Spannender Blick auf das Gangelt um 1500

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Gut besucht war der Vortrag vo
Gut besucht war der Vortrag vom Lutz Vorbach, der sich mit der Kindheit Gerhard Mercators und Gangelt um 1500 beschäftigte. Foto: Hamacher

Gangelt. Was haben Albrecht Dürer und Gerhard Mercator gemeinsam? Beide verließen sie Gangelt durch das Sittarder Tor. Verärgert von Zoll verlangenden Wegelagern hatte Dürer in Gangelt nicht einmal Station gemacht und den Ort in seinen Analen nur in einem einzigen Satz erwähnt.

Also kein Material, aus dem die Nachfolgenden eine Geschichte hätten stricken können. So berief sich der Gangelter Galerist Lutz Vorbach eben nur auf diesen Satz und machte das im Weiteren auch, wenn es um die vielen unbelegbaren Behauptungen rund um Gerhard Mercator ging. Denn auch der hat Gangelt selber nur einmal in seinen Schriften erwähnt. Speziell das war der Grund dafür, dass Lutz Vorbach nicht der Bitte von Bürgermeister Bernhard Tholen nachkommen konnte, einen ausführlichen Vortrag über das Leben des Gerhard Mercator als Kind in Gangelt zu erarbeiten.

Vorbach konzentrierte sich in dem ersten von drei geplanten Vorträgen auf das Gangelt um 1500, die Lebenszeit des berühmtesten Sohnes des Ortes. Erfreulich, dass Bernhard Tholen über 100 Gäste im Rathaus begrüßen konnte, typisch, dass bestenfalls die Hälfte davon Gangelter waren. Mitarbeiter der Verwaltung, Stadtführerin Monika Tholen und die Zeise-Ritter waren in mittelalterlichen Kostümen erschienen. Lutz Vorbach, der für seine exakten Recherchen bekannt ist, verstand es an diesem Abend, Teile der Gangelter Geschichte von Halbwahrheiten und Hinzugedichtetem zu befreien und das Ganze mit einer ordentlichen Portion an feinem Humor zu würzen. Vorbach verbeugte sich vor den Menschen und Verfassern von Schriften, die ihm als Quellen für seine Recherchen dienten.

Der Grundriss des Dorfes hat sich in den letzten 500 Jahren kaum verändert; auch viele Familiennamen gab es damals wie heute. Die Linie der Kreiten zieht sich durch die Geschichte, Horrich(s) findet man durchgehend, ein Meuffels war damals wie heute Angestellter der Stadt und die Dynastie der Hamacher bekleckerte sich beim Bewachen der Stadtmauern nicht immer mit Ruhm. Der Ort war von Feldern umgeben und - so hatte es Vorbach bei Kritzraedt gefunden - es bestand Einvernehmen darüber, „das Schweigsamkeit und Mäßigung die schönsten aller weiblichen Tugenden seien”. 1512 wurde Gheert Kremer (Mercator) im belgischen Rupelmonde geboren. Wenige Jahre seiner Kindheit verlebte er in Gangelt. Die Eltern, Hubert und Emerentia, stammen aus dem Ort und der Vater war Schuhmacher. „Über die Zeit, die die Familie in Gangelt verbracht hat, gibt es keinen einzigen Beleg, eben nur den Mercatorsatz, dass er als Kind dort war”, erklärte Lutz Vorbach.

Man weiß also nichts über den Standort des Wohnhauses oder der Kinderzahl bei den Kremers - alles hierzu beruht auf Vermutungen. Vorbach erzählte von rund 600 pflichttreuen Bürgern, deren Leben von Arbeit, Feuersbrünsten, Hungersnöten, Pest und Roter Ruhr in dieser Zeit geprägt wurde. Der Schuhmacher Kremer erhielt für ein Paar Lederschuhe einen Gulden. Dafür musste der gemeine Arbeiter sechs Tage arbeiten - konnte sie sich im Grund nicht leisten. Man trug Klompen. „Die Familie Kremer zog also aus wirtschaftlicher Not fort - und nicht nur sie.” Im 16. Jahrhundert wanderten immer wieder Handwerker nach Aachen oder Maastricht ab. 1530 nahm Gheert Kremer beim Studium in Löwen die lateinische Übersetzung seines Namens, Gerhard Mercator, an. Das war damals ein üblicher Brauch. Ungeklärt bleib auch für Lutz Vorbach die Frage, warum ehedem Hubert Kremer mit seiner schwangeren Frau im Winter den 155 Kilometer langen Weg von Gangelt nach Rupelmonde kurz vor Mercators Geburt auf sich genommen hatte. Was Lutz Vorbach nun vortrug, war ein spannender Blick auf eine Zeit, die rund 500 Jahre zurück liegt und deren Chronist der Jesuit Jacobus Kritzraedt (1602-1672) war. Der habe aber nicht selten „in verklärender Weise” über seinen Lieblingsort im Gebinde der umliegender Dörfer geschrieben, hatte Vorbach beim Studium dieser Schriften heraus gefunden und belegte dies mit amüsanten Textstellen.

Aber auch Kritzraedt erwähnt Mercator nur an einer Stelle. „Neben dem vielen Wissen, das wir Kritzraedt verdanken, verdammt er uns gleichzeitig zu einem Nichtwissen, das schmerzt”, so Vorbach, der davon ausgeht, dass der damals schon bekannte Mercator aus der Erinnerung der Gangelter gelöscht werden sollte, da er in Kritzraedts Augen einer der gehassten Lutheraner war - wieder eine Halbwahrheit, wie sich herausstellen sollte. Während draußen das Licht der untergehenden Sonne langsam vom nahen Burgturm wich, attestierte Vorbach, dass man aber nicht vergessen dürfe, „wir verdanken Kritzraedt schlicht alles, was wir über die Gangelter Geschichte dieser Zeit wissen!” Über das Machtsystem der Zeit, als der Bürgermeister noch für das Minus im Stadthaushalt selber haften musste, das Rechtswesen und die Bedeutung des Gotteshauses, spannte Lutz Vorbach den Bogen bis hin zu der besonderen Stellung des Bruches im Rodebachtal und das Schützenwesen, das vor der St. Johanni-Bruderschaft, gegründet 1631, schon die St. Sebastianus- und St. Antonius-Bruderschaft kannte. Gleich fünf Wirtshäuser „Im weißen Pferd”, „In der Kronen”, „Int Vercken”, „In der verkehrten Welt”, „wilde Merten”, oder „Im wilden Mann” waren wohl nicht nur Orte friedlicher Geselligkeit. Das Gesundheitswesen fußte auf einer guten Idee, setzte aber gegen die Seuchen des Mittelalters abenteuerliche Mittel ein. Auch für die Mittellosen sorgte man. Der Armenmeister führte die Armenliste, die in der Regel rund zehn Namen enthielt: „Auf der Liste standen stets die städtischen Angestellten!” Gleich nach dem Vortag kamen die ersten Ideen auf, die Summe der drei Vorträge in einem Buch heraus zu bringen.

Bei seinem nächsten Vortrag am 1. September wird sich Lutz Vorbach mit der Zeit Mercators in Rupelmonde, Löwen und Duisburg beschäftigen. Das Spannungsfeld zwischen den beiden Polen Humanismus und Inquisition dieser Zeit, zwischen der Gedankenfreiheit und dem Versuch, diese zu verhindern, wird ein weiteres Thema sein.

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