Vom Feld in Anatolien in den Streb auf Sophia

Von: Norbert F. Schuldei
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Stolz holt Cemal Genc die silb
Cemal Genc ist ein türkischer Arbeitsmigrant der ersten Stunde. Auch nach fast 50 Jahren in seiner neuen Heimat ist sein Deutsch noch immer sehr gebrochen. Stolz auf seine Kinder und Enkel, die es „zu etwas gebracht haben”. Foto: N. Schuldei

Hückelhoven. Cemal Genc ist mit sich, mit seiner Familie und mit seinem Leben allgemein ziemlich zufrieden. Vor mehr als 47 Jahren ist er aus seinem anatolischen Heimatdorf aufgebrochen, um in Deutschland-West ein neues Glück zu suchen. Nach Hückelhoven, das auch noch keine Stadt war, hat es ihn verschlagen, auf Sophia-Jacoba hat man ihm seinen Arbeitsplatz zugewiesen.

Im Laufe der Jahre und der ihm immer vertrauter werdenden Arbeit unter Tage hat er seine Familie aus Anatolien in seine neue Heimat nachkommen lassen. „Familie alles gut, Kinder alle gute Beruf, ein Enkel jetzt in England, ein Enkel Frankland,” sagt Cemal. „Wenn alle zusammen, viele sprechen kein türkisch”, lächelt er, als er das nachschiebt. Stolz in einer Stimme ist dabei nicht zu überhören. Fast ein halbes Jahrhundert lebt er nun schon hier - die deutsche Sprache ist ihm immer noch fremd. Sohn Ali, der es in Hückelhoven auch zum Stadtrat gebracht hat, hilft bei der Verständigung. Heimat, das ist Cemal Genc seine Familie.

Der heute 78-Jährige ist vor 50 Jahren, als der Erste aus seinem Dorf in die Ferne geht, Landwirt und beackert in der dritten Generation sein karges, von Generation zu Generation kleiner werdendes Stück Land auf anatolischem Feld. Und Cemal ist bauernschlau: Er wartet erst mal ab, bis der Auswanderer im Urlaub aus dem so fernen Deutschland zurück nach Hause in das 120-Seelen-Dorf kommt.

Als es soweit ist und der Mann mit einem Kofferradio am Ohr, einem merkwürdigen Hut auf dem Kopf, einem feinen Hemd am Leib, einer vornehmen Krawatte um den Hals und Hymnen auf das Land hoch im Norden singend vor ihm steht, ist für Cemal sonnenklar: Das musst du auch machen. Also nimmt er Stift und Papier und schreibt an das Amt in der Provinzhauptstadt Sivas: Ich will in Deutschland arbeiten.

1963 ist das. Die Bundesrepublik hat zwei Jahre zuvor, heute vor 50 Jahren also, auch mit der Türkei ein so genanntes „Anwerbeabkommen” unterzeichnet. Die Geldüberweisungen der Gastarbeiter, so die Überlegungen der türkischen Regierung, sollen das Handelsbilanzdefizit mit der Bundesrepublik mindern. Und überdies zu einem Rückgang der Arbeitslosenzahl in der Türkei führen, die durch ein rasches Bevölkerungswachstum hochgeschnellt ist. Gleiche Verträge mit Italien und Griechenland haben schon Jahre zuvor für die ersten „Gastarbeiter” im Westteil Deutschlands gesorgt: Die bundesdeutsche Wirtschaft, die so wundersam auf Touren gekommen ist, schreit nach Arbeitskräften.

Cemal Genc also bewirbt sich um einen Arbeitsplatz in Deutschland und bekommt ein Jahr darauf wie drei andere Männer aus seinem anatolischen Dorf tasächlich eine Einladung nach Ankara.

Das erste Zuhause

Dort muss er eine ärztliche Untersuchung über sich ergehen lassen, zwei Freunde werden in ihr Dorf zurück geschickt. Cemal aber fährt mit 70 anderen „Arbeitsmigranten” nach Istanbul. Dort teilt man die Männer ein: „Du Bergbau Duisburg, du Philips Aachen, du Opel Bochum...” Du Sophia-Jacoba, sagt man Cemal Genc, und er hört das Wort „Hückelhoven” zum ersten Mal. Über München, wo die künftigen Gastarbeiter noch einmal von deutschen Ärzten gecheckt werden, kommt er dann nach Hückelhoven. Sein erstes Zuhauses ist das Ledigenheim in Millich. Mit drei anderen Landsleuten teilt er sich dort das Zimmer.

Die Nase voll

Da der bilaterale Vertrag zwischen Deutschland und der Türkei lediglich einen zweijährigen Arbeitsaufenthalt der türkischen Arbeitskräfte vorsieht, gibt es keine Überlegungen oder Planungen für eine dauerhafte Ansiedlung der türkischen Zuwanderer. Anfangs ist es nur eine Handvoll Männer aus der Türkei, die nach Hückelhoven auf die Zeche geschickt werden. Aber 1996, da zählt die Stadt 38 000 Einwohner, leben bereits 3185 türkische Landleute an der Rur; heute sind es 2774.

40 Tage werden Cemal und seine Landsleute in der Bergberufsschule über die wichtigsten Regeln untertage aufgeklärt - dann geht es mit dem Förderkorb runter auf die Sohle. Als man ihm im Streb einen Pickhammer in die Hand gibt, da wird ihm ganz anders: „Ich viel Angst”.

Nach anderthalb Monaten hat er die Nase voll: Cemal will zurück in die Türkei. Sein Steiger hält ihn davon ab („Er sagt: Du nix Türkei, du bester Mann.”) Cemal lässt sich überreden und bleibt. 30 D-Mark Tageslohn bekommt er anfangs, er spart viel und schickt regelmäßig nach Hause.

Die große Sehnsucht

Das Heimweh allerdings wird mit jedem Brief, den er seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Anatolien schreibt, stärker. „Er schrieb sehr viel”, sagt sein Sohn Ali. „Ich habe die Briefe meiner Mutter immer vorlesen müssen.” Nach knapp drei Jahren im Ledigenheim in Millich wird die Sehnsucht zu groß: Cemal geht zurück in die Türkei zu seiner Familie.

Dort aber wird ihm nach kurzer Zeit klar, dass die Zukunft für ihn und seine Familie in Deutschland liegt. Er bewirbt sich erneut um einen Job bei Sophia-Jacoba - und man nimmt ihn gerne. Er sucht eine Wohnung Ratheim, und 1973 holt er seine Familie aus der Türkei zu sich nach Deutschland.

Die genutzte Chance

Cemal Genc hat das nicht bereut, auch weil seine Kinder die Chancen, die sich ihnen hier auftaten, genutzt haben. Stolz zieht er eine silberne Taschenuhr mit dem stilisierten Förderturm von Schacht 3 auf dem Deckel aus der Westentasche.

Die hat er von Sophia nach 25 Jahren Maloche auf der Zeche geschenkt bekommen. „Glück Auf!” steht da schwarz auf weißem Zifferblatt. Der „Arbeitsmigrant” Cemal Genc hat es in Hückelhoven gefunden, sein Glück.
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