Sparkassen-Gespräche: „Wer trägt die Verantwortung?“

Von: anna
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Im Dialog: Thomas Pennartz (r.), Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg, hieß als ersten Referenten der Sparkassen-Gespräche 2016 Prof. Dr.Ludger Heidbrink willkommen. Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. „Wer trägt die Verantwortung?“ Antworten auf diese Fragestellung sucht die Kreissparkasse Heinsberg in ihren Sparkassen-Gesprächen 2016. Erster Referent zu diesem Thema war Prof. Dr. Ludger Heidbrink, Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. „Wer ist wofür zuständig? Verantwortung und ihre Grenzen“: So hatte er seinen Vortrag überschrieben.

Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, ließ noch einmal Stichworte der vergangenen Gesprächsreihen Revue passieren und wandte sich dann der neuen Thematik zu. Heidbrink sei ein Wissenschaftler, der sich dem Stichwort Verantwortung mit praktischer Philosophie und einem Blick auf die Ethik eines Unternehmens nähere, so Pennartz.

Nach der Präsentation aktueller Werbeaussagen mit dem Stichwort Verantwortung stellte Heidbrink bekannte Persönlichkeiten wie Martin Winterkorn oder Wolfgang Niersbach mit Aussagen zum Rücktritt aus ihren Ämtern vor. Mit Blick auf die Begründung Winterkorns zog er schon zu Beginn seines Vortrags ein erstes Fazit: „Er übernimmt die Verantwortung, er trägt sie aber nicht.“

Die Verantwortung sei über ihre Ufer getreten, so die Erklärung des Wissenschaftlers. In ihrem ursprünglichen Begriff an ein Individuum gekoppelt, werde sie heute auf Kollektive, Organisationen, Netzwerke und Systeme übertragen.

So entstehe eine globale Verantwortungsgesellschaft, in der die Rede von Verantwortung allgegenwärtig, ja inflationär geworden sei. „Die Expansion der Verantwortung führt zur Entleerung des Verantwortungsprinzips“, so Heidbrink. „An die Stelle der Eingrenzung und Zurechnung von Verantwortung tritt die permanente Organisation der Verantwortungslosigkeit.“

So breite sich ein Bewusstsein der Unkontrollierbarkeit aus, entstehe ein Gefühl der Überforderung. „Die Verantwortung ist schwer zu greifen.“ Ihre Last in einer Gesellschaft der „organisierten Unverantwortlichkeit“ führe zu Burnout und Depressionen. Abwehrstrategie sei dann die Flucht aus der Verantwortung.

Drei Ursachen hat Heidbrink für die Leugnung von Verantwortung identifiziert: unklare Zuständigkeiten („Das ist nicht meine Aufgabe“), individuelle Wirkungslosigkeit („Da kann ich nichts machen“) oder fehlendes Schadensbewusstsein („Es ist doch nichts passiert“).

Die Verantwortung abzuwehren, setze jedoch voraus, zwischen dem, was sich tatsächlich nicht verantworten lasse und dem, wofür sich jemand als nicht verantwortlich erkläre, zu unterscheiden, betonte der Referent. Diese Unterscheidung sei wichtig, „um die Verantwortung auf ein vertretbares Maß einzugrenzen. Der Nachweis der berechtigten Unverantwortlichkeit vermeidet falsche Erwartung, Überlastungen und riskante Verantwortungsrhetorik.“

Statt diffuser Verantwortungsprozesse gelte es, „Räume der Verantwortung“ zu schaffen, so die Empfehlung von Heidbrink. „Menschen müssen sich als Urheber ihrer Handlungen erfahren, selbstverantwortlich agieren können und Kenntnisse über ihre Handlungsfolgen haben. Als solche Räume der Verantwortung identifizierte er zum Beispiel organisatorische Feedback-Kulturen und soziale Bezugsgruppen, aber auch eine werteorientierte Ausbildung. Ergänzt werden müsse diese an Werten orientierte Selbststeuerung durch Verhaltensregeln und Kontrollmechanismen.

„Nur innerhalb begrenzter Verantwortungsräume lassen sich Zuständigkeiten regeln“, so Heidbrinks Fazit. Der damit zugleich mögliche Nachweis der Unverantwortlichkeit erhöhe die Glaubwürdigkeit von Unternehmen und Konsumenten. Drei Thesen bildeten sein Schlusswort: „Es kann besser sein, die Unverantwortlichkeit als die Verantwortlichkeit zu kommunizieren. Niemand ist für alles verantwortlich, aber für vieles zuständig. Wer wofür zuständig ist, hängt vom Einfluss, vom Wissen und der Wertschätzung der Handlungsziele ab.“

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