VHS-Schnupperkurs: Gebärden haben eine eigene Grammatik

Von: Pia Wilbrand
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Die Gebärdensprache erfüllt alle Kriterien einer vollwertigen Sprache. Deshalb sehen sich Gehörlose vielmehr als Sprachminderheit, denn als gesundheitlich beeinträchtigt. Foto: ddp

Kreis Heinsberg. Man kennt das. Endlich ist der lang ersehnte Griechenlandurlaub gekommen, das Wetter ist schön, das Essen schmeckt und dann stellt man irgendwann fest: Ich kann mich mit den Landsleuten überhaupt nicht verständigen. Auf dieses Hindernis stoßen Gehörlose in Deutschland beinahe täglich.

Denn sie empfinden ihre Probleme in einer hörenden Umwelt weniger als Schwierigkeiten Behinderter, sondern eher wie die eines Deutschen in einem Urlaubsland, dessen Sprache er nicht kann. Gehörlose sehen sich also vielmehr als Sprachminderheit, denn als gesundheitlich beeinträchtigt.

Eine eigene Sprache hat die Gemeinschaft der Gehörlosen schließlich mit der Deutschen Gebärdensprache, die alle Kriterien einer vollwertigen Sprache erfüllt und von der Volkshochschule Heinsberg deshalb auch unter der Rubrik „Sprachen” geführt wird.

Ulla Louis-Nouvertné, ehemalige Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen im Projektbereich Gebärdensprache und Fachbereichsleiterin für Sprachen an der VHS, bietet zwei Schnupperkurse zum Thema Gebärdensprache an. Zum ersten Termin in Erkelenz kamen zwölf Frauen aus beruflichen Gründen oder „einfach nur mal aus Interesse”.

„Die meisten Leute denken daran, dass das größte Problem für Gehörlose ist, das Telefon nicht klingeln zu hören. Mit der Gehörlosigkeit gehen aber viel weitgreifendere Probleme einher”, erklärt Ulla Louis-Nouvertné.

Der Weg für ein gehörloses Kind, die Lautsprache zu erlernen, ist nämlich ein sehr steiniger. Ein hörendes Kind hat zu Beginn der Grundschule bereits einen passiven Wortschatz von etwa 19.000 Wörtern. Es kann manche Begriffe zwar nicht aktiv benutzen, würde sie in Gesprächen aber verstehen. Ein hörendes Kind war bis dahin in der Lage, viele Begriffe und Ausdrücke durch bloßes Zuhören zu erlernen.

Ein gehörloses Kind dagegen besitzt im gleichen Alter im Schnitt lediglich einen Wortschatz von 100 Wörtern. Es ist daher verständlich, dass es damit sehr viel schwieriger wird, die Lautsprache der Hörenden zu erlernen. Denn woher soll ein Kind wissen, wie ein Wort klingt, wenn es den Laut dazu nicht hören kann? Und wie soll so die Bedeutung eines Wortes vermittelt werden?

Ein weiteres Problem ergibt sich beim Sprechen. Der Klang der Sprache, die von uns erzeugten Laute, kontrollieren Hörende über ihr Ohr. Diese Fähigkeit geht mit der Gehörlosigkeit somit auch verloren.

„Viele Gehörlose haben auch noch nie ein ganzes Buch gelesen, weil zu viele Vokabeln unbekannt sind.” Denn ohne ausreichende Kenntnis der Lautsprache wird auch das Erlernen der Schriftsprache enorm erschwert. Filme mit Untertitel sind deshalb oft keine befriedigende Alternative.

Die Sprache seiner Umwelt nicht zu sprechen, bedeutet demnach, immer ein Stück weit von ihr ausgeschlossen zu werden. Die Gebärdensprache stellt für Gehörlose deshalb auch ein wesentliches Merkmal ihrer Kulturidentifikation dar. Mit ihr können sie Gedanken, Gefühle und Erfahrungen austauschen.

Die Gebärdensprache kann, wie die deutsche Lautsprache, auch Abstraktes darstellen und hat eine ganz eigene Grammatik. Innerhalb Deutschlands gibt es auch verschiedene Dialekte und international ist sie erst recht nicht.

„Gehörlose sind aber Kommunikationskünstler - die können sich schnell auf eine Sprache einigen”, erklärt Ulla Louis-Nouvertné. Namen werden zunächst zwar mit dem Fingeralphabet dargestellt, doch gibt es zu jedem, über den Gehörlose sprechen, auch Zeichen. Diese können durch äußerliche Merkmale oder Charaktereigenschaften bestimmt sein.
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