Wahlen: Andere Sorgen nach dem Krieg

Von: Willi Erdweg
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Zeitzeugen im Gespräch (von links): Hedwig und Jakob Wolters, Hanns Heidemanns, Maria Körding, Maria Andermahr und Karin Klimmeck. Foto: Walter Brehl

Wassenberg. Dass Wählengehen wieder erlernt werden musste und Parteinamen wie CDU, SPD und FDP für die Wähler teilweise noch „böhmische Dörfer” waren, davon machen sich die Bürgerinnen und Bürger, die am 30. August zur Kommunalwahl gehen, keinen Begriff. Und doch war es so nach dem Krieg.

Unsere Zeitung hat in Wassenberg einen kleinen Kreis von Damen und Herren, alle über 80, versammelt, von denen sich einige noch an den ersten Bürgermeister erinnern können, einen Jesuiten-Pater namens Hähner, der im Januar 1945 durch die amerikanischen Besatzer eingesetzt wurde.

Bereits am 27. Juli habe es dann die erste Kommunalwahl gegeben, aus der Wilhelm Flecken als Bürgermeister hervorging. Besser präsent ist den Senioren jedoch die erste Bundestagswahl vor 60 Jahren, am 14. August 1949, an der alle teilnahmen. Um es gleich vorweg zu sagen: Die Menschen waren vier Jahre nach dem Krieg von dringenden persönlichen Sorgen beherrscht.

Es ging in erster Linie um den Aufbau der eigenen Existenz, erst in zweiter Linie um politische Interessen und politische Mitbestimmung. Um sich das zu vergegenwärtigen, muss man sich nur vorstellen, wie Wassenberg damals aussah: die Pfarrkirche und viele Häuser in Trümmern, das Rathaus ausgebrannt, die Webstühle der Heimweber zerstört, die Kreisverwaltung aus dem zerbombten Geilenkirchen nach Wassenberg ausgelagert.

In dieser Situation kam Hans Heidemanns (82) im Herbst 1949 nach Wassenberg zurück: „Man ging damals zur Wahl, weil man dazu angehalten wurde. Die Angehörigen sagten: Du musst wählen gehen. Doch ich hatte andere Sorgen. Mir ging es darum, einen Studienplatz zu bekommen.”

Maria Körding (88) berichtet: „Im April 49 kam mein Mann nach fünf Jahren aus russischer Gefangenschaft zurück. Für uns ging es darum, die Existenz neu aufzubauen, die Ersparnisse waren ja kaputt. Politisch haben wir uns sehr wenig mit den Dingen befasst, man hat gewählt, was alle wählten.” In Wassenberg konnte das damals - überwiegend jedenfalls - nur CDU sein. Die Prägung durch das Zentrum wirkte nach.

Maria Andermahr (89) Witwe des Wassenberger Architekten Will Andermahr, der sich um die Restauration von Wassenberger Baudenkmälern sehr verdient gemacht hat, hebt einen anderen Aspekt hervor: „Man musste wählen gehen, da sorgte schon der Pastor für, der von der Kanzel für eine christliche Orientierung warb.”

„Es war eine Sünde, wenn man nicht wählen ging”, ergänzt Jakob Wolters (87) der aus einer SPD-Familie stammt. Sein Vater war in den 50er Jahren Bürgermeister in Wassenberg. Er habe 1949 zum Sohn gesagt: „Geh wählen. Wir müssen eine eigene Regierung haben. Wir müssen selbst was zu sagen haben, und nicht nur die Engländer”. Jakob Wolters berichtet übrigens, dass er der dritte Wassenberger Soldat war, der 1945 aus dem Krieg zurückkam, nach Heinrich Willms und Heinz Burchardt.

Karin Klimmeck (85) weist darauf hin, dass nicht nur die Kirche, sondern auch die Wirtschaft ein Interesse daran hatte, dass die Leute „richtig” wählten. Im Gegensatz zu Hans Heidemanns, dem die damaligen Politikernamen Adenauer und Erhardt nichts besagten, waren ihr diese Namen schon ein Begriff. Sie denkt besonders dankbar an Ludwig Erhardt zurück, der der heimischen Wirtschaft wieder auf die Sprünge half und sich besonders für den Wiederaufbau von „Glanzstoff” in Oberbruch einsetzte.

Nicht unterschätzt werden darf, dass kurz nach dem Krieg die Jüngeren nur die zwölf Jahre NS-Zeit mit der Einparteienherrschaft der NSDAP kannten. „Für mich hatte der Name Partei einen negativen Touch. Man kann nicht sagen, dass die neuen Parteien mit Enthusiasmus begrüßt worden wären”, so Heidemanns. Das lag auch daran, dass sie weniger Möglichkeiten hatten, über die Medien zu wirken als heute. Das Fernsehen gab es damals noch nicht.

Vielmehr sei die Bindung an die einzelne Politikerpersönlichkeit anfangs stärker als an eine Partei gewesen, sagt Hanns Heidemanns. Karin Klimmeck lobt jedoch die oft gescholtenen Parteien, jedenfalls was die Startphase der bundesrepublikanischen Demokratie betrifft: „Der soziale Querschnitt in den Parteien war damals besser als heute”.
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