Umsiedlung nur mit psychologischer Betreuung möglich

Von: Kurt Lehmkuhl
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Hat psychosoziale Aspekte der
Hat psychosoziale Aspekte der Umsiedlung beleuchtet: Angelika Göhl.

Erkelenz. Es gibt Themen, die lassen einen nicht los. So ergeht es auch Angelika Göhl, die für die Grünen im Erkelenzer Stadtrat kommunalpolitisch tätig ist und sich seit Jahrzehnten mit dem Tagebau Garzweiler II befasst.

Das „Loch” steht auch im Mittelpunkt ihrer Masterarbeit, die sie vor kurzem im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein vorgelegt hat.

„Seit meinem Umzug nach Erkelenz vor 25 Jahren beschäftigt mich dieses Problem”, sagt sie. Als sie mit ihrer damals jungen Familie nach Venrath zog, hatte es noch den Eindruck, als müsste auch dieser Ort den Braunkohlebaggern weichen. Da begann ihre kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Energiegewinnung, Umweltschutz, soziale Aspekte standen und stehen über viele Jahre im Mittelpunkt einer kontrovers geführten Diskussion, die auch durch die Leitentscheidung der Landesregierung und der Genehmigung des Braunkohleplans nicht beendet ist.

„Ich war und bin von der persönlichen Betroffenheit vieler Menschen erschrocken”, erläutert Göhl, die den Schwerpunkt auf das Soziale legte. Zwar gebe es das Gutachten zur Sozialverträglichkeit von Prof. Peter Zlonicky, doch habe diese grundlegende Arbeit nicht alle Aspekte berücksichtigen können. Darauf geht Göhl in ihrer Arbeit ein, die den Titel „Psychosoziale Aspekte eines sozialen Umsiedlungsprozesses am Beispiel des Tagebaus Garzweiler II” trägt.

„Meiner Kenntnis nach hat es nie eine wissenschaftliche Untersuchung zu den Belastungen der Bevölkerung und zu den möglichen Spätfolgen der Umsiedlungen gegeben”, meinte sie zu ihrer Motivation für dieses Thema, das zu der Frage führt: „Wie kann eine erzwungene Umsiedlung bewältigt und verarbeitet werden?” Im Rahmen ihrer Untersuchung hat Göhl nicht nur vorhandene Unterlagen ausgewertet, sondern auch Interviews mit Umsiedlungsbetroffenen geführt.

Oft kommt darin Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit, ein Gefühl der Hilflosigkeit vor. Es fallen Sätze wie: „Das ist das Schlimmste, was ich empfinde, diese neuen Orte, da hast du keinen Strauch, keinen Baum, keinen Vogel.” Das Ergebnis der Untersuchung ist im Prinzip nicht überraschend: Der Braunkohletagebau Garzweiler II bedeutet für die betroffene Bevölkerung eine massive Belastung, die sie ohne professionelle Hilfestellung nur eingeschränkt bewältigen kann. Und an dieser Hilfe hapert es.

Zum einen hat es keine - auch von Zlonicky geforderte - Untersuchung wahrend der Umsiedlungsphase gegeben, zum anderem käme sie jetzt für die Betroffenen zu spät. Diese hätten „ein Anrecht darauf, professionelle Unterstützung während ihres Umsiedlungsprozesses zu erfahren. Hier sollte kurzfristig ein Beratungsteam aufgebaut werden, das Fachleute der Bauberatung, der Finanzierungsberatung und auch Sozialarbeiter umfasst”. Göhl fordert auch eine psychologische Betreuung vor, während und nach der erzwungenen Umsiedlung. Die Kosten dafür müsse der Profiteur des Tagesbaus tragen, RWE Power.

In gewisser Weise profitiere der Konzern von der Mentalität der Menschen. „Sie tragen ihre Probleme nicht nach außen. Jeder versucht, seine Sache selbst zu regeln.” Davon müssten die Menschen abrücken; mehr als sie es jetzt schon teilweise tun , über Bürgerbeiräten und bei Versammlungen. „Wir müssen die Leute motivieren, ein Netz zu schaffen, um als eine Einheit aufzutreten.” Dann könne man auch besser eigene Ansprüche durchsetzen.

All diese Erkenntnisse sind nicht für das Bücherregal gedacht. Die Stadt Erkelenz will sich mit der Arbeit beschäftigen. Der Braunkohleausschuss bei der Bezirksregierung soll sich auf Anregung von Bürgermeister Peter Jansen damit befassen, und schließlich hat die Arbeit auch an der Hochschule die Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt, das schnell übersehen wird, wenn man nicht selbst davon betroffen ist.
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