Tierschützer wollen den Schenkelbrand beim Pferd abschaffen

Von: Norbert F. Schuldei
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Im Pferdepass steht alles übe
Im Pferdepass steht alles über das Pferd - hier ist es der neunjährige Holsteiner Chrissimo, - drin, was man wissen muss. Zusammen mit dem Brandzeichen ist das als Identifikation völlig ausreichend, sagt der Reitheimer Stallbesitzer. Der Chip ist für ihn „Geldmacherei”. Foto: N. Schuldei

Hückelhoven. Unter Tierschützern und Pferdefreunden ist eine im wahrsten Sinne des Wortes heiße Diskussion entbrannt: Brandzeichen oder Chip? Die Europäische Union hat zur einwandfreien Identifikation von Pferden den Mikrochip eingeführt, in Dänemark beispielsweise sind deshalb seit 2009 Brandzeichen verboten.

Die Bundesregierung hat sich noch nicht zu einer Entscheidung durchgerungen; zunächst sollen neue Gutachten Aufschluss darüber geben, was für das Tier weniger schmerzhaft ist: der Schenkelbrand oder das Chippen. Darüber hat sich unter Pferdefreunden ein Glaubenskrieg entzündet.

„Mein Pferd wäre mir ewig sauer gewesen, wenn ich es noch einmal gebrannt hätte”, sagt Nadine Classen. Ihr Pferd, das ist der neunjährige Rheinländer Roxaner, mit dem sie im Reitverein St. Gereon Brachelen aktiv ist. Auch Roxaner wurde als Fohlen der Brennstempel mit den beiden Elchschaufeln inklusive einer zweistelligen Nummer als Markenzeichen des Züchters und Verbandes für eine Sekunde auf das Fell der linken Hinterhand gehalten. Weil das Zeichen im Laufe der Jahre herausgewachsen war, musste das Pferd neu gekennzeichnet werden. Nadine Classen entschied sich für das Chippen.

Dabei wird dem Pferd ein sogenannter Transponder, ein reiskorngroßer Mikrochip, mit einer Kanüle als Implantat in den oberen Halsrand tief ins Gewebe gesetzt. Jeder Chip enthält einen 15-stelligen Code, der mit einem speziellen Lesegerät identifiziert werden kann. „Roxaner wird noch immer nervös, wenn er eine Spritze sieht”, sagt Nadine Classen. So ganz ohne scheint also auch diese Methode der Kennzeichnung nicht zu sein.

40 Pferde mit Brand im Stall

„Ich habe hier 40 Pferde mit Brand stehen”, sagt Willi Schreinemacher beim Gang durch seine weitläufigen Stallungen in Ratheim. „Außerdem hat jedes Pferd einen Pass, in dem alles akribisch aufgelistet ist: Herkunft, Impfungen, Färbungen, alles. Und wenn ich jetzt mit so einem Tier die paar Meter rüber nach Holland fahre, dann braucht es zusätzlich noch einen Chip. Hat das Pferd keinen, kommt es in Quarantäne. Da kannst du so viele Pässe haben, wie du willst.” Das sei doch... Schreinemachers macht mit den Händen vor den Augen Wischbewegungen. Klar, was er meint.

Na gut, das sind die bürokratischen Hindernisse, die neben dem Parcours aufgestellt werden. Aber die Argumente der Tierschützer, das Einbrennen des Mals sei für die Pferde mit sehr viel mehr Schmerzen verbunden als das Chippen - wie stehts damit? „Schmerzen beim Brand? Quatsch!”, sagt Jürgen Küppers. Der ist immerhin seit 50 Jahren Mitglied im Reit- und Fahrverein Ratheim von 1951, der Mann hat also Ahnung von Pferden („Wenn man einmal dran gerochen hat, kommt man nicht mehr davon los”), sollte man meinen.

Ob die Tiere bei der einen oder der anderen Methode mehr oder weniger Schmerzen empfinden, wie will man das messen? Pferde können weder reden noch laut aufheulen. „Wenn dem Fohlen, das ja dann noch bei der Mutter, also nur wenige Wochen alt ist, das Brandeisen aufgesetzt wird, dann springt es und erschrickt sich kurz - das wars dann aber auch”, sagt Küppers. Und außerdem: „Man macht das heute auch schon mit einem Eisen und flüssigem Stickstoff, der auf minus 80° Celsius abgekühlt ist”, sagt Küppers. Kaltbrand nennt man das. „Aber”, schiebt er hinterher, „es gibt Leute, die sind gegen alles”.

„Beim Chippen”, sagt Andrea Schophoven, „können leicht Entzündungen entstehen. Das gibt dann solche Beulen am Hals des Pferdes.” Die Handbewegung, die sie dabei macht, ist nicht zu übersehen. Die aktive Springreiterin aus Wassenberg sieht überdies auch ein ganz praktisches Problem, das das Implantat mit sich bringt: „Die holländischen Chips sind anders als die, die wir einsetzen. Die können wir mit unseren Geräten gar nicht lesen. Und die Dänen haben wieder andere Chips.” Für Willi Schreinemacher reduziert sich nicht zuletzt deshalb die ganze Diskussion auch auf ein Wort: „Geldmacherei.”

So ähnlich sieht das auch Udo Lamberti aus Hückelhoven: „Das ist ne finanzielle Sache, sonst nix.” Lamberti ist als Vorsitzender des Sportausschusses und CDU-Stadtverordneter nicht nur Pferdefreund, sondern auch Politiker. Die haben vor kurzem das Pferd als ziemlich lukrative Einnahmequelle entdeckt: In klammen Kommunen sollen demnächst 750 Euro pro Jahr und Tier fällig werden. Der Gaul als Goldesel sozusagen. Aber daran denken auch ganz arg gebeutelte Gemeinden im Kreis Heinsberg derzeit (noch) nicht.
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