Tihange: „Wir können uns nicht schützen“

Von: Thorsten Pracht
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Information, Diskussion und die Feststellung, dass ein Atomunfall den Katastrophenschutz wohl vor unlösbare Aufgaben stellen würde. Im Geilenkirchener Bürgertreff hatten die Grünen zum Stadtgespräch über Tihange geladen. Foto: Markus Bienwald

Kreis Heinsberg. „Man kann sich besser vorbereiten oder schlechter vorbereiten. Aber es gibt keinen Schutz.“ Oliver Krischer brachte den Montagabend im Geilenkirchener Bürgertreff auf den einen zentralen Punkt. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete aus dem Kreis Düren war einer von vier hochkarätigen Gästen beim Stadtgespräch der Geilenkirchener Grünen zum Thema Tihange.

Drei Stunden wurde über das „Was wäre wenn“ geredet. Danach war allen klar: Ein Reaktorunfall im benachbarten Belgien sollte besser nie eintreten.

Jörg Schellenberg, Sprecher des „Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie“, erklärte den Zuhörern – es waren viele Kommunalpolitiker erschienen – die Ausgangslage. „Alter und Wartungszustand sind Probleme aller belgischen Atomkraftwerke“, sagte er. Bei den Blöcken Tihange 2 (bei Lüttich) und Doel 3 (bei Antwerpen) komme hinzu, dass es im Reaktordruckbehälter, „dem Herzstück und wichtigsten Bauteil“ Tausende Risse mit einer Größe von bis zu 18 Zentimetern gebe.

„Die Reaktoren entsprechen nicht den üblichen Richtlinien, das gibt auch die belgische Atomaufsicht zu“, fügte Schellenberg an. Ziemlich regelmäßig komme es zu Notabschaltungen. Das solle aber niemanden beruhigen: „Wenn Reaktoren sich abschalten, ist das genauso wenig ein Zeichen für Sicherheit wie eine Notlandung bei einem Flugzeug.“

Dr. Wilfried Duisberg ist Allgemeinmediziner und als Mitglied der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung“ gefragter Referent. Er vermochte nur temporär für Entspannung zu sorgen: „Die Strahlenmenge, die im Kreis Heinsberg ankommt, löst keine akute Strahlenkrankheit aus. Also nicht panisch werden“, riet der Mediziner. Wer sich ins Auto setze und der Wolke davonfahren wolle, wähle die falsche Taktik. „Der sicherste Ort zu Beginn eines GAU ist ein geschlossenes Gebäude.“

Er hatte weitere praktische Tipps für den Fall des Strahlenalarms: Jodtabletten helfen, aber nur bei sehr frühzeitiger Einnahme, eine Atemmaske des Typs FFP3 erfüllt ebenfalls ihren Zweck, auf frische Nahrungsmittel verzichten und solche verwenden, die vor dem Unfall hergestellt wurden. Über den praktischen Nutzen dieser Ratschläge sollte noch zu sprechen sein.

Oliver Krischer trägt das Thema Atomkraft als stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion häufig vor. „Es ist gut, dass die Frage nach dem Umgang mit Tihange jetzt auf der Berliner Bühne angekommen ist“, sagte er. Allerdings fehle ihm bis heute, dass der Bund den betroffenen Nachbarländern „klar die Meinung sagt, denn um uns herum steht ein halbes Dutzend hochproblematischer Anlagen“ und zwar nicht nur in Belgien.

Dafür sei Belgien das einzige EU-Land, mit dem Deutschland kein Atomabkommen geschlossen habe, das den Austausch von Informationen und Messwerten vorsehe. Es sei jetzt die Aufgabe, politischen Druck auf das Land zu machen und Alternativen zur Atomkraft aufzuzeigen. Warum die in Belgien eine große Rolle spielt, weiß Krischer: „Der Betreiber Electrabel verdient damit ein Schweinegeld.“

Stephan Pusch, Landrat des Kreises Heinsberg, müsste bei einem Störfall den Katastrophenschutz zwischen Übach-Palenberg und Wegberg koordinieren. Und Pusch machte gar keinen Hehl daraus, dass diese Aufgabe eigentlich nicht vorzubereiten ist. „Atomkraft kann man nicht in Katastrophenschutzszenarien planen“, stellte der Landrat fest. Natürlich seien im Kreis alle amtlichen Vorgaben erfüllt. „Trotzdem möchte ich mir den Ernstfall nicht ausmalen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Strahlenmessungen und Informationen die Bevölkerung beruhigen werden“, mutmaßte der Landrat.

Es begann eine Diskussion, die alle Unwägbarkeiten zutage förderte. Beispiel Jodtabletten: Die lagern im Heinsberger Kreishaus, müssten aber drei Stunden vor dem Kontakt mit Radioaktivität eingenommen werden, um ihre optimale Wirkung zu entfalten. Es ist utopisch, diese Tabletten selbst bei minimaler Vorwarnzeit rechtzeitig zu verteilen. „Die Tabletten gehören dem Land NRW. Soll ich jetzt entscheiden, sie direkt in Schulen und Kindergärten zu lagern?“, beschrieb Pusch das Dilemma. Immerhin, riet Duisberg, könne man sich in der Apotheke selbst Jodtabletten zulegen.

Oder die von Duisberg vorgeschlagenen Atemmasken FFP3. Mit ihnen könnte man sich im Freien bewegen – es gibt aber keine für Kinder. Und überhaupt: Würde der belgische Betreiber bei einem GAU überhaupt zeitnah informieren? „Facebook und Google werden es vor unseren Behörden wissen“, stellte Schellenberg in den Raum. „Es gehört zur Atomtechnologie, dass nicht mit offenen Karten gespielt wird“, fand Duisberg.

Nur gestreift wurde an diesem langen Abend die Frage der Spätfolgen. „Die Stadt Fukushima ist 60 Kilometer vom zerstörten Atomkraftwerk entfernt und heute in weiten Teilen unbewohnbar“, berichtete Krischer. Sollte die Bodenstrahlung im Kreis irgendwann den Grenzwert überschreiten, obliege es laut Duisberg Stephan Pusch, die Umsiedlung anzuordnen. Gegen 22 Uhr hatte der Landrat endgültig festgestellt, was da auf ihn zukommen würde. „Ich nehme heute einige Dinge mit, bei denen ich in meinem Haus nachhaken werde. Wir werden Herrn Duisberg zu uns in den Krisenstab einladen.“

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