Heinsberg/Geilenkirchen - Urteil im Prozess um verunglückte Taucherin soll am Montag fallen

Urteil im Prozess um verunglückte Taucherin soll am Montag fallen

Von: Dettmar Fischer
Letzte Aktualisierung:
16428770.jpg
Was im Juni 2013 an diesem Steg des Lago Laprello geschah, führte zu ausführlichen Plädoyers im Taucherprozess. Foto: defi

Heinsberg/Geilenkirchen. Mehr Fragen als Antworten warfen die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung im Taucherprozess auf. Nun ist das Schöffengericht am Amtsgericht Geilenkirchen unter Vorsitz von Richterin Corinna Waßmuth am Zuge. Für den kommenden Montag wird das Urteil erwartet.

Ob mit diesem Urteil endlich ein Schlussstrich unter den tragischen Tauchunfall gezogen wird, der sich im Juni 2013 am Lago Laprello in Heinsberg ereignet und zum Tod einer jungen Taucherin geführt hatte, dürfte unwahrscheinlich sein. Eine Revision beim Oberlandesgericht oder eine Berufung am Landgericht dürfte bei den konträren Auffassungen von Anklage und Verteidigung wohl unvermeidlich sein.

Staatsanwältin und Nebenklage forderten übereinstimmend eine Verurteilung des angeklagten Tauchlehrers wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Um ein gerechtes Urteil fällen zu können, muss man die Wahrheit kennen; doch wie sieht die aus? Was ist wirklich im trüben Wasser des Lago Laprello geschehen? Hatte der Angeklagte fahrlässig den Unfall und als Folge dieses Unfalls den Tod des damals 17 Jahre alten Mädchens herbeigeführt?

Das letzte Wort hatte nach den dreieinhalbstündigen Plädoyers der Vater der Verstorbenen. Er sprach in dieser sehr emotional aufgeladenen Situation den Angeklagten direkt mit dessen Vornamen an und forderte ihn auf, „. . . , Du hast einfach nicht aufgepasst, und das sollte Dir endlich klar werden.“ Der Angeklagte verzichtete auf sein Schlusswort und schloss sich lediglich den Ausführungen seines Rechtsanwaltes an. Verteidigung und Nebenklage hatten sich zuvor dermaßen beharkt, dass man den Eindruck gewinnen musste, dass es in diesem Prozess um mehr gehe, als um die Aufklärung eines Unfallgeschehens.

Das Wasser noch verlassen

Um viel Geld – von einer Million Euro war die Rede – geht es wohl in einem Zivilprozess, der vor dem Landgericht Aachen noch nicht abgeschlossen ist. Die Haftpflichtfrage scheint wohl noch nicht geklärt, und es könnte um Politik gehen – Verbandspolitik, wie einer der Anwälte der Nebenklage vermutete. Der Anwalt verwies darauf, dass ein Verteidiger als Justitiar beim Landesverband Deutscher Sporttaucher tätig ist.

Die Verteidigung zeigte sich ebenfalls streitlustig und sah eine „kritische Nähe“ eines Anwaltes der Nebenklage zu einem der beiden Gutachter im Verfahren. Dieser Sachverständige habe „ein beknacktes Gutachten“ abgegeben, meinte der Verteidiger. Er entwarf eine Hypothese zum Unfallgeschehen, die wiederum den Zorn der Nebenklage hervorrief. Diese Hypothese bezog sich unter anderem auf einen sogenannten Schleppanzeiger, der sich an der Ausrüstung des verunglückten Mädchens befunden hatte. Das analoge Gerät hatte eine Tauchtiefe der Verunglückten von 17 Metern angezeigt, während der Tauchcomputer des Angeklagten, der mit der Verunglückten getaucht war, nur eine Tauchtiefe von neun Metern aufwies.

Die Verteidigung mutmaßte, dass die verunglückte Taucherin auf eigene Faust tiefer abgetaucht sein könnte und der nun angeklagte Tauchpartner keine Möglichkeit gehabt habe, dies zu kontrollieren. Die Hypothese gipfelte darin, dass die Verunglückte das Wasser noch verlassen und erst später auf dem Holzsteg gestolpert, ins Wasser gefallen und verunglückt sein könnte.

Dreierlei spricht für eine Verletzung der Sorgfaltspflicht

Seltsam erschienen zumindest Anzeichen dafür, dass die Verunglückte ihre Taucherflossen selber abgenommen haben könnte, was wohl durch die festsitzenden Riemen im Wasser nur schwer zu bewerkstelligen gewesen wäre. Aus denselben Partikeln der Beweisaufnahme konstruierten Nebenklage und Staatsanwaltschaft die Schuld des Angeklagten. Staatsanwältin Telse Wagner-Schlömer verwies in ihrem Plädoyer auf drei Punkte, die eine Sorgfaltspflichtverletzung des Angeklagten belegten.

Erstens: Der Angeklagte habe den Atemregler der Verunglückten nicht ordnungsgemäß kontrolliert, sonst hätte er den Defekt feststellen und den Tauchgang nicht durchführen dürfen. Zweitens: Er habe nicht den notwendigen Kontakt zur Mittaucherin im trüben Gewässer gehalten. Drittens: Das Verhalten des Angeklagten, nachdem er die Mittauchterin aus den Augen verloren habe, sei nicht verantwortungsbewusst gewesen. Laut Tauchcomputer des Angeklagten seien sieben Minuten bis zum Bergungstauchgang vergangen.

Staatsanwältin Telse Wagner-Schlömer meinte zum Unfallgeschehen, dass ein Jurist es so ausdrücken würde: „Die der Situation innewohnende Gefahr hat sich realisiert.“ Auch wenn in 99,9 Prozent der Fälle nichts passiere, gebiete es doch die Sorgfaltspflicht, im Fall der Fälle zur Stelle zu sein. „Dann geht keiner mehr tauchen“, meinte ein im Gerichtssaal anwesender DLRG-Taucher, als er das geforderte Strafmaß der Staatsanwaltschaft vernahm. Auf das Urteil darf man gespannt sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert