Heinsberg - Stets Alkohol und Drogen bei Jugendgewalt im Spiel

Stets Alkohol und Drogen bei Jugendgewalt im Spiel

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
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Sie haben noch viel Zeit, über ihre Taten nachzudenken: (von links) Daniel (22), Daniel (20), Mario (21) und Carlo (21). Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Freundlich sind sie, höflich - mit einem neugierigen, vielleicht etwas unsicheren Lächeln betreten die vier jungen Straftäter den Besprechungsraum ihres Gefängnistraktes in der JVA Heinsberg.

Die glatten, unverbrauchten Gesichter lassen kaum vermuten, dass sich gerade vier Gewalttäter mit Verurteilungen von insgesamt über 22 Jahren auf der schwarzen Ledercouch niederlassen.

Das Register ihrer Straftaten reicht von der gefährlichen Körperverletzung über die räuberische Erpressung bis hin zum Totschlag. Was jeder im Einzelnen auf dem Kerbholz hat, soll jedoch an diesem Nachmittag nicht das Thema des Gespräches sein. Vielmehr geht es um die Frage, was die jungen Männer, alle um die 20, in der Vergangenheit zur Gewalt greifen ließ.

Eine Entwicklung, die sich unter den Jugendlichen wie ein schleichendes Gift zu verbreiten scheint. Der in den Medien geschilderte Fall der kleinen Kassandra oder das tragische Ende eines couragierten Unternehmers an einer Münchener S-Bahn sind nur die Spitze eines Eisbergs.

„Ich glaube, dass der Alkoholkonsum und die Drogen mit schuld waren. Ich hab´s ausprobiert und war davon begeistert. Am Ende war es eine Sucht.” Alkohol- und Drogenmissbrauch spielten offenbar nicht nur bei dem 22-jährigen Daniel eine Rolle. Auch seine Mithäftlinge werden dies später zur Begründung ihrer Taten ins Feld führen.

Neben dem Wunsch sich zuzudröhnen, komme es allerdings auch darauf an, „mit welchen Leuten man rumhängt”, erklärt Daniel, der schon seit zwei Jahren einsitzt und zu sechseinhalb Jahren verurteilt wurde. „Wenn es gewaltbereite sind, neigt man auch dazu, gewaltbereit zu sein.” Auch das werden seine „Knastkollegen” ähnlich sehen.

„In der Gruppe lernt man schnell, dass einem einer nicht mehr auf den Sack geht, wenn man ihm aufs Maul haut”, bringt es Daniels zwei Jahre jüngerer Namensvetter in der für die Jugendlichen typischen Sprache auf den Punkt. „In der Gruppe pusht man sich gegenseitig hoch. Damals war ich stolz darauf, einer Gruppe anzugehören, die gefürchtet war. Heute ist das für mich nur noch Kinderscheiße.”

Der 21-jährige Mario, ein begeisterter Fußballspieler, dessen Zukunft nach eigenem Wunsch eigentlich im Profisport statt im Knast münden sollte, relativiert die Aussagen seiner Vorredner: „Es kommt natürlich nicht nur auf die Freunde an, sondern auch auf einen selbst.” Wenn man Alkohol trinke, fühle man sich irgendwie dazugehörig, sucht er nach einer Beschreibung der Gefühle. Schon in seiner Hauptschulzeit und später in der Lehre zum Maler und Lackierer habe er getrunken, auch während der Arbeit. „Nur im alkoholisierten Zustand habe ich immer Scheiße gebaut.”

Als der 21 Jahre alte Carlo seinen kriminellen Werdegang beschreibt, lässt einen die geschliffene Rhetorik des jungen Mannes, der wie die übrigen die Hauptschule besuchte, erstaunen. Ohne weiteres würde man ihm den Gymnasiasten abkaufen. „Bei mir waren es definitiv die falschen Freunde”, sagt er zu seinem Abdriften in die Gewalt. „Aber es muss nicht immer in der Gruppe geschehen. Der Grund war Dummheit. Ich habe mich zu Dingen verleiten lassen, zu denen es in nüchternem Zustand nie gekommen wäre.”

Ohne etwas zu beschönigen fährt er fort: „Ich kann mich an eine Phase in meinem Leben erinnern, da hat mir das sogar Spaß gemacht; da habe ich den Ärger sogar gesucht. Heute weiß ich, dass ich das nicht mehr brauche, um mich gut zu fühlen. Ich sitze schon so lange und hatte viel Zeit, über mein Leben nachzudenken. Man lebt hier ja in der Vergangenheit und kommt oft ins Grübeln.”

Mittlerweile durchlaufen die anscheinend geläuterten jungen Männer in der JVA Heinsberg Ausbildungen vom Maurer über den Teilezurichter bis zum Schweißer. Ein Bestandteil der Maßnahmen zur Wiedereingliederung. Wenn ihre Zeit hinter den meterhohen Betonmauern vorüber ist, sollen Gewalt und Brutalität in ihrem Leben für immer der Vergangenheit angehören.
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