Vortrag: „Jugendsprache ist so etwas wie ein neuer Dialekt“

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Kreis Heinsberg. „Ey, Alter, isch geh Bus – Ist die deutsche Sprache noch zu retten?“ Provokativ war der Vortrag der Düsseldorfer Sprechwissenschaftlerin Dr. Marita Pabst-Weinschenk überschrieben, die auf Einladung des Vereins ­Mentor – Die Leselernhelfer Kreis Heinsberg ins Haus Basten in ­Geilenkirchen gekommen war.

Schon gleich zu Beginn konnte die Expertin ihr Publikum jedoch beruhigen. Schon Sokrates habe sich über die Jugend beschwert. „Sie hat schlechte Manieren“, zitierte sie ihn. „Sprache steht nie still, sie ist ständigen Wandlungen unterworfen“, erklärte Pabst-Weinschenk. „Aber immer das, was wir aktuell erleben, finden wir schrecklich.“

Was vor ungefähr 30 Generationen Walther von der Vogelweide, ein Lyriker des Mittelalters, aufgeschrieben habe, sei heute gar nicht mehr so einfach zu verstehen. Erzählungen seien chronologisch gewesen, ohne Rückblenden, wie sie in Romanen von heute zu finden seien, bis zur Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gensfleisch (genannt Gutenberg), im 15. Jahrhundert. Eine ganz neue Form von Nachrichten sei dann im 19. Jahrhundert während des amerikanischen Bürgerkriegs durch die Einführung des Telegrafen entstanden.

Ehemals festgezurrte Rechtschreibregeln seien heute „etwas gelockert“, fuhr die Referentin fort. So biete selbst der Duden heute oft zwei oder mehr Varianten an. „Eigentlich sind die Klagen über den Verfall der deutschen Sprache nichtig“, denn zu jeder Zeit habe es Initiativen zu einer bewussten Sprachpflege gegeben.

Heute gebe es in der deutschen Sprache viele Begriffe, die aus Latein und Griechisch, Französisch oder Slavisch entlehnt seien, aber zum Beispiel auch aus der arabischen Sprache (Kaffee) oder aus Jiddisch/Rotwelsch (Schlamassel). Nicht zu vergessen die vielen Anglizismen, auch „Denglisch“ genannt. Doch heute würde wohl niemand sein Laptop als „Klapprechner“ bezeichnen, oder das aus dem Griechischen übernommene Wort Elektrizität als „Blitzfeuer­erregung“, merkte die Referentin an. Schließlich gebe es da noch die modernen Abkürzungen oder die sogenannten Neologismen, die Neuschöpfung von Worten. Als Beispiele nannte sie die Begriffe „Besserwessi“ oder „Gammelfleisch“.

„Die Jugendsprache ist eigentlich so etwas wie ein neuer Dialekt“, beruhigte sie die Zuhörer wieder. Und die mündliche Sprache sei sowieso innovativer als die schriftliche, weil sie schneller umgesetzt werden könne. „Nix is fix“, so Pabst-Weinschenk in Bezug auf die gesprochene Sprache und ihre sozialen, funktionalen und regionalen Variationen. Viele Begriffe würden heute auch ganz anders genutzt als in früheren Zeiten. „Mit der Maus surfen“ habe noch in den 1960er und 1970er Jahren bedeutet, mit der Freundin aufs Surfbrett zu steigen.

Die Veränderungen von Sprache ergäben sich immer weniger geplant als vielmehr durch viele ­Einzelhandlungen. Von „sprachlichen Trampelpfaden“ sprach die Wissenschaftlerin in diesem Zusammenhang oder von der Theorie der unsichtbaren Hand. „Wir alle gemeinsam verändern unsere Sprache, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist“, so lautete das Fazit von Pabst-Weinschenk. „Übernehmen Sie Verantwortung! Jeder ist sein eigener Sprachpfleger.“

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