Sterbehilfe-Debatte: „Wir helfen nicht dabei, dass sie sich töten“

Von: Udo Stüßer
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In der letzten Phase des Lebens bieten die ViaNobis-Mitarbeiter eine 1:1-Betreuung rund um die Uhr. Beihilfe zur Selbsttötung wird strikt abgelehnt. Foto: stock/epd
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Josef Aretz (links) und Thomas Hoff sagen ganz klar: „Im Katharina Kasper-Heim wird es keine Sterbehilfe geben.“ Foto: Udo Stüßer

Gangelt. Wenn Diakon Thomas Hoff die Debatte im Bundestag über Sterbehilfe verfolgt, verspürt der Seelsorger und Ordensvertreter der Katharina Kasper ViaNobis GmbH in Gangelt angesichts mancher Standpunkte mehr als Verärgerung: „Mit uns nicht! Wir werden keine Tötungen vollziehen, wir werden auch keine Hilfe zur Selbsttötung geben. Egal, wie sich die Rechtslage entwickelt“, sagt er.

Auch Josef Aretz, Leiter des Katharina Kasper-Heimes, eine Altenhilfeeinrichtung der ViaNobis in Gangelt, sagt: „Wir begleiten Sterbende in der letzten Lebensphase und lassen sie in ihren letzten Stunden nicht alleine. Aber wir helfen nicht dabei, dass sie sich töten.“

Gesetzesentwürfe

Über vier Gesetzesentwürfe zur Sterbehilfe wird in Berlin diskutiert, im Herbst soll abgestimmt werden. Im Mittelpunkt der Debatte steht der sogenannte assistierte Suizid, bei dem einem Sterbewilligen ein todbringendes Medikament überlassen, aber nicht verabreicht wird. „Wir sollten uns keine Gedanken darüber machen, wie wir einen Sterbenden möglichst schnell und unkompliziert ins Jenseits befördern. Wir sollten vielmehr unsere Energie darauf verwenden, die Frage zu beantworten, wie wir einen Sterbenden bestmöglich palliativ versorgen können“, sagt Hoff. Mit dieser Meinung steht die ViaNobis sicherlich nicht alleine da. Anlässlich der ersten Lesung der Gesetzesentwürfe zur Suizidbeihilfe im Bundestag hat sich die Dernbacher Gruppe Katharina Kasper mit neun weiteren großen katholischen Krankenhausträgern gegen ärztliche und jede weitere Form der geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid positioniert. Das Bündnis vertritt 394 Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen in Deutschland, in denen jährlich rund 1,6 Millionen Patienten, Klienten und Bewohner von knapp 70 000 Mitarbeitern versorgt werden. In der Erklärung unter dem Titel „An der Seite des Lebens“, die allen Bundestagsabgeordneten zugegangen ist, fordert das Bündnis eine Stärkung der hospizlichen und palliativen Versorgung und wendet sich entschieden gegen alle Formen der geschäftsmäßig organisierten Sterbehilfe und Suizidbeihilfe.

Die Gangelter Thomas Hoff und Josef Aretz wissen ebenso wie die zehn großen Krankenhausträger, dass auch bei bester Betreuung und bei einer professionellen palliativen Begleitung Menschen in schwierigen Fällen den Wunsch haben, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Aber: „Unsere Mitarbeiter haben sich für einen heilenden, helfenden, pflegenden Beruf entschieden, der dem Leben dienen will und nicht dem Sterben. Sie sollen sich als Begleiter der ihnen anvertrauten Menschen fühlen und nicht als Vollstrecker einer gebilligten Tötung“, erklärt der Diakon.

Für ihn geht die Debatte häufig am Problem der Betroffenen vorbei. Wolle jemand, so sagt der Seelsorger, „so nicht mehr leben“, könne man dank guter palliativmedizinischer Versorgung an dem „so“ etwas ändern. „So“ nicht mehr leben wollen heiße nicht automatisch sterben. Dazu erklärt Josef Aretz: „In der letzten Phase des Lebens bieten wir durch Mitarbeiter und Ehrenamtler eine 1:1-Betreuung rund um die Uhr. Es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, das Ende des Lebens zu begleiten.“

Die palliative Versorgung, so fordert der Leiter des Altenheimes, müsse verbessert werden. Hoff sieht beim assistierten Suizid eine große Gefahr: „Wird der assistierte Suizid legalisiert, wird es nicht bei den vermeintlich begründeten Einzelfällen bleiben. Wenn der Weg zum schnellen Exit im Angebot ist, wer nimmt dann noch den normalen Weg? Wer nimmt das normale Sterben in Kauf?“

Gesellschaftliche Bequemlichkeit

Dabei verweist Hoff auf die Entwicklung in Belgien: Im Jahr 2002 sei der assistierte Suizid legalisiert worden. Bis zum Jahr 2013 sei die Zahl der assistierten Suizide von ursprünglich 235 auf 1432 Fälle angestiegen.

„Im Jahr 2013 waren fünf Prozent aller Todesfälle assistierte Suizide“, weiß Hoff und verurteilt eine „gesellschaftliche Bequemlichkeit“. Dem Betroffenen werde die Wahlmöglichkeit eröffnet, sich zwischen dem schnellen und „gesellschaftlich bequemen“ Tod oder der Alternative zu entscheiden, sich auch mit Leid und Sterben seinen Mitmenschen zuzumuten. Josef Aretz sagt dazu: „In Pflegeheimen gehen Wünsche, dass das Leben bald zu Ende gehen soll, nicht zwingend von den Bewohnern aus, sondern das sind Stimmen aus dem Umfeld. Diese Lebensbewertung innerhalb der Gesellschaft übt Druck auf die Bewohner in Altenheimen und deren Angehörige aus.“ Hoff fügt hinzu: „Der häufige easy exit wird dazu führen, dass der alternative Weg, das Sterben palliativmedizinisch, pflegerisch und seelsorgerisch professionell begleitet anzunehmen, kaum mehr als echte Alternative angesehen wird.“ Deshalb lautet seine klare Forderung: „Wir sollten die palliative und hospizliche Versorgung weiter verbessern und voranbringen. Dies würde entscheidend dazu beitragen, den Menschen die Angst vor der letzten Lebensphase und vor dem Sterben zu nehmen.“ Es gelte, das Sterben zu „entschrecklichen“ und gutes, würdevolles Sterben zu ermöglichen.

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