„Verordnete” Finsternis weckt Bürgerproteste

Von: Franz Windelen
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So lange der Mond und die Late
So lange der Mond und die Laternen um die Wette strahlen, fühlen die Menschen sich sicher. Doch wenn um Mitternacht das Licht ausgeht, breitet sich ein mulmiges Gefühl aus. Foto: Hamacher

Gangelt/Selfkant. Und es werde Licht. Viele Menschen wollen die Finsternis nicht hinnehmen, die ihnen die Kommunen in den Nachtstunden verordnen - um Strom und Geld zu sparen. Sie protestieren. Auch in Gangelt.

Dort hat der Haupt- und Finanzausschuss beschlossen, solange nachts die Laternen abzuschalten, bis man mit dem Ersparten die alte, kostenträchtige Straßenbeleuchtung durch LED-Technik ersetzen kann.

Dennoch: Die Kritik verstummt nicht. „Wann kommt das LED-Licht? Irgendwann, in unabsehbarer Zeit”, zweifelt Waltraud Moermanns an einer raschen Umsetzung. Die Hastenratherin hatte mit ihren Mitstreitern bereits vor Wochen in ihrem Dorf und im benachbarten Kievelberg 272 Unterschriften gegen die Abschaltung gesammelt - und Bürgermeister Bernhard Tholen übergeben.

Besonders verärgert sind die Einwohner der beiden Ortschaften nun darüber, dass der Ausschuss nicht dem Vorschlag des Bürgermeisters gefolgt ist, Hastenrath und Kievelberg zuerst das LED-Licht zu bringen, da diese Orte über eine sehr alte Beleuchtung verfügen. Rückendeckung hätte sich da Mechtilde Houben aus Hastenrath von ihrem Ortsvorsteher gewünscht: „Leider entschied er sich gegen den Willen seiner Bürger, die gegen die Dunkelheit protestieren.” Eine Dunkelheit, die den Einwohnern großes Bauchgrimmen bereitet.

Waltraud Moermanns versucht, die Brisanz aus ihrer Sicht anhand von Fakten greifbar zu machen: „Da muss der Beifahrer eines Rettungswagens mit einer Taschenlampe die Hausnummer suchen, einem Bestatter erging es ebenso. Frauen, die in der Früh zur Arbeit fahren müssen, haben Angst, zum Auto zu gehen.” Ein Feuerwehrmann sei orientierungslos in ein Erdloch gefallen. „Diese Vorfälle sind keine nächtlichen Toilettengänge, wie ein Ausschussmitglied ironisch zum Besten gab. Das sind Vorfälle, die sich in der arbeitenden Bevölkerung ereignen”, zeigt sich die Hastenratherin mächtig in Rage.

Mit Skepsis betrachten die beiden Damen den vom Ausschuss beschlossenen Arbeitskreis. Sie hoffen, dass dieses Gremium die Gangelter, speziell natürlich die Hastenrather Finsternis nicht in die Länge zieht, sondern rasch eine LED-Lösung findet - im Interesse der sich sorgenden Menschen.

Dass die Menschen im Mittelpunkt der kommunalpolitischen Entscheidungen stehen, bezweifelt Bernd Remarque. „Ich habe den Eindruck, dass die Wirtschaftlichkeit das Kriterium ist, und nicht das Bürgerinteresse.” Er und seine Frau Anne wohnen in der Pastor-Schleyer-Straße in Gangelt.

Auch sie haben Angst vor einer Kriminalität, die - wie sie bereits in den zurückliegenden Monaten festgestellt haben wollen - im Dunkeln besser gedeiht. Enttäuscht sind sie von der Informationspolitik der Gemeinde: „Man hätte die Bürger früher mit ins Boot nehmen müssen und nicht einfach das Licht abschalten dürfen.” Es ist nicht allein das Wegbrechen von Sicherheit, das Anne Remarque umtreibt: „Im Dustern geht auch ein Stück Lebensqualität, ja Zivilisation verloren.”

Ludwig Dohmen ist Birgdener, die dortige Bahnhofstraße wurde mit neuen Masten und Lampen ausgestattet. Die Maßnahme stößt bei ihm auf völliges Unverständnis: „Eine alte Laterne hatte zwei Röhren mit je 40 Watt, nachts wurde eine abgeschaltet. Die neuen Röhren mit neuem Vorschaltgerät haben 115 Watt. Nur: Die Wattleistung kann man nicht reduzieren. Jetzt wird komplett abgeschaltet.”

Das sei eine unsinnige, da teure Investition, vor allem auch weil auf LED-Technik umgerüstet werde. Auch Hubert Jütten erschließt sich der Sinn dieser Umrüstung nicht: „Das steht im krassen Widerspruch zum von der Gemeinde propagierten Klimaschutzkonzept.” Gangelt sei Teil der Freizeit-Region und rühre beim Fremdenverkehr mächtig die Werbetrommel. „Doch welcher Tourist möchte im Dunkeln durch das Dorf irren?”, gibt der Birgdener zu bedenken.

Die gleichen Probleme, die gleichen Sorgen, nur ein anderer Ort. Auch in Selfkant macht sich das Rumoren der Menschen wegen der nächtlichen Dunkelheit in Straßen und auf öffentlichen Plätzen breit.Im Unterschied zur Gemeinde Gangelt ist das Aufbegehren der Bevölkerung in Selfkant noch nicht Tagesordnungspunkt in den Ratsgremien gewesen. Was nicht ist, könnte jedoch werden.

Rund 300 Unterschriften nämlich haben die Einwohner von Havert, Stein und Millen-Bruch zusammengetragen - verbunden mit dem Appell an Bürgermeister Herbert Corsten, „im Sinne der gemeinschaftlichen Sicherheit” wieder die Lampen voll durchleuchten zu lassen. Marjo Vingerhoets aus Havert, Initiatorin der Unterschriften-Aktion, zeigt den Inhalt des Schreibens an den Bürgermeister. Ihm wird darin vorgeworfen, „leichtsinnig” mit der Sicherheit der Bürger umzugehen. Wenn man sich zu nächtlicher Stunde zu Fuß durch das Dorf bewege, habe man keine Chance, Menschen, die einem Böses wollen, rechtzeitig zu entdecken.

Nach Einschätzung von Marjo Vingerhoets ist die Zahl der Einbrüche deutlich gestiegen. Die Besitzerin eines Reithofes hat dies im eigenen Haus erfahren müssen. „In den vergangenen Monaten ist dreimal eingebrochen worden, außerdem gab es einen Diebstahlversuch”, bilanziert sie. Der Sachschaden, vor allem weil die Sattelkammer ausgeräumt worden ist, sei beträchtlich.

Jeannie Merkelbach, auch aus Havert, ist berufstätig und muss häufig um 1 Uhr raus: „Ich fahre zum Krankenhaus in Sittard. Im Dunkeln zum Auto gehen, nein, das ist ein mulmiges Gefühl.” Als Mutter liegt ihr auch der sichere Heimweg der Jugendlichen von der Disco am Herzen: „Ohne Licht ist der viel gefährlicher.”

Ilona Merkelbach, die auch in den Chor der Kritiker mit einstimmt, beruhigt zwar die Tatsache, dass bislang „noch nichts ganz Schlimmes” passiert ist, fügt aber im gleichen Atemzug und eher warnend hinzu: „Und das sollte sich auch nicht ändern.”

Von den Argumenten der Bürger, die sich wieder die Nachtleuchten herbeisehnen, ist inzwischen auch der Haverter Ortsvorsteher beeindruckt. Marjo Vingerhoets meint: „Der Ortsvorsteher denkt da mittlerweile auch anders.” Am Ende heißt es vielleicht doch: Und es wurde Licht.
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