Trotz Diabetes am Ball nicht zu stoppen

Von: Rainer Herwartz
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Der achtjährige Dominik (rech
Der achtjährige Dominik (rechts) ist stolz auf seinen großen Bruder Patrick, der in der Schweiz für Deutschland beim internationalen Junior Cup starten wird. Den Siegesschrei haben sie schon mal geübt. Foto: Herwartz

Heinsberg-Kirchhoven. „Mama, ich flieg in die Schweiz. Mamma, ich flieg in die Schweiz...” Claudia Lahann hat das Bild des übers ganze Gesicht strahlenden Patrick noch gut vor Augen. Denn gerade hatte der Elfjährige aus Heinsberg-Kirchhoven erfahren, dass er mit zehn anderen fußballbegeisterten Kids die deutschen Farben beim Junior Cup-Diabetes in der Schweiz vertreten wird.

Dieser internationale Wettbewerb findet vom 24. bis 26. August in Lausanne statt. Über 150 jungen und Mädchen aus 13 Nationen im Alter von acht bis zwölf Jahren treffen sich im Olympiastadion, um Weltmeister zu werden.

Neben dem Talent fürs Spiel mit dem runden Leder eint die Turnier-Teilnehmer, die aus Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kanada, Großbritannien, Irland, Deutschland, Italien, Ungarn, der Slowakei und der Schweiz anreisen werden, vor allem eines - sie leiden unter Diabetes I. Das bedeute, dass ihre Bauchspeicheldrüse entweder gar nicht oder nur unzureichend Insulin produziere, erläutert Claudia Lahann.

Acht Jahre alt sei Patrick gewesen, als seine Bauchspeicheldrüse den Job verweigerte. „Patrick war bei einem Fußballtraining, hat getrunken, getrunken, getrunken und sich dann gleich wieder entleert. Ich habe zuerst gedacht, er hätte sich die Blase erkältet.” Doch eine Untersuchung im Heinsberger Krankenhaus erbrachte ein anderes Ergebnis. In Patricks Körper war kaum noch Insulin nachzuweisen. In der Kinderklinik in Rheydt wurde die Diagnose bestätigt. Fortan hieß das für den quirligen linken Verteidiger beim SSV Blau-Weiß Kirchhoven, dass er nun nicht nur die gegnerischen Angriffe auf dem Spielfeld abwehren, sondern auch sein junges Leben verstärkt schützen musste. Sieben Mal am Tag eine Spritze setzen, für Patrick wurde es zum Alltag.

„Am Anfang war es etwas schwierig für Patrick, weil die Eltern der anderen Kinder Angst hatten, ihn einzuladen, da sie nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten”, sagt Claudia Lahann. Doch das ist Geschichte. Eine Ärztin aus der Kinderklinik in Rheydt habe damals eigens die Grundschule von Patrick besucht, um bei Kindern und Lehrern Aufklärungsarbeit zu leisten. Praktisch sei in diesem Fall auch, dass einer von Patricks Trainern beim SSV Blau-Weiß selbst an Diabetes I leide und daher immer ein wachsames Auge auf seinen Verteidiger habe.

Daran, dass seine Ernährung umgestellt wurde und er immer die Kohlenhydrate ausrechnen muss, hat sich der Elfjährige, der mittlerweile die Realschule im Klevchen besucht, längst gewöhnt. Doch mächtig gefreut hat er sich, als Anfang des Jahres endlich das leidige Spritzen ein Ende fand. „Patrick hat im Februar eine Insulinpumpe von Medtronic bekommen”, sagt seine Mutter.

Und um gleich zu zeigen wies funktioniert, lupft dieser sein T-Shirt. Jetzt führt ein dünner Schlauch das lebenswichtige Insulin nach Bedarf in den Bauch. Das dazugehörige Pümpchen, ein wenig dicker als ein Handy, trägt Patrick in der Hosentasche. Beim Fußballspielen kann er die Pumpe sogar abnehmen. Seine Klassenkameraden wissen alle, dass Patrick Diabetes hat. „Sie akzeptieren mich so wie ich bin”, sagt er selbstbewusst. Und dass er jetzt zum internationalen Junior Cup reise, fänden alle toll.

Im Mai hatten sich die Initiatoren von Medtronic telefonisch gemeldet und gefragt, ob Patrick Interesse hätte, an einem Sichtungsturnier in Bad Soden bei Frankfurt teilzunehmen. In acht Mannschaften wurden die jungen Fußballer bunt zusammengewürfelt. In zehnminütigen Spielen traten alle gegeneinander an bis am Ende nur noch 22 Spieler für das Finale übrigblieben. Patrick gehörte zum Siegerteam, das den Finalgegner mit 7 : 1 regelrecht vom Platz fegte.

Natürlich flossen bei den Verlierern auch so ein paar Tränchen. „Es waren tolle Kinder am Start, die sich ja alle nicht kannten, aber gleich aufeinander zugegangen sind”, erzählt Claudia Lahann. Mittlerweile hat sie ihrem Sohn übrigens längst gestanden, dass sie schon vor den letzten beiden Spielen wusste, dass er zu den Auserwählten gehören würde. Unbeabsichtigt hatte die Mama nämlich ein Gespräch zwischen Jury-Mitgliedern belauscht und den Satz aufgeschnappt. „Der Kurze dahinten mit der Brille, der kommt auf jedenfall weiter.” Als sie sich umdrehte, stand da nur ihr Patrick.

Egal ob der kleine Kirchhovener Kicker nun mit seinem Team in Lausanne den Titel gewinnen sollte oder nicht - eines steht schon fest. Fußballprofi will er nicht werden. Nein, Patrick liebt Tiere über alles und träumt davon, Tierpfleger im Zoo zu sein. Ein wenig habe da wohl auch die Giraffe Fine aus dem Kölner Zoo bei der Entscheidung eine Rolle gespielt. Denn sie hat auch Diabetes.
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