restrukturierungsmaßnahme der EU sollten Entwicklungsländer die Chance bekommen, am europäischen Markt teilnehmen zu können. Gute Idee, aber leider nicht erfolgreich. Denn die Entwicklungsländer verkauften ihre Produkte demjenigen, der am meisten dafür zahlte. Der europäische Markt war das nicht, dafür hatte aber beispielsweise Amerika einen großen Bedarf an Zucker, weil dort Ethanol stark nachgefragt wurde.

Vor der Restrukturierung waren deutsche Landwirte an eine Quote gebunden. „Ich hätte die lieber beibehalten”, sagt Frei. Sie mussten den Zuckerfabriken eine bestimmte Menge an Rüben liefern. Diese Zuckerquote wurde im Rahmen der Kampagne für deutsche Landwirte gesenkt, gleichzeitig für die Entwicklungsländer aber nicht eingeführt.

Das hatte zur Konsequenz, dass deutsche Landwirte nicht mehr lieferten und die erhofften Bestände aus den Entwicklungsländern ausblieben. „Wenn man politisch in funktionierende Systeme eingreift, kann das gefährlich für den Verbraucher werden”, sagt Bernhard Conzen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Heinsberg. Das Ergebnis der Kampagne: Vor rund zwei Jahren hat es in Europa einen Zuckermangel gegeben. „Ein Weltkonzern wie Coca Cola hat keine Probleme, trotzdem an Zucker zu gelangen”, sagt Frei. Aber ein mittelständischer Betreib - wie es viele in der deutschen Süßwarenindustrie gibt - hat schon eher mit der Situation zu kämpfen. Gebracht hat die Kampagne der EU also nicht viel - zumindest nicht das, was damit erreicht werden sollte.

Für Frei und den Betrieb in Ratheim hieß das, sich nach Alternativen für die Zuckerrübe umsehen zu müssen. Fündig geworden ist er bei Raps. „Für uns bedeutete die Senkung der Zuckerquote ein dramatischer wirtschaftlicher Einbruch”, erinnert sich Frei.

An der Quote war nicht zu rütteln

In der Hoffnung, doch noch etwas gegen die politische Entscheidung tun zu können, schlossen sich Frei und 28 andere Landwirte aus dem Kreis zusammen. An der Senkung der Quote konnten sie zwar nichts ändern. Aber aus dem Zusammenschluss ist die Biogasanlage Wassenberg entstanden, Frei ist deren Geschäftsführer. „Im Gegensatz zu Wind- und Sonnenenergie gewinnen wir mit der Anlage rund um die Uhr Strom”, sagt der 54-Jährige stolz. Fast sechs Millionen Kilowatt Strom produziert sie im Jahr.

Auch der Rapsanbau hat sich rentiert. „Die Rapspreise sind in den vergangenen immer weiter gestiegen”, sagt Josef Hamm von der Landwirtschaftskammer. Vor der Restrukturierung lag der Preis bei 250 Euro pro Tonne, vor rund zwei Wochen bei 500 Euro. Raps lässt sich nicht nur einfacher ernten, mit ihm lässt sich auch mehr verdienen als mit Rübenanbau. Die Verwendungsmöglichkeiten, die Raps bietet, sind vielfältig.

Das aus den schwarzen Samen der Pflanze gewonnene Rapsöl ist ein wichtiger Bestandteil in der Nahrungsmittelproduktion. Zum einen wird es als Speiseöl, zum anderen zur Herstellung von Speisefetten wie Margarine genutzt. Die bei der Kaltpressung von Rapsöl zurückbleibende Masse nennt sich Rapskuchen. Diese Flocken oder kleinen Brocken werden als fett- und eiweißreiches Futtermittel genutzt. Zudem wird Rapsöl dem Biokraftstoff E10 beigemischt und seit vergangenem Jahr verkauft. Aus ökonomischer Sicht ist das der ertragreichste Grund für Landwirte, Raps anzubauen. Das sieht auch Frei so. Seine Rapssamen werden nach Neuss geliefert und dort zu Öl gepresst.

Die aktuellen Verhandlungen zwischen Zuckerkonzernen und Zuckerrübenbauern über die Zuckerquote hält Frei nach wie vor im Blick. Landwirte fordern wegen der ertragreichen Ernte eine höhere Vergütung. Vielleicht kann die Rübe in Zukunft doch noch eine Art Comeback feiern.

Auf 1200 Hektarim Kreis Heinsberg wächst Raps

Von rund 34.000 Hektar Anbaufläche im Kreis Heinsberg werden dreieinhalb Prozent mit Raps bestellt. Das hört sich nicht nach viel an, sind aber immerhin ungefähr 1200 Hektar.

Im Vergleich mit Zahlen aus den vergangenen Jahren lässt sich eine deutliche Zunahme an Rapsanbau im Kreisgebiet erkennen. Im Vergleich zu Rüben lässt sich mit Raps nicht nur mehr verdienen, die Pflanze ist einfacher zu ernten.

Während für die Zuckerrübe spezielle Geräte erforderlich sind, kann die Rapspflanze mit einem Mähdrescher geerntet werden. Lediglich bei der zeitlichen Abfolge des Anbaus ist es nicht möglich, Raps auf Raps folgen zu lassen. Die Gefahr von Pflanzenkrankheiten und -schädlingen wäre zu groß.

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