Walter Kohl bei „Auf ein Wort mit”

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
Das Leben im Spannungsfeld zwi
Das Leben im Spannungsfeld zwischen Selbst- und Fremdbestimmung als „Sohn vom Kohl” führte den ältesten Sohn des Ex-Kanzlers an seine Grenzen. Foto: agsb

Heinsberg. Hat Walter Kohl, ältester Sohn des Ex-Kanzlers Helmut Kohl, in Kindheit und Jugend mit seinen Eltern gelebt, oder ist er gelebt worden? Ist sein Bestseller „Leben oder gelebt worden” eine Abrechnung mit seinem bisherigen Leben?

Hier mit Ja oder Nein zu antworten, würde den rund 270 Seiten nicht gerecht. Davon sind zumindest die 120 Zuhörer der jüngsten Auflage von „Auf ein Wort mit?” in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede überzeugt. Hier stellte sich der Autor den Fragen von Rainer Herwartz, Leiter der Lokalredaktion unserer Zeitung.

Eine Abrechnung sei sein Buch nur für all diejenigen gewesen, deren Rezension schon eineinhalb Stunden nach Erscheinen seines Buches im Internet gestanden habe, konterte Kohl vehement auf Herwartz erste provokative Frage. „Eigentlich wollte ich gar kein Buch schreiben”, erzählte er von seiner Lebenskrise nach dem Tod seiner Mutter. In seinem Rückzug habe er zu seinem Glauben zurückgefunden, habe angefangen zu schreiben, sich zu einem Vortrag überreden lassen und schließlich dann zu diesem Buch.

Kohl machte überzeugend deutlich, warum ihm gerade der Untertitel des Buches so wichtig ist. „Schritte auf dem Weg zur Versöhnung”, lautet er. „Versöhnung ist nicht nur die Kraft, die Menschen zueinander führt, sondern auch die Kraft, die einen Menschen zu sich selbst bringt”, wiederholte er die zentrale Aussage des ganzen Buches. Seinen Zuhörern erklärte er diese Aussage mit dem Bild eines Baums. Wenn er vom Sturm umgerissen werde, sei die Frage, ob der Borkenkäfer komme oder aus dem Stamm ein neuer Baum wachse.

Die Herausforderung für den Menschen in der Krise sei, eine neue Sicht auf die Dinge zu gewinnen, um damit neue Wege gehen zu können. Aus seiner aktuellen Beziehung zu seinem Vater und dessen neuer Frau Maike machte der Kanzlersohn in diesem Zusammenhang kein Geheimnis. Sein Vater habe das Buch nicht lesen wollen. „Das verstehe ich, das ist nicht seine Denkweise.” Er respektiere diese Entscheidung, so der Sohn: „Leben und leben lassen!” Kritik? Kein Wort. „Was ich an Kritik habe, sage ich ins Gesicht, nicht ins Mikrofon.”

Zurück zu ihm: „Es wird schon nichts passieren!”, habe ihm als 13-Jähriger in der Zeit des RAF-Terrors Hanns Martin Schleyer drei Monate vor seiner Ermordung im Büro seines Vaters versichert. Der Mann habe ihm Mut gemacht. Nach dessen Tod habe er nichts mehr glauben können, kein Vertrauen mehr gehabt, auch kein Selbstvertrauen mehr.

Emotionalität des Vaters gegenüber dem Sohn einklagen? Nein, darauf gebe es keinen Anspruch, so Kohl. Sie sei ein Geschenk. Was hilft? „Das Erwartungslose ist der Schlüssel!” Und dann wischt er sich eine Träne weg, als er über sein Verhältnis zu seinem eigenen Sohn spricht, sehr emotional.

Es sei keine Schande, sich Gefühlen öffentlich zu stellen, hatte er schon zuvor betont und jeglicher so weit verbreiteten „Pseudo-Mir-Gehts-Gut-Mentalität” ihre Daseinsberechtigung abgesprochen. Dass er selbst in gewisser Weise aber auch stolz auf seinen Vater ist, vor allem auf dessen politische Leistungen, etwa in puncto Nato-Doppelbeschluss, verschwieg er nicht. „Ich bin stolz darauf, dass er mein Vater ist.”

Eindrucksvoll schilderte Kohl die Empfindungen seiner Kindheit als „anderer unter Gleichen”. Ein „bisschen anders” sei er gewesen, aber damit auch ein „bisschen angreifbarer”. Gehänselt und verprügelt worden sei er. Sogar die Lehrer hätten sich an ihm „abgearbeitet”. Und dazu die Isolation in Zeiten des RAF-Terrors, ein Privatleben in einem Hochsicherheitstrakt. „Und stellen Sie sich das vor in Oggersheim, so wie Heinsberg, ein netter Ort.” Das alles habe irgendwann zu Resignation geführt, zu einer „Schildkröte der Seele”, wie es Kohl beschrieb. „Irgendwann will man nicht mehr drüber reden”. Genau diese Sprachlosigkeit habe er jetzt überwunden.

Das Verhältnis zu seiner Mutter sei sehr eng gewesen, betonte er und beschrieb auf Nachfrage eines Zuhörers auch die Beziehung zu seinem Bruder als eine sehr gute, auch wenn er im Buch nicht vorkomme. „Privates ist immer gut, wenn es nicht voyeuristisch wird”, so sein klarer Kommentar dazu. „Ich muss die Welt, wie ich sie erlebt habe, in mein Leben integrieren!”, gab er dem Publikum zum Schluss des Gesprächs eine Lebensweisheit mit auf den Weg, die mit viel Applaus angenommen wurde.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert